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Jennifer Teege: »Warum hat mir keiner die Wahrheit gesagt?«

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Jennifer Teege war nach ihrem Vortrag gefragte Gesprächspartnerin und signierte bereitwillig Exemplare ihres Buchs »Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen«. Foto: Anzeiger/Jander

Berchtesgaden – Es liegt eine fast bleierne Stille auf dem Auditorium des Obersalzberger Gesprächs. Mit entwaffnender, fast schonungsloser Offenheit spricht Jennifer Teege über ihr dunkles Familiengeheimnis, an dem sie fast zerbrochen wäre: Die hochgewachsene Frau mit nigerianischen Wurzeln ist die Enkeltochter des KZ-Kommandanten Amon Göth, der als »Schlächter von Plaszow« Eingang in die Geschichtsbücher fand. Aufgearbeitet hat sie ihre Familiengeschichte in dem Buch »Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen«.


In der Reihe der Obersalzberger Gespräche sticht dieses heraus: Es ist keine wissenschaftliche Abhandlung eines Themas und auch kein Zeitzeugengespräch. Jennifer Teege gehört zur zweiten Generation der sogenannten Täternachkommen. Und nähert sich deshalb dem Nationalsozialismus aus einem ganz anderen, nicht weniger dramatischen Blickwinkel. Erst vor wenigen Jahren ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers zufällig auf ihr dunkles Familiengeheimnis gestoßen. In einer Bücherei fiel ihr ein Buch über die Tochter des KZ-Kommandanten Amon Göth auf. Sie erkannte viele auf den Fotografien abgebildete Menschen. Da wurde ihr klar: Ihre Mutter Monika ist die Tochter von Amon Göth.

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Für Jennifer Teege brach mit dieser Erkenntnis ihr bisheriges Leben zusammen. Wie dramatisch sich die Folgen ihrer Entdeckung darstellen, daran lässt sie ihre Zuhörer beim Obersalzberger Gespräch mit einer Lesung aus ihrem Buch teilhaben. Der Schock saß tief, sie zog sich von Mann und ihren zwei Kindern zurück, Depressionen quälten sie. Denn auch ohne die Enthüllung ihres Großvaters hat Jennifer Teege viel mitgemacht: Kurz nach der Geburt ins Kinderheim gebracht, mit sieben Jahren zur Adoption freigegeben und in einer Pflegefamilie aufgewachsen.

Die Frage, die sie quält: »Warum hat mir keiner die Wahrheit gesagt?« Sie begann zu recherchieren, fuhr nach Polen und Israel, wo sie auch einige Jahre studiert hat, und forschte ihren Großeltern nach.

Amon Göth war der Prototyp des sadistischen KZ-Kommandanten und weltweit bekannt als Gegenspieler von Oskar Schindler in Steven Spielbergs preisgekröntem Film »Schindlers Liste«. Historisch überliefert ist eine Szene des Films, in der Göth von dem Balkon seiner Villa mit einem Präzisionsgewehr wahllos Häftlinge des Lagers Plaszow erschießt. Historiker gehen davon aus, dass er persönlich mehr als 500 Menschen ermordet hat. 1946 wird Amon Göth nach einem Gerichtsverfahren in Polen gehängt.

Seine Tochter Monika war zu diesem Zeitpunkt noch kein Jahr alt. Amon Göths Frau Ruth zieht das Kind auf und wird auch zu ihrem dunkelhäutigen Enkelkind Jennifer, das 1970 geboren wird, ein inniges Verhältnis haben. »Sie hat mich stolz im Kinderwagen durch Schwabing geschoben«, erinnert sich Jennifer Teege. Aber sie erinnert sich auch daran, dass die Großmutter bis zuletzt ein Foto von Amon Göth über ihrem Bett hängen hatte. Ruth Göth nahm sich nach einem Interview mit einem Journalisten für eine Dokumentation über ihren Mann und Oskar Schindler das Leben – zu dem Zeitpunkt schon schwer gezeichnet von einer Krankheit.

Jennifer Teege sucht am Obersalzberg das Gespräch mit ihren Zuhörern. Nach der Lesung bitte sie um Fragen und hält fest: »Alles ist erlaubt, auch Privates.« Zunächst kommen nur stockend Fragen, die Zuhörer verarbeiten noch das Gehörte. Doch entwickelt sich ein spannender Dialog. Die Referentin berichtet freimütig über die Umstände, warum ihre Mutter sie nach der Geburt weggegeben hat. Und wie schwer viele Jahre später die Annäherung gefallen ist.

Sie geht darauf ein, dass »Amon« eigentlich ein jüdischer Name ist – genauso wie Ruth – und dass Amon Göth gerne »Moni« genannt wurde, was wiederum den Namen seiner Tochter erklärt: Monika. Ebenso wird sie gefragt, warum sie für ihr Buch den Untertitel »Mein Großvater hätte mich erschossen« gewählt hat. »Ich bin das absolute Gegenteil dessen, was man von der Linie Göth erwartet. Und ich stehe für den Wert Menschlichkeit.«

Das zieht sich wie ein roter Faden durch das Obersalzberger Gespräch und wird besonders deutlich, wenn Jennifer Teege ihre Triebfeder beschreibt: »Andere Täternachkommen begegnen ihrer Familie mitunter hasserfüllt. Ich gehe auf einer sehr persönlichen Ebene damit um und versuche zu verstehen, Antworten auf die Frage nach dem Warum zu finden. Nur das hilft uns für die Zukunft.« Thomas Jander