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Kirchenmusikerin im vollen Umfang rehabilitiert

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Berchtesgaden: Kirchenmusikerin im vollen Umfang rehabilitiert
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Kirchenmusikerin Elke Michel-Blagrave ist froh, dass das Arbeitsgericht ihr in allen Punkten recht gegeben hat. (Foto: Christoph Merker)

Berchtesgaden – Mit einem Vergleich endete jetzt die Kündigungsschutzklage nach der außerordentlichen fristlosen Kündigung der Kirchenmusikerin Dr. Elke Michel-Blagrave durch die Evangelische Kirchengemeinde. Das Arbeitsgericht Rosenheim sah keinerlei Grund für die Kündigung und sprach der Kirchenmusikerin die höchstmögliche Abfindung zu.


Dr. Elke Michel-Blagrave verzichtet freiwillig auf eine Rückkehr in das alte Arbeitsverhältnis, da diese Stelle inzwischen durch eine andere Musikerin besetzt wurde und sie ihr die Arbeitsstelle nicht wegnehmen möchte.

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»Man muss seinen Frieden finden«, stellt Elke Michel-Blagrave fest und mit dem vom Rosenheimer Arbeitsgericht unter dem Vorsitz von Richter Dr. Alexander Winklmann beschlossenen Vergleich kann sie gut leben.

»Beide Seiten haben damit ihr Gesicht gewahrt«, und das ist der passionierten Musikerin sehr wichtig. Deswegen hat der Vorsitzende Richter auch versucht, einen Urteilsspruch möglichst zu vermeiden, und den Vergleich vorgeschlagen. Trotzdem ist Michel-Blagrave froh, dass alle Vorwürfe, die ihr vonseiten der Evangelischen Kirchengemeinde und der Pfarramtsleitung durch Pfarrer Peter Schulz gemacht worden sind, durch das Gericht vollständig entkräftet und als haltlos zurückgewiesen worden sind. Damit ist die Musikerin vollständig rehabilitiert und es zeigte sich, dass Pfarrer Peter Schulz und der Kirchenvorstand nicht jene Sorgfalt an den Tag gelegt haben, die im Umgang mit der Mitarbeiterin angemessen gewesen wäre.

Als Auslöser der fristlosen Kündigung kann das Gedenkkonzert für Dr. Heinz Loewe in der St.-Andreas-Kirche am 20. Oktober 2018 gelten. Gerade ein Gedenkkonzert für einen Mäzen, der mit einem sehr hohen Geldbetrag die Renovierung der Orgel in der Christuskirche mit ermöglicht hatte und durch die Gründung einer Stiftung die Kirchenmusik in der Evangelischen Gemeinde fördern und unterstützen wollte, wurde von Pfarrer Peter Schulz zum Anlass genommen, Elke Michel-Blagrave fristlos zu kündigen und ihr das Hausverbot zu erteilen. Angeblich habe die Musikerin dadurch, dass sie in einer katholischen Kirche im inneren Landkreis ein Gedenkkonzert für den großzügigen Spender der Evangelischen Gemeinde gegeben hatte, gegen das Konkurrenzverbot verstoßen. Laut Meinung von Pfarrer Schulz hätte Elke Michel-Blagrave als Chorleiterin des Kammerchores in ihrer Freizeit kein Konzert bei der katholischen Konkurrenzorganisation geben dürfen.

Das Konzert fand an einem Samstag statt, am Sonntag hat Elke Michel-Blagrave noch auf der neu renovierten Orgel in der Christuskirche gespielt, das letzte Mal, wie sich später herausstellen sollte. An diesem Tag fanden auch die Kirchenvorstandswahlen statt. Pfarrer Schulz hat an diesem Tag noch den alten Kirchenvorstand kurzfristig einberufen, der die fristlose Kündigung und das Hausverbot ausgesprochen hat. Doch auch der neu gewählte Kirchenvorstand trug diese Entscheidung weiter. Der Musikerin, die seit 1988 in der Gemeinde tätig war und die den von allen Seiten sehr gelobten Kammerchor aufgebaut und der Kirchenmusik in der Gemeinde einen weithin hervorragenden Ruf eingebracht hat, blieb auch unter dem neuen Kirchenvorstand gekündigt.

Was Elke Michel-Blagrave sehr verletzt hat: Nie hat ein Mitglied des Kirchenvorstandes jemals das Gespräch mit ihr gesucht, nie kamen Nachfragen und nie haben sich Menschen, die sie schon so lange als Musikerin kennen, sich für ihre Sichtweise der Dinge interessiert. Auch mit Pfarrer Schulz fand keine Kommunikation statt, aber das war Michel-Blagrave schon von früher gewohnt, denn er sprach schon vor dem Gedenkkonzert nicht mehr direkt mit ihr und alles lief nur über kurze Mails.

Das war der Vorteil für Michel-Blagrave, denn so konnte sie dem Gericht die Art und Weise der Kommunikation mit dem Pfarrer dokumentieren. Das Gericht folgte der Argumentation der Musikerin und legte eine sehr hohe Abfindung fest. Zusammen mit dem noch nicht ausbezahlten Restgehalt beläuft sich der Betrag auf über 20.000 Euro. Doch wird dieser Betrag die klamme Kasse der Kirchengemeinde wahrscheinlich nicht belasten, denn laut Kirchengemeindeordnung müssen bei einem solchen grob fahrlässigen Handeln die Kirchenvorsteher den entstandenen Schaden aus eigener Tasche begleichen.

Während der Prozesszeit von fast zwei Jahren stellte die Kirchengemeinde inzwischen eine neue Kirchenmusikerin ein. Das war für Elke Michel-Blagrave der Grund, warum sie auf eine Wiedereinsetzung in ihre alte Stelle freiwillig verzichtete und den Antrag auf Auflösung des Arbeitsverhältnisses gestellt hat, denn sie wollte der Musikerin und Kollegin nicht den Arbeitsplatz wegnehmen.

Seit der unberechtigten Kündigung hat sich Michel-Blagrave mehr auf ihre Tätigkeit als Klavierlehrerin an der Musikschule Freilassing und Berchtesgaden konzentriert und hat in anderen Gemeinden an der Orgel ausgeholfen. »Für mich ist die Arbeit als Kirchenmusikerin kein Job, sondern ich empfinde sie als Berufung.« Darum hat sie den Kammerchor in Berchtesgaden auch weiterhin ehrenamtlich geleitet. In welcher Form und wie der geachtete Chor weitergeführt wird, das wird sich in der nächsten Zeit ergeben. Die großartigen Konzerte hatten regelmäßig viele Besucher angezogen und sie hatten bis zur Kündigung zum Renommee der Evangelischen Kirchengemeinde beigetragen. Gerne würde sie auch wieder in der Christuskirche Konzerte geben, aber da das unberechtigt ausgesprochene Hausverbot noch immer nicht von Pfarrer und Kirchenvorstand aufgehoben wurde, bleiben die Kirchentüren für die engagierte Kirchenmusikerin bis jetzt verschlossen.

Christoph Merker

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