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Die vier von der »Anklagebank«, auf der Landrat Bernhard Kern (v.l.) mit seinen Ko-Referenten Dr. Joaquin Kersting (leitender Notarzt), Dr. Stefan Paech (medizinischer Direktor der KSOB) und Dr. Uwe Gretscher (KSOB-Vorstandsvorsitzender) allerdings auf keinen Fall sitzen wollte. (Foto: Thomas Jander)

Kliniken stemmen sich gegen die Verunsicherung

Berchtesgaden – Der Zuspruch aus der Bevölkerung war riesig, die Stimmung angespannt, die Diskussion emotional: Rund 400 interessierte und besorgte Menschen fanden sich zu der Informationsveranstaltung über die Strukturreform der Kreiskliniken Südostbayern (KSOB) in der Aula des Berchtesgadener Gymnasiums ein. Darunter waren alle fünf Talkessel-Bürgermeister sowie zahlreiche Mandatsträger aus Gemeinderäten und Kreistag. Ebenfalls auszumachen waren Vertreter der Freunde der Kreiskliniken aus allen Landkreisteilen sowie aktuelle und ehemalige Beschäftigte der KSOB.


Die ursprünglich aufgestellten 240 Stühle waren schnell zu wenig. Landrat Bernhard Kern war kurz vor Beginn eine gewisse Anspannung durchaus anzumerken. Mit dabei hatte er Führungspersonal der Kliniken mit Dr. Joaquin Kersting (leitender Notarzt), Dr. Stefan Paech (medizinischer Direktor der KSOB) und Dr. Uwe Gretscher (KSOB-Vorstandsvorsitzender).

Zusammen bestritten die vier die Einführung zu dem Informationsabend und präsentierten in rund 80 Minuten die Inhalte der Strukturreform sowie die konkreten Auswirkungen auf die Klinik Berchtesgaden. Das sorgte mitunter schon für Unmut bei den Zuhörern, die frühzeitig Fragen stellen wollten.

Die Kerninhalte der Vorträge: Die Reform ist notwendig, um keinen der sechs Klinikstandorte im Verbund zu gefährden; der schnelle Umbau der Inneren Medizin in Berchtesgaden ist notwendig, um das neue Angebot der orthopädischen Reha zeitnah zu realisieren; schwere Notfälle werden seit Jahren nach Bad Reichenhall gefahren; eine Überlastung der dortigen Notfallambulanz ist durch das geringe Fallaufkommen aus Berchtesgaden ausgeschlossen; für nicht lebensbedrohliche Notfälle soll eine Lösung gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten gefunden werden.

Einiges davon wurde aus den Reihen der Zuhörer immer wieder mit Gelächter und höhnischem Applaus quittiert. Zweifel an den dargestellten Zahlen und Informationen wurden laut und hörbar.

Landrat: »Nicht alle in der Kommunikation erreicht«

Zunächst war es aber der Landrat, der betonte, dass alle Beteiligten »die bestmögliche Krankenversorgung für unsere Bürger« erreichen wollen. Aber er stellte auch ausführlich dar, dass es schon über ein Jahr her ist, seit das medizinische Konzept erarbeitet und öffentlich vorgestellt wurde. Kern berichtete von vielen Gesprächen, Dialogen, öffentlichen Sitzungen, Internet-Informationen und dergleichen mehr, ohne allerdings eine Bürger-Resonanz zu erreichen, wie es jetzt der Fall ist: »Wir haben in der Kommunikation scheinbar nicht alle erreicht.« Der Landrat kündigte aber an, sich »nicht vom richtigen Weg abbringen zu lassen«, ungeachtet von Berichterstattung in den Medien und Leserbriefen. Denn: »Wir sind den bisherigen Weg solide und mit Weitblick gegangen. Um alle drei Standorte zu erhalten, müssen wir diese Chance unbedingt nutzen, damit wir für die Zukunft optimal aufgestellt sind.«

Ebenso skizzierte der Landrat schwierige Rahmenbedingungen für die Strukturreform und nannte hier unter anderem gesetzliche Vorgaben, die Nähe zu Hallein und Salzburg, aber auch die Coronapandemie. Er kündigte an, den Bürgerantrag »sehr ernst zu nehmen«, hoffte aber gleichzeitig, dass dieser nicht »zu viel Zeitverzug und Kosten« mit sich bringt. Vor allem hoffte Kern aber, dass der Infoabend »Verunsicherungen klären«, für Verständnis bei den Bürgern sorgen kann und »Sie mit uns diesen Weg gehen«. Für die 15-minütige Einleitung gab es verhaltenen Applaus.

Konzept »nicht vom Himmel gefallen«

Zum wiederholten Male stellte anschließend KSOB-Vorstandsvorsitzender Dr. Uwe Gretscher das künftige medizinische Konzept der Kreiskliniken vor. Ihm waren offensichtlich deutliche Worte wichtig: »Das ist nichts, was vom Himmel gefallen ist, sondern das Extrakt von zahlreichen Analysen und Gesprächen. Unser Ziel ist die Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung, nicht die Schließung von Krankenhäusern und Abteilungen oder das Reduzieren von Leistungen.« Aber er hob auch hervor: »Was in der Vergangenheit an Standorten möglich war, ist es heute nicht mehr und morgen erst recht nicht.«

Dr. Gretscher zitierte Gesundheitsminister Klaus Holetschek, der erst vor wenigen Tagen vor einem drohenden Kollaps des Gesundheitswesens warnte: »Das liegt auch daran, dass viele immer noch glauben, überall alles anbieten zu können.« In diesem Zusammenhang hob er hervor, dass die Spezialisierung als Fachklinik eine »unglaubliche Chance« für Berchtesgaden ist.

Der Vorstandsvorsitzende betonte auch, wie schwierig es ist, den steigenden Personalbedarf angesichts eines zunehmenden Arbeitskräftemangels zu bewältigen und warb um Verständnis für die Belastungen: »Der Job im Krankenhaus hört nie auf. Sieben mal 24 Stunden muss die Versorgung sichergestellt sein, das verdient unseren Respekt.«

Allerdings räumte er Probleme mit der Notaufnahme in Bad Reichenhall in der Vergangenheit ein: »Wir hatten da personelle Schwierigkeiten. Aber jetzt gibt es eine neue Leitung, das Team ist neu aufgestellt und es kommen Umbaumaßnahmen. Ich bitte Sie, geben Sie den Kollegen eine Chance, das zu bewältigen.«

Nur wenige Notfälle in Berchtesgaden

Mit der Feststellung, dass die Zuständigkeit für die ambulante Versorgung – auch für Notfälle – grundsätzlich »erst mal bei den niedergelassenen Ärzten« liegt, leitete er über zu Dr. Joaquin Kersting. Der leitende Notarzt verdeutlichte anhand von Zahlen einerseits, dass die Rettungsfrist von 12 Minuten in über 80 Prozent der Fälle eingehalten werden kann und damit die gesetzliche Vorgabe erreicht ist. Er informierte zudem über das Fallaufkommen in Berchtesgaden. Durchschnittlich sind es dort demnach 1,35 Notfallpatienten pro Tag: »Das spielt im Gesamtaufkommen keine Rolle, wenn die woanders eingewiesen werden.« Er versuchte in diesem Zusammenhang zu erklären, dass das nur Patienten sind, die vom Rettungsdienst transportiert werden, nicht die, die selber kommen.

Hier muss nach Dr. Kersting deutlich unterschieden werden: »Es gibt kritische Diagnosen, da muss der Patient möglichst schnell in die richtige Spezialklinik.« Er nannte dazu sechs Fallgruppen, unter anderem Herzinfarkt und Schlaganfall. Hier hat er ein Missverständnis ausgemacht: »Das ist es, was den Rettungsdienst wesentlich ausmacht, diese Patienten zu versorgen. Keiner von denen geht nach Berchtesgaden, jetzt schon nicht. Das würde an einen Kunstfehler heranreichen.« Deswegen kam Dr. Kersting zu dem Schluss, dass sich aus Rettungsdienst-Sicht die Notfallversorgung in Berchtesgaden »nicht verschlechtert«.

An diesem Punkt setzte auch der medizinische Direktor Dr. Stefan Paech an: »Es ist schon seit 10 bis 15 Jahren so, dass schwere Notfälle nicht mehr nach Berchtesgaden gefahren werden. Das ist kalter Kaffee.« Für alle anderen sollen Lösungen gesucht und gefunden werden. Dr. Paech erläuterte, dass nach 22 Uhr im Durchschnitt lediglich ein Patient zu verzeichnen ist, der selbst als ambulanter Notfall »fußläufig« in die Klinik Berchtesgaden kommt: »Für diese nicht lebensbedrohlichen Fälle braucht es vor Ort ein Angebot, das muss organisiert werden. Das ist allerdings primär in der Zuständigkeit der niedergelassenen Ärzte.« Die entsprechenden Räumlichkeiten könnten in der Klinik ohne Weiteres zur Verfügung gestellt werden.

Zukunftsperspektive ist »hervorragend«

Der medizinische Direktor widmete sich aber vor allem der zukünftigen Ausrichtung des Standorts Berchtesgaden, die teilweise ohnehin bereits Realität ist: »Das ist seit Jahren schon vom Profil her eine Fachklinik, das ist nichts, was am Horizont steht.« Er lobte »herausragende Auslastung«, »überdurchschnittliche Fallschwere«, »Alleinstellungsmerkmale innerhalb der KSOB« und die »hervorragende Zukunftsperspektive« – dies nicht zuletzt aufgrund des Angebots der orthopädischen Rehabilitation, die zuvor an der Schön-Klinik angesiedelt war. Für ihn ist dies eine »klare Weiterentwicklung«, die allerdings nun auch schnell »ans Netz gehen« muss.

Ebenso betonte Dr. Paech, dass die Innere Medizin in Berchtesgaden nicht geschlossen wird, sondern Betten behält. Und warb erneut für ein ergänzendes Angebot in Sachen Ambulanz: »Wir stehen für Gespräche mit den niedergelassenen Kollegen bereit, um ein Angebot für die nicht-schweren Notfälle zu schaffen.«

Das sollte auch eines der vielen Themen der nachfolgenden Diskussion sein (Bericht in der Donnerstagsausgabe).

Thomas Jander

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