»Laborwerte braucht kein Mensch«

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Dr. Bartl Wimmer gründete vor 23 Jahren die Firma Synlab. Daraus entwickelte sich ein Konzern mit rund 20 000 Mitarbeitern. (Foto: Patrick Vietze)

Berchtesgaden – 400 Millionen Euro hat dem Labordienstleister Synlab Anfang vergangener Woche der Gang an die Börse eingebracht. Darüber freut sich auch der Berchtesgadener Unternehmer Dr. Bartl Wimmer, der die Firma als junger Laborarzt vor 23 Jahren gründete. Heute ist der 60-Jährige immer noch viertgrößter Gesellschafter des Münchner Unternehmens und Mitglied im Aufsichtsrat. Im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« blickt der Berchtesgadener zurück auf die Entwicklung Synlabs von einer kleinen Firma zu einem weltweit agierenden Konzern mit 20  000 Mitarbeitern, spricht über die Zukunftsaussichten und gewährt Einblicke in sein eigenes Engagement.


Herr Dr. Wimmer, der Börsengang von Synlab hat dem Unternehmen 400 Millionen Euro eingebracht. Kann man damit zufrieden sein?

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Dr. Bartl Wimmer: Ich glaube, der Börsengang ist insgesamt ein Erfolg. Ich glaube auch, dass das Unternehmen absolut reif für einen Börsengang ist – und es war jetzt auch der absolut richtige Schritt. Ich glaube, die preisliche Bewertung hätte noch etwas Luft nach oben gehabt, trotzdem habe ich das sehr befürwortet. Ich bin ja nach wie vor einer der größeren Gesellschafter in dem Unternehmen, habe mich auch nicht verabschiedet und werde mich auch nicht verabschieden. Die 400 Millionen Euro tun dem Unternehmen insgesamt schon gut. Damit konnte nun die Schuldenlast auf ein sehr vernünftiges Maß gesenkt werden.

 

Mit 18 Euro lag der Ausgabepreis ja am unteren Ende der ursprünglich angepeilten Spanne. Hat Sie das nicht enttäuscht?

Wimmer: Nein, gar nicht, weil ich mir recht sicher bin, dass der Börsenkurs weiter steigen wird. Die Investoren waren halt der Meinung, dass das Corona-Geschäft, das für Synlab schon ein gutes Geschäft ist, praktisch nicht bewertet wird. Das ist einerseits schon richtig, weil es vermutlich nicht noch fünf Jahre so weitergehen wird. Aber andererseits ist es für mich eine sehr, sehr vorsichtige Bewertung. Aber ich kann damit leben, weil ich nur einen kleinen Teil meiner Aktien verkauft habe. Das ist letztlich im gelungenen Börsengang das wichtigere Signal als der eine oder andere eingenommene Euro.

Sie sagten, mit den Einnahmen wurden bereits Schulden getilgt. Welche Strategie steckt denn sonst noch hinter dem Börsengang?

Wimmer: Das Unternehmen ist ja praktisch schon vorher zum führenden medizinischen Labordienstleister in Europa aufgestiegen. Der europäische Markt ist ungefähr genauso groß wie der amerikanische. Dabei haben die beiden größten amerikanischen Unternehmen ungefähr die Hälfte des Marktanteils und die beiden größten Europäer haben vielleicht zehn Prozent Marktanteil. Und bei uns gibt es immer noch Tausende von kleineren Unternehmen. Viele dieser kleineren Unternehmen könnten wohl noch integriert werden, hin zu einer flächendeckenden Versorgung in Europa. Synlab erbringt ja weltweit medizinische Dienstleistungen – und das ist schon nach wie vor eine Chance. Und mit dem Geld, das jetzt eingespielt wurde, kann man diese Strategie, die sich schon über 20 Jahre bewährt hat, sicherlich noch zehn, 15 oder 20 Jahre lang fortsetzen.

Corona hat Synlab eine erhebliche Umsatzsteigerung gebracht. Kann sich das tatsächlich nach der Pandemie fortsetzen?

Wimmer: Das wird von den Margen her wahrscheinlich erst einmal wieder auf das alte Niveau zurückgehen. Ich persönlich glaube, dass die Infektiologie in Deutschland und in Europa aber einen viel zu geringen Stellenwert hat. Das Fachgebiet wird sicherlich eine Aufwertung bekommen, zumal viele Infektionskrankheiten wieder zurückkommen. Man hat ja gesehen, dass sie zumeist nicht einfach wieder verschwinden. Darum ist Synlab hier schon gut aufgestellt.

Wie groß war denn Ihr persönliches Mitwirken an diesem Börsengang?

Wimmer: Ich bin ja immer noch im Aufsichtsrat und außerdem der viertgrößte Gesellschafter von über 100. Ich gehörte auch dem circa sechsköpfigen Steering Committee, also dem Steuerungsausschuss, an, der die grundlegenden Entscheidungen für den Börsengang getroffen hat. Das war für einen Rentner wie mich durchaus aufwendig. Da habe ich also schon eine gewisse Rolle gespielt, die Hauptlast aber hat natürlich das Management getragen. Und da bin ich bewusst draußen. Drei bis vier Wochen vor dem Börsengang war schon jeden Tag mindestens eine Videokonferenz oder ein Briefing. Das war schon zeitraubend; zwar interessant, aber man muss es nicht dauernd haben.

Als einer der größten Gesellschafter mit erheblichen Anteilen profitieren Sie also auch ganz persönlich vom Synlab-Erfolg?

Wimmer: So könnte man es formulieren, ja.

Hätten Sie denn bei der Gründung von Synlab gedacht, dass das Unternehmen einmal solche Dimensionen annehmen wird?

Wimmer: Nein. nie. Ich habe die Entwicklung mal mit einer Bergtour verglichen. Wenn man den Berg am Anfang sieht, kann man sich eine Besteigung nie vorstellen. Ich bin aber sozusagen über die Voralpen, über Hügel gestiegen. Dahinter hat man dann den nächsten Gipfel und dann wieder den nächsten Gipfel gesehen. Das war also eine Art Aufstieg über viele Etappen, wobei man Gott sei Dank den großen Gipfel gar nicht gesehen hat, sonst hätte man wahrscheinlich schon nach kurzer Zeit aufgegeben. Das war also nie so geplant, und es gehört ja auch viel Glück dazu.

In Ihrem Dank an die Firma und die Mitarbeiter schreiben Sie: »Möge Ihnen auch als börsenorientiertes Unternehmen immer klar sein, dass ein medizinischer Diagnostikdienstleister immer den Patienten im Auge behalten muss.« Die Aktionäre wird wohl allerdings mehr die Rendite als der Patient interessieren.

Wimmer: Das sehe ich ganz anders. Die beiden Investor-Firmen haben durchaus verstanden, was das Unternehmen ausmacht. Die Labore haben oft das Image, nur Laborwerte zu produzieren. Laborwerte aber braucht kein Mensch, dafür gibt die Gesellschaft kein Geld aus. Die Labore gewähren vielmehr erhebliche Unterstützung, um Diagnosen, die therapeutische Konsequenzen haben, möglichst schnell und effizient und rational für alle Patienten zu finden. Das ist der einzige Grund, warum die Gesellschaft meines Erachtens Geld für Labortests ausgeben sollte. Mir war es immer wichtig, dass das auch die Leute im Unternehmen verstehen. Da kann man dann auch nicht um Punkt 17 Uhr heimgehen, wenn für die Diagnose eines Patienten eine wichtige Entscheidung ansteht, die über seine weitere Therapie oder möglicherweise sogar über Leben und Tod entscheidet.

Was ist denn eigentlich aus den Ermittlungen gegen Synlab durch die Staatsanwaltschaft geworden? Es bestand ja der Verdacht, dass das Unternehmen Sozialleistungen hinterzogen und Kurierfahrer als Scheinselbstständige beschäftigt haben könnte.

Wimmer: Eines der beiden Verfahren ist mittlerweile eingestellt, ein zweites läuft noch. Ich werde das nicht näher kommentieren, kann aber nur sagen: Über diesen Sachverhalt haben sicherlich Dutzende, wenn nicht Hunderte von Rechtsanwälten drüber geschaut und eine Bewertung vorgenommen. Sie haben gemeint, man könne auch mit so einem Ermittlungsverfahren einen Börsengang machen. Jedenfalls: Ich bin mit mir im Reinen.

Ihr Aktienpaket werden Sie vermutlich so schnell nicht abgeben. Aber wie lange wollen Sie sich noch persönlich im Aufsichtsrat engagieren?

Wimmer: Ich bin jetzt mal für vier Jahre gewählt. Synlab ist ja jetzt ein mitbestimmtes Unternehmen, in dem sechs Personen vonseiten der Anteilseigner und sechs von den Arbeitnehmern dabei sind. Ich habe mich noch mal breit schlagen lassen, dass ich einen dieser Aufsichtsratsausschüsse leite. Da geht es vor allem um sozial-ökologische Belange. Es ist für mich ganz nett, dass ich da von meiner grünen Seite her noch einen Input geben kann. Ich werde das natürlich nicht im operativen Geschäft machen, aber ich möchte schon dafür sorgen, dass die Ziele im Unternehmen weiterhin ehrgeizig sind.

Ulli Kastner

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