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Wie zur Eröffnung bereit: der großzügige Eingangsbereich der neuen Dokumentation Obersalzberg. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Langer Atem für Dokumentation Obersalzberg

Berchtesgaden – Der riesige Eingangsbereich mit der langen Theke ist verlassen, scheint aber für die Eröffnung bereit. Wenn da nicht all die Lieferschwierigkeiten wären, die dafür sorgen, dass das Gebäude im Berghang erst mal Dauerbaustelle bleiben wird. Dr. Sven Keller, Leiter der millionenfach besuchten Dokumentation Obersalzberg, steht die Ungeduld ins Gesicht geschrieben. Wann wird endlich eröffnet?


Neun Jahre liegt der Architekturwettbewerb zurück, bei dem der Erweiterungsbau Thema war. Es gab damals Preise für die besten Architektenarbeiten: Den Versuch, einen konzeptionellen Ansatz in funktionale Logik zu verwandeln, war das Ziel. Herausgekommen ist nach langem Bauprozess ein Gebäude im Berg, diskret versteckt. »Ein großer Bau wäre die falsche Message gewesen«, sagt Sven Keller bei einem ersten Besuch. Ein umfangreiches Bildungsangebot soll der Sensibilisierung und Aufarbeitung der NS-Vergangenheit dienen. Ein opulenter Bau wäre der falsche Weg gewesen.

Medienvertretern war der Besuch des Neubaus, der eine konsequente Weiterführung des Erfolgsprojekts ist, bislang verwehrt geblieben. Für 170 000 Besucher pro Jahr war die alte Dokumentation schnell zu klein geworden. Dass der Fokus der Aufmerksamkeit lange Zeit nicht auf die Großbaustelle fallen sollte, hatte mehrere Gründe und so war die Baustelle unweit der seit 1999 bestehenden Doku lange Zeit Brutstätte schlechter Nachrichten. Planungsfehler und Architektenwechsel führten zu Verzögerungen. Ständige Kostensteigerungen dämpften die Vorfreude. Noch immer ist unklar, wie sich all das Tohuwabohu auf die gedeckelten Kosten von rund 30 Millionen Euro auswirken wird. »Dann kam der russische Angriffskrieg«, sagt Sven Keller – und plötzlich ging am Obersalzberg gar nichts mehr.

Tatsache ist: Das Gebäude ist soweit fertig. Vor rund einem Jahr hatte das verantwortliche Staatliche Bauamt Traunstein den Bau an das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ) übergeben, damit die Historiker mit dem Einbau der seit langem konzipierten Ausstellung beginnen können: Auf 800 Quadratmetern soll die bewegte Geschichte erzählt werden. Fünf Minuten Fußmarsch entfernt hatte Hitler in seinem Berghof weitreichende und todbringende Entscheidungen gefällt.

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Dr. Sven Keller, Leiter der Dokumentation Obersalzberg.

»Die Ausstellung ist grundsätzlich fertig«, sagt der Leiter. Dann sagt er mehrere Sekunden nichts. Die Verzögerung ärgert den IfZ-Mitarbeiter. Keller bestätigt das.

Viele der Einzelteile liegen verpackt in den Ecken des gewaltigen Raumes, in dem später mal die aus fünf Kapiteln bestehende Dauerausstellung Besucher empfangen wird. Aus der Decke hängen Elektrokabel. An den langen, sich durch das Gebäude spannenden Stegen soll einmal die Beleuchtung installiert werden. »Wir warten auf die Mikrochips«, sagt Keller. Seitdem in Europa Krieg ist und Lieferschwierigkeiten ganze Branchen einschränken, lassen die nötigen Teile auf sich warten. Alle sind betroffen, auch die Doku: »Die Putzbeleuchtung haben wir im Februar 2022 bestellt.« Ein knappes Jahr später ist diese immer noch nicht geliefert. Große Mengen entspiegelten Museumsglases lassen weiter auf sich warten. »Das ist extrem schwer zu bekommen«, so Historiker Keller. Entweder ist der Mangel so groß oder eben die Nachfrage. »Wer braucht schon Museumsglas«, mutmaßt Keller. Tatsache ist: Das Ergebnis findet sich im Preis. Dieser ist extrem gestiegen, nicht nur für Glas, auch für Elektronikchips, Holz und alle anderen Dinge. Sven Keller sagt: »Viele Dinge, die wir brauchen, sind horrend teuer geworden.«

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Es hapert an verfügbarer Ware. Die Lieferzeiten sind lang. Deshalb kann die bereits fertiggestellte Ausstellung auch noch nicht aufgebaut werden.

Weil gewisse Gewerke voneinander abhängig sind, ist es nicht möglich, den zweiten vor dem ersten Schritt zu tun. Die teuren Grafikplatten, die Besuchern künftig den Nationalsozialismus anschaulich vermitteln sollen, bleiben erst mal eingepackt.

Für die Dokumentation Obersalzberg bedeutet das weitestgehend Stillstand, wenn auch nicht ganz: »Das, was geht, wird natürlich gemacht.« An mehreren Wänden hängen bereits die eigens für die Ausstellung konzipierten Unterkonstruktionen aus Holz, viele Latten, an die die Ausstellungsmöbel später nur noch eingehängt werden. Weil die Ungeduld bei den Beteiligten wächst, und bei manchen Posten nicht klar war, wie sich die allgemeine Lage entwickelt, wurde in der Ausstellung mancherorts bereits umgeplant. »Natürlich versuchen wir, jetzt schnell zu Potte zu kommen«, sagt Keller. Was soll er auch anderes sagen? Vor eineinhalb Jahren sollte ursprünglich geöffnet werden. Politische Ambitionen, die in Aussagen mündeten, das »Leuchtturmprojekt« (Söder) schon 2018 zu eröffnen, zeigten sich vorab als überambitioniert und waren schließlich substanzlos. Jetzt heißt es »voraussichtlich Herbst 2023«. Für Keller stirbt die Hoffnung zuletzt.

Kilian Pfeiffer

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