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Lautstark in Richtung Politik

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Diese Demonstrantin wirbt für die Öffnung von Ferienwohnungen für den »sichersten Urlaub«.

Berchtesgaden – Rund 150 Personen klopfen auf Töpfe, trommeln und pfeifen, eine vierköpfige Musikgruppe beschallt den Weihnachtsschützenplatz und die Glocken scheppern: So laut wie am Montagmittag war es im Markt schon lange nicht mehr. »Wir machen auf die unfassbare Ungleichbehandlung aufmerksam«, erklärt Einzelhändler Berni Zauner, der Bettenfachgeschäfte in Berchtesgaden und Bad Reichenhall betreibt. Es drohe eine Pleitewelle großen Ausmaßes – »künstlich erzeugt«.


Wenn das Reden nicht helfe, gehe man auf die Straße, sagt ein Teilnehmer des lautstarken Protestes, der am Montagmittag unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen stattfand. Mehrere Taxifahrer haben ihre Fahrzeuge platziert, einige Teilnehmer klopfen mit Flaschen auf große Plastikwannen. Eine Vermieterin reckt ein Schild in die Höhe. Darauf steht: »Ferienwohnung mit Abstand der sicherste Urlaub. Lasst uns öffnen zu Ostern.« Die genehmigte Veranstaltung wird von vier Polizisten überwacht. Neben ihnen stehen Händler und Gastronomen, die nach eigener Aussage »schon lange nicht mehr können«. »Wir wollen auf die Ungerechtigkeit aufmerksam machen«, sagt Christoph Göttges, einer der Veranstalter. Wegen steigender Inzidenzwerte greife ab kommenden Mittwoch wieder das Konzept »Click and Collect«. Bürger können Waren bestellen und dann auf Termin abholen. »Click and Meet«, bei dem man nach Terminvereinbarung den Händler besuchen konnte, gibt es dann erstmal nicht mehr. Es ist ein Teil der Notbremse, die die Staatsregierung bei steigenden Inzidenzwerten eingeführt hat. »Große Ketten dürfen hingegen alles verkaufen«, sagt Zauner. Und auch Göttges, der per Lautsprecher zu den Bürgern spricht, kann es nicht nachvollziehen, dass den Einzelhändlern ihre Chancen verwehrt werden: »Wir möchten unsere Eigenverantwortung zurück«, sagt er. Göttges fordert, zu jenem Zustand zurückzukehren, der im Sommer herrschte. Damals hatten die Geschäfte geöffnet, Hotels ebenso – unter Einhaltung aller vorgeschriebenen Hygieneauflagen. »Das Handeln der Regierung ist in vielen Bereichen nicht mehr nachvollziehbar.« Nur noch Kopfschütteln kann Göttges ob der Tatsache, dass Bürger zwar wieder in Spanien ihren Urlaub verbringen können, das eigene Land aber dicht bleibt. Das Problem im Berchtesgadener Land ist bekannt: Es wird überproportional viel getestet. »Es ist klar, dass bei uns die Werte so hoch liegen«, ist Göttges überzeugt. Seine Hoffnung, dass sich dies jemals wieder ändere, ist mittlerweile gering. »Wir werden niemals dauerhaft den Wert von 35 und 50 erreichen. Und selbst die magische 100 zu halten, ist fast unmöglich.«

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Eine Antwort auf die Fragen, weswegen die Inzidenzwerte als alleiniger Maßstab genommen werden, hat Berni Zauner noch nicht erhalten. Ein Trupp Berchtesgadener Unternehmer hatte sich vor kurzem mit Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber getroffen, um ihre Situation zu erklären. »Die Politik vernichtet unseren Mittelstand«, sagt Zauner, der nach eigener Aussage etliche unruhige Nächte hinter sich hat. Der Schaden, der dem Markt Berchtesgaden drohe, sei groß, wenn sich die Situation nicht bessere. Dann sei dieser sogar irreparabel. Zudem drohe eine Veränderung des Ortsbildes. »Die Ungleichbehandlung schädigt uns als Tourismusort.«

Der Widerstand, der sich unter Gewerbetreibenden mittlerweile gebildet hat, ist gewaltig. Das weiß auch Landrat Bernhard Kern, der gemeinsam mit den Bürgermeistern fleißig Briefe an die Staatsregierung schreibt. Mit eher geringem Erfolg. Gesundheitsminister Klaus Holetschek soll ihm auf seinen zweiseitigen Brief hin eine WhatsApp geschrieben haben. Kern bestätigt das. Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp war beim Protest am Montag ebenfalls anwesend, ohne das Wort zu ergreifen. »Man darf sich erwarten, dass der Bürgermeister auch etwas sagt und laut wird«, sagt ein Teilnehmer.

»Wir haben massiv an unserem Polster gezehrt«, so Zauner. Bei vielen sei dieses aufgebraucht. Für Christoph Göttges war der Protest im Markt ein voller Erfolg. »Wir hoffen, dass Ihr kommenden Montag wiederkommt«, sagt er. Dann soll das Zentrum Berchtesgadens ein weiteres Mal mit Pauken und Trompeten beschallt werden.

Kilian Pfeiffer

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