Mehr Natur sich selbst überlassen

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Dr. Roland Baier informierte über Forschungsprojekte.
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Dr. Sebastian Seibold. (Fotos: Werner Bauregger)

Berchtesgaden – Der Leiter der Nationalparkverwaltung Berchtesgaden, Dr. Roland Baier, und Dr. Sebastian Seibold nahmen den Festakt am Königssee wahr, um auch über die konkreten Vorhaben, die Zielsetzung für die Zukunft und die laufenden Forschungsprojekte zu informieren.


Wie Dr. Baier sagte, kann mit einer der größten Umweltschutzmaßnahmen im Nationalpark, der Verlegung eines Abwasserkanalrohes zur Fischunkelalm bereits in Kürze begonnen werden. Baier bedankte sich hier insbesondere beim Schönauer Bürgermeister Hannes Rasp, der die Maßnahme sehr engagiert begleitet und mit vorbereitet habe. Danach ging der Nationalparkleiter intensiv auf den Prozessschutzgedanken ein, der im Kern zum Ziel habe, die Natur ohne Eingriffe sich selbst zu überlassen. Dieser Naturschutzgedanke reifte im Europäischen Naturschutzjahr 1970. In diesem Jahr nahm in Bayern das erste Umweltministerium seine Arbeit auf und es wurde der erste Nationalpark im Bayerischen Wald installiert. Der Alpen-Nationalpark Berchtesgaden folgte 1978. Eine große Rolle spielte in dieser Zeit der Gedanke, die Ursprünglichkeit und Kraft erhalten zu wollen. Als Prozessschutz verstand man, möglichst wenig in die Natur einzugreifen und sie ihrer Eigendynamik zu überlassen, weil man davon ausging, dass sich das Gebiet so statisch in dem Zustand erhält, wie es ursprünglich bestand. Der Klimawandel spielte damals keine Rolle. Lediglich über das Waldsterben oder den sauren Regen gab es in den 1980er-Jahren größere Diskussionen. Dass sich das Klima ändert und diese Dynamik antreibt, spielte weder bei den Entscheidungsträgern, noch bei den Wissenschaftlern eine Rolle. Trotz eines enormen Drucks auf Nationalparkverwaltung und die Politik blieb man aber auch bei der großflächigen Zerstörung von Waldgebiet im Nationalpark Bayerischer Wald dem Prozessschutzgedanken treu und lies die Entwicklung, auch in dieser enormen Dynamik, laufen.

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Auch im Nationalparkplan Berchtesgaden soll heuer noch festgeschrieben werden, dass 75 Prozent der Kernzone in Zukunft sich selbst überlassen wird. Dies ist so auch im Bundesnaturschutzgesetz und bei der Weltnaturschutzunion (IUCN) festgeschrieben. Dies bedeutet für die Zukunft, dass in diesen Bereichen weder bei Lawinenabgängen, Muren, Windbruchereignissen, Borkenkäferbefall oder anderen Schadereignissen eingegriffen wird. Durch diese Entscheidung wird diese Fläche zur Referenzfläche für andere Naturschutzgebiete und eröffnet der Forschung enorme Wirkungsmöglichkeiten. Bereits jetzt konnten enorme Erkenntnisse gewonnen werden. Aus der nun 43-jährigen Erfahrung konnte im Rahmen eines Forschungsprojekts auch abgeleitet werden, dass durch den Klimawandel im Gebirge der Wald schneller wächst, aber auch schneller abstirbt.

Dr. Sebastian Seibold freute sich, dass der Festakt an der Eisbachmündung auf der ausgedehnten Schotterfläche stattgefunden hat, da sich hier ein ganz besonderer, dynamischer Lebensraum befindet, in dem man den Prozessschutzgedanken perfekt vorführen könne. Der Eisbach ist relativ kurz. Auf dieser kurzen Strecke verlagert er bei Hochwasser aber ständig sein Kiesbett und lagert dabei die Kiesbänke ständig um. Im Seitenbereich werden die Flächen hingegen nicht so oft überschwemmt und die Vegetation kann sich dort ansiedeln. Solche dynamische Lebensräume findet man kaum mehr in Kulturlandschaften. Dort sind die Flussläufe meist begradigt und verbaut.

Am Eisbach sind es eher die kleinen Lebewesen, die ganz etwas Besonderes sind, wie etwa der Kiesbankgrashüpfer. Aber nicht nur diese Offenlandfläche, sondern auch die Wälder im Nationalpark sind in einer sehr hohen Qualität erhalten geblieben. Ein Beispiel dafür findet sich im Reitl, direkt gegenüber von St. Bartholomä gelegen. Dort sind die Bestände sehr nahe dem Zustand eines Urwalds, es finden sich dort auch so genannte Urwald-Reliktarten, die genau solche Lebensbedingungen mit viel Totholz, alten Bäumen und einer sehr langen Habitatstradition brauchen. Ohne Naturschutz wären sicher viele dieser Lebensräume durch den hohen Besucherdruck längst zerstört.

Dieses Erbe gilt es zu erhalten, obgleich auch im Nationalpark der Klimawandel zu Veränderungen führen wird. Umso wichtiger sind Beobachtungen und Forschungen. Insgesamt sind, wie im Eisbachdelta gut sichtbar, verschiedene Fang- und Messstationen auf insgesamt 200 Flächen verteilt, um den Artenbestand ermitteln zu können. Zu diesem Zweck sind an den Forschungspunkten unter anderem Insektenfallen, unterschiedliche Messstationen, Fotofallen oder Stimmenrekorder installiert. Um die Pilzbestände feststellen zu können, werden dort auch Bodenproben genommen. Geplant ist, solch ein Monitoring im Abstand von zehn Jahren durchzuführen.

Werner Bauregger

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