Bildtext einblenden
Lücken im Radwegenetz des Talkessels gibt es genug, immer wieder stehen Radler vor dem »Ende«-Schild. Auch in Richtung Ramsau ist das so. (Fotos: Thomas Jander)

»Meilenweit von Alltagsradwegenetz entfernt« – Unterstützer des »Radentscheids« sehen im Talkessel Handlungsbedarf

Berchtesgaden – Ein breites Bündnis von Parteien und Verbänden unterstützt den »Radentscheid« Bayern. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat bei Vertretern und Mandatsträgern aus dem Berchtesgadener Land nachgefragt, wie sie zu der Initiative stehen und wo es speziell im Berchtesgadener Talkessel konkret Verbesserungsmöglichkeiten gäbe.


Günter Wolf ist Vorsitzender des Radsportvereins Berchtesgadener Land und verweist auf den Boom in Coronazeiten und den Trend zum E-Bike: »Nur, unsere politischen Entscheidungsträger, auf welcher Ebene auch immer, haben diesen Trend noch nicht so recht wahrgenommen – oder verdrängt, weil er Initiativen oder neue Sichtweisen auf unsere Mobilität fordert. Daher wird das Volksbegehren Radentscheid vom Radsportverein nach Kräften unterstützt. Wir wünschen uns, dass endlich viel mehr Menschen mit dem Fahrrad unterwegs sind und auch gefahrlos unterwegs sein können, um damit zu ihrer eigenen Gesundheit, aber auch zum Schutz unserer Umwelt ein gutes Stück beizutragen – von den Senioren, die mit dem E-Bike auch im höheren Alter noch mobil sind, bis hin zu den Schülern, die, wenn es die Entfernung zulässt, heute schon in Scharen mit dem Radl so selbstverständlich zur Schule fahren.«

Hans Metzenleitner, SPD-Ortsvorsitzender sowie Kreis- und Gemeinderat aus Bischofswiesen, sieht ebenfalls dringenden Handlungs- und Investitionsbedarf: »Wir sind gerade im Talkessel noch meilenweit von einem kompletten und verkehrssicheren Alltagsradwegenetz entfernt. Im 2018 vom Kreistag verabschiedeten Mobilitätskonzept für den Landkreis wird daher auch die Radwegesituation der Talkesselgemeinden mit »ausreichend bis mangelhaft« eingestuft – und seither ist noch nicht viel passiert. Finanzmittel vom Land flossen bisher eher spärlich, den Radwegeausbau allein den Kommunen aufzudrücken, sprengte deren finanzielle Leistungsfähigkeit. Weil es häufig nicht am guten Willen der Kommunalpolitik mangelt, sondern schlicht und einfach am Geld, ist so ein erfolgreicher Radentscheid, der den Freistaat politisch und finanziell zu größerer Unterstützung beim Ausbau der Radinfrastruktur zwingt, gerade in Zeiten der Energiewende bitter notwendig.« Handlungsbedarf sieht er unter anderem bei einem durchgängigen Radweg von Berchtesgaden zum Hintersee, einer sicheren Route nach Marktschellenberg sowie auf den Strecken von Bischofswiesen nach Berchtesgaden, sowohl über Stanggaß als auch über Strub.

Wilhelm Winkler, Kreisvorsitzender der ÖDP, verweist auf den hohen Finanzbedarf: »Die ÖDP fordert seit Jahrzehnten wirksame Maßnahmen zur Begrenzung der Erderwärmung, verursacht durch den zu hohen Ausstoß von CO2. Nur durch eine konsequente Verkehrspolitik, die einerseits den ÖPNV gezielt fördert und andererseits dem Radverkehr durch strukturelle Maßnahmen – durchgängiges Radwegenetz und Fahrradschnellwege – wesentliche Verbesserungen einräumt, kann das anvisierte Ziel erreicht werden. Das bedeutet, dass auch die kommunalen Haushaltsmittel für Verkehrsmaßnahmen deutlich in Richtung für fahrradfreundlichen Ausbau zu verschieben sind. Der Sicherheit der schwächsten Verkehrsteilnehmer, das sind die Fußgänger und Radfahrer, muss eine wesentlich höhere Priorität eingeräumt werden.«

Paul Grafwallner, Vorsitzender der »Bund Naturschutz«-Ortsgruppe Berchtesgaden, ist ebenfalls überzeugt vom Volksbegehren: »Geld und Personal fehlen und nicht mehr zeitgemäße Richtlinien und Straßenverkehrsgesetze verhindern derzeit rasche Verbesserungen der Radinfrastruktur. Zudem ist den Städten und Gemeinden weitestgehend allein überlassen, ob und wie sie den Radverkehr fördern und sie bekommen dabei zu wenig Unterstützung vom Freistaat. Bei Neubau, Umbau, Ausbau und Sanierung von Straßen und Radwegen ist auf eine Minimierung der Flächeninanspruchnahme und Versiegelungswirkung zu achten. Dieses so im Gesetzentwurf des Volksbegehrens formulierte Ziel ist für den Bund Naturschutz richtungsweisend.« Als konkrete Maßnahme mahnt er die bereits 2017 im Gemeinderat von Bischofswiesen für die Ortsdurchfahrt auf beiden Straßenseiten beschlossenen Schutzstreifen für Radfahrer an.

Eine andere Sicht auf die Situation hat die Stimmkreisabgeordnete MdL Michaela Kaniber; die äußert sich wie folgt: »Gerade bei uns im Berchtesgadener Land geht es bei den Radwegen nicht nur um Mobilität für die hier lebenden Einwohner, sondern um die Attraktivität als Tourismusregion für unsere Gäste. (...) Bis zum Jahr 2025 will die Bayerische Staatsregierung den Anteil des Radverkehrs am Gesamtverkehr auf 20 Prozent steigern. Dazu nehmen wir auch sehr viel Geld in die Hand und investieren in das Radwegenetz, 80 bis 90 Millionen Euro jährlich. In den Jahren 2020 und 2021 sind so beispielsweise 200 Kilometer Radwege an Bundes- und Staatsstraßen neu gebaut beziehungsweise ausgebaut worden. Die Bayerische Staatsregierung unterstützt ihre Kommunen beim Bau von Radwegen enorm: Die Fördersätze für den Bau von Radwegen an Kommunalstraßen hat mein Kollege, der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter, erst im März auf 80 Prozent erhöht. Bayern möchte Radland Nr. 1 in Deutschland sein und das betreiben wir mit viel Engagement sehr erfolgreich.«

Um Stellungnahmen gebeten hat der »Berchtesgadener Anzeiger« auch beim Kreisvorstand von Die Linke und bei Bündnis 90/Die Grünen im Talkessel, allerdings blieben die Anfragen trotz Erinnerung unbeantwortet.

Thomas Jander

Mehr aus Berchtesgaden