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Beim Ausbauen dieser Deckplatte aus dem Fußboden wurde 1964 unbeabsichtigt die Doppelgrabkammer der Pröpste Pienzenauer und Leoprechtinger geöffnet.

Missgeschick offenbart byzantinischen Seidenstoff

Berchtesgaden – Im Museum Schloss Adelsheim sind in einer Mauernische der ehemaligen Hauskapelle verschiedene Exponate ausgestellt – unter anderem Stoffreste und ein Paar Schuhe –, bei denen es sich laut Beschreibung um »Grabfunde aus dem 1964 in der Stiftskirche geöffneten Grab von Propst Peter II. Pienzenauer (1404-1432) und Propst Bernhard Leoprechtinger (1446-1473)« handelt. Was hat es mit diesen »Grabfunden« auf sich?

Pröpste fanden letzteRuhe in der Stiftskirche

Die Berchtesgadener wurden jahrhundertelang auf dem Friedhof zwischen Stifts- und Pfarrkirche bestattet, ehe 1683 der »Alte Friedhof« neben der Franziskanerkirche angelegt wurde. Die Chorherren des Augustinerchorherrenstiftes wurden in der Regel im Kreuzgang oder Kapitelsaal (heute Martinskapelle) beigesetzt. Nur die Pröpste hatten das Privileg, in der Stiftskirche ihre letzte Ruhe zu finden. Davon zeugt eine ganze Reihe von Grabsteinen in verschiedenen Ausführungen. Insbesondere im Kreuzgang und in der Martinskapelle findet man noch heute im Boden eine Vielzahl von Grabplatten, die eine Gruft abdecken beziehungsweise abdeckten. In der Stiftskirche stechen die großen, prächtigen Propstgrabmonumente ins Auge, die liegend, schräg oder stehend an den Wänden angebracht sind. Darunter sind auch Grabdenkmäler, die noch zu Lebzeiten von den Pröpsten selbst in Auftrag gegeben wurden – hier ist vor allem das Grabmal von Fürstpropst Gregor Rainer auf der linken Seite des Altarraumes zu nennen. Beigesetzt wurden die Pröpste meist in kleinen gemauerten Grabkammern in der Nähe des jeweiligen Grabdenkmals.

Grabplatte mit Stiftswappen entdeckt

Als die Stiftskirche 1877 im Rahmen von Restaurierungsarbeiten ein neues Pflaster bekam, wurden einige in den Boden eingelassene Grabplatten entfernt. Der 1. Cooperator (= Pfarrvikar, Anm. d. Red.) Max Reiter hat deren Lage in einem Grundriss festgehalten und ein paar der zum Vorschein gekommenen Grüfte beschrieben. In den Grabkammern, die teilweise mit Erde oder Schutt aufgefüllt waren, fanden sich eingefallene Särge, Totenschädel, Gewänder sowie ein hölzerner Bischofsstab. Bei den Renovierungsarbeiten, die Pfarrer Otto Schüller 1964/65 durchführen ließ, wurde unter anderem das vorher durch einen Mittelgang getrennte Gestühl im Langhaus zu einem Block zusammengeschoben, weil die Bänke vorher so weit in die Seitenschiffe hineinragten, dass von dort kein Blick zum Altar möglich war. Als man deshalb die Bänke im linken Seitenschiff mitsamt dem Bretterbodenbelag entfernte, kam in der nordwestlichen Ecke im Boden eine marmorne Grabplatte (90 x 70 Zentimeter) ans Tageslicht, auf der oben das Stiftswappen, darunter die Wappen der Pienzenauer und Leoprechtinger dargestellt sind. Am Unterrand sind die Todesjahre 1432 und 1473 der beiden Pröpste eingemeißelt.

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Von dem ursprünglich aus einem Stück geschnittenen Grabgewand sind nur noch Fragmente vorhanden. Es zeigt Panther und Greifen. (Fotos: Andreas Pfnür)

Propst Peter II. Pienzenauer ist hauptsächlich durch sein von einem Salzburger Steinmetz aus Rotmarmor meisterhaft gestaltetes Grabdenkmal direkt neben dem Hauptportal in Erinnerung geblieben. Der Propst liegt in vollem Ornat mit Stab und Mitra, in der linken Hand das Messbuch, auf dem Paradebett. Seine Augen sind geschlossen, das heißt, er ist als Toter dargestellt. Seine Füße ruhen auf zwei Löwen, den Sinnbildern gebändigter Kraft. Über ihm hält einer der beiden wappentragenden Engel ein Spruchband mit dem schlichten Wahlspruch »hab got lieb«. Propst Bernhard Leoprechtinger, der nicht der unmittelbare Nachfolger Pienzenauers war – von 1432 bis 1446 regierte Propst Johannes II. Braun –, ließ nicht nur die romanischen Seitenschiffwände der Stiftskirche erhöhen, er baute auch die Vorhalle des Nordportals. Gegenüber dem Stift ließ er vor der bestehenden Befestigungsmauer durch seinen Baumeister Christian Intzinger den Getreidekasten und das Kassierhaus errichten. Propst Wolfgang Griesstetter ließ an dieses Wirtschaftsgebäude später den Arkadenbau anfügen.

Missgeschick offenbart wertvolle Textilie

Um zu verhindern, dass die 1964 freigelegten Wappen-Reliefs von den Kirchenbesuchern im Laufe der Zeit abgetreten werden, entschloss man sich, den Wappenstein aus dem Boden herauszunehmen und daneben in die Wand einzulassen. Dabei passierte einem Arbeiter das Missgeschick, dass beim Rauswuchten der Platte seine Brechstange durch eine entstandene Öffnung in die darunter liegende Doppelgrabkammer (Größe circa 3 x 2 x 2 Meter) fiel und dort zwischen Sargteilen und Knochen liegen blieb. Pfarrer Schüller meldete den Fund unverzüglich dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, durch ein Versehen blieb das Schreiben allerdings wochenlang unbeantwortet. Insofern auf sich allein gestellt, wollte der Pfarrer – die Bauarbeiten mussten ja weitergehen – das Grab in einen würdigen Zustand versetzen, ehe das entstandene Loch wieder verschlossen wird. Die Arbeiter erweiterten deshalb die Öffnung vorsichtig so weit, dass man hinuntersteigen konnte. Zunächst wurden die verfaulten Holzreste der beiden Särge entfernt. Die aufgefundenen Kleiderreste nahm man heraus, dann bettete man die Gebeine in zwei neue, kleine Särge und mauerte die Gruft wieder zu.

Lädiertes Stoffteil wurde zugeschnitten

Das weitere Vorgehen mag gut gemeint gewesen sein, im Ergebnis führte es zu einem unwiederbringlichen Verlust und heute würde man es sicherlich anders machen: Das etwas lädierte größte zusammenhängende Stoffteil – wahrscheinlich eine Tunika oder eine Dalmatika – wurde nämlich nach vorsichtiger Reinigung so zugeschnitten, dass mehrere kleine, relativ gut erhaltene Stofffragmente entstanden, die im Pfarrhaus und im Heimatmuseum aufbewahrt wurden. Auch an der Bergung beteiligte Personen erhielten Stoffstücke, die sie teilweise später wieder zurückgegeben haben. Erst einige Jahre nach ihrer Auffindung wurden die wertvollen Textilien wegen ihrer hohen kunstgeschichtlichen Bedeutung im Bayerischen Nationalmuseum untersucht und konserviert.

Seidenstoff stammt aus dem 12. Jahrhundert

Die Kunsthistorikerin Sigrid Müller-Christensen (1904-1994) verfasste damals eine Broschüre, in der sie das Gewebe des Berchtesgadener Seidenstoffes als »wichtiges Zeugnis der Verflechtungen islamischer und byzantinischer Kunst im hohen Mittelalter« bezeichnet. Der goldbroschierte Seidenstoff aus Byzanz oder dem Orient, der aus dem 12. Jahrhundert stammt, zeigt Greifen (mythische Mischwesen, halb Adler, halb Löwe) mit zurückgewendeten Köpfen sowie gefleckte Panther). Die Greifen und Panther tragen Halsbänder mit Perlen. Blumenverzierte Zickzackbänder teilen die Fläche des Seidenstoffes in Bahnen auf. Außerdem sind Panther und Greifen jeweils durch zwei Schlangen mit Drachenköpfen getrennt. Das Grabgewand des Propstes war in Gold, Rot und Grün auf hellem Grund in Gelb oder Beige ausgeführt und hatte deshalb eine strahlende Farbenwirkung. Zum Zeitpunkt der Bergung waren die früheren Goldfäden schwarz geworden. Sicherlich war der aus fernen Ländern kommende, jahrhundertealte Seidenstoff bereits zu Lebzeiten von Propst Pienzenauer eine außergewöhnliche Kostbarkeit. Außer diesem leider zerschnittenen Kleidungsstück wurden dem Doppelgrab Pienzenauer/Leoprechtinger unter anderem folgende Gegenstände aus dem 14. Jahrhundert entnommen: ein dünner Seidenstoff mit jagenden Hunden, ein Paar goldbestickte Pontifikalschuhe, ein Bischofsstab (Holzkrümme) sowie ein gotischer Pontifikalring.

Ein Großteil dieser Grabbeigaben kann seit vielen Jahren als Dauerleihgaben in der Hauskapelle des Museums Schloss Adelsheim besichtigt werden.

Andreas Pfnür

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