Bildtext einblenden
An Luderplätzen sollen verendete Tierkörper ausgelegt werden. (Foto/Repro: Kilian Pfeiffer)
Bildtext einblenden
Kadaverökologe Christian von Hörmann arbeitet im Nationalpark Bayerischer Wald.

Nationalpark Berchtesgaden: Kadaverökologe plant, verendete Tierkörper für die Forschung auszulegen

Berchtesgaden – Der Tod ist im Ökosystem alltäglich. Wurden verendete Tiere bisher aus dem Wald entfernt, sollen Tierkadaver ab Herbst dieses Jahres im Nationalpark Berchtesgaden gezielt an ausgewählten Stellen ausgelegt werden. Davon profitiert das Ökosystem, sagt Biologe Christian von Hörmann, der als Kadaverökologe einen Beruf mit Seltenheitswert verfolgt und nun Einblicke in die geplante Forschung im Nationalparkzentrum Berchtesgaden gab.


Hitzig ist das Fressen: Wenn Maden den Kadaver eines Rehs verspeisen, wird's schon mal ziemlich warm. Weil Tausende Tiere aneinander »reiben« und Enzyme aktiviert werden, entstehen hohe Temperaturen. Christian von Hörmann vom Nationalpark Bayerischer Wald misst dann Unterschiede von bis zu 30 Grad zur Umgebung. An einem Rotwildkalb maß er mal 47 Grad Celsius – Rekord. Seine Erfahrungen will der Kadaverökologe künftig mit dem Nationalpark Berchtesgaden teilen. Angedacht ist eine langjährige Zusammenarbeit. Abseits von Wanderwegen wollen die Verantwortlichen des einzigen Alpennationalparks Deutschlands Tierkadaver auslegen. Biologen des Schutzparks, wie Matthias Loretto von der TU-München, wollen den Zersetzungsprozess wissenschaftlich begleiten.

Bei der ungewöhnlichen Erforschung von Kadavern beabsichtigt Christian von Hörmann, Einblicke bei gezielten Kadaver-Exkursionen zu gewähren: Interessierte könnten bei Versuchsführungen den Maden und Käfern beim Fressen zusehen, den »süßlichen« Verwesungsgeruch des Körpers wahrnehmen »und auch mal reingreifen und die Wärme fühlen«, sagt der Kadaver-Experte.

Er hat damit bereits Erfahrungen gemacht. Eine vergleichbare Aktion im Nationalpark Bayerischer Wald kam bei Beteiligten gut an. Vor allem geht es um Aufklärung. Generell gilt: Nationalpark-Besucher sollen die Tierleichen nicht zu Gesicht bekommen: Die Auslegeplätze werden versteckt gehalten.

»Wir stehen mit unserer Forschung vor einer großen Herausforderung«, weiß der Biologe. Das Projekt, das er anstößt, geht weit über den Bayerischen Wald und Berchtesgaden hinaus. Auch weitere Nationalparks in Deutschland haben Interesse bekundet und wollen sich an der Kadaver-Erforschung beteiligen. Ein verendeter Schweinswal im Nationalpark Wattenmeer? Gut möglich, dass ein solcher liegen gelassen würde. Angelegt ist das Forschungsprojekt zunächst auf fünf Jahre.

»Das Leben geht erst danach so richtig los«

Welchen Einfluss haben Tierkörper auf die Artenvielfalt? Wie zersetzen sich Tiere unter bestimmten Bedingungen und zu unterschiedlichen Jahreszeiten? Welche Lebewesen beteiligen sich am Prozess? Fragen gibt es viele, Antworten nur wenige. Von Hörmann sagt: »Das Sterben im Wald ist das Ende für ein Tier. Aber das Leben geht erst danach so richtig los.«

Der Biologe hat sich darauf spezialisiert, an besonderen, wenig frequentierten Orten, Tierkadaver zu erforschen. Mehrere Wochen beobachtet er diese. Auch im Nationalpark Berchtesgaden wird es Luderplätze geben, wo totes Tier liegen bleibt. Der Vorteil des Alpennationalparks: die großen Höhenunterschiede. Zersetzungsprozesse laufen in 1 800 Metern Höhe anders ab als etwa im Tal. Je nach Auslegungsort beteiligen sich andere Mitesser. Fliegen, Käfer, »seltsame Organismen« fand der Wissenschaftler bei seinen Tottier-Projekten bereits. Auch solche, die bislang noch nicht nachgewiesen waren. Viele Arten wurden dabei entdeckt, wobei deren Herkunft oft ungeklärt bleibt und damit neue Fragen eröffnet.

Die ersten Besucher eines Kadavers sind die Schmeißfliegen, die den Tierkörper aus bis zu drei Kilometern Entfernung riechen. Sie legen ihre Ei-Pakete, die Geschmeiße, auf dem toten Tier ab. Pro Paket sind es bis zu 250 Eier. »Da kommen beträchtliche Madenmassen zusammen«, sagt von Hörmann. Aus jedem Ei schlüpft eine Made, die wiederum zwischen eineinhalb und zwei Gramm Fleisch frisst, ehe sie selbst zur Fliege wird. Als einer der bekanntesten Vertreter, den man an Kadavern vorfindet, gilt der Totengräber, ein Vertreter der Aaskäfer.

Er bestreicht das verstorbene Tier mit Analsekret, konserviert es damit und gräbt es im Boden ein. Auch einen Fliegentöterpilz hat Christian von Hörmann an Tierkadavern bereits entdeckt. So manche Fliege ist tot, hat aber einen ausgeprägten Hinterleib. Der Pilz tötet die Fliege ab, er wächst durch den Hinterleib aus. Männchen nehmen bei der Kopulation mit dem toten Weibchen den Pilz auf und tragen ihn weiter. Wenn die Infektion fortschreitet, sucht die Ameise ein feuchtes Mikroklima auf, das das Wachstum des Pilzes, nach dem Ableben des Insekts, begünstigt. Waldmistkäfer sind Flüssigkeitenfresser und vor allem am Fett der Tierleiche interessiert. Die Artengemeinschaft am toten Tier ist immens: 92 Käferarten hat von Hörmann gezählt, zudem mehr als 1 800 nicht sichtbare Bakterienarten und weitere 4 000 Pilze.

Ein gewaltiger Nährstoffeintrag

Christian von Hörmann betreibt den Ausflug in die Zersetzungsabläufe toter Körper seit 2017. Er sagt: »Kadaver sind die beste Düngung für den Boden.« So entspricht eine 30 Kilogramm schwere Tierleiche rund »100 Jahre Düngung im Standardagrarsystem an einer Stelle«. Der Nährstoffeintrag ist gewaltig: Muskelproteine, Fette und Zucker gelangen in so massiver Konzentration in den Boden, dass das Ökosystem davon besonders profitiert. Die Biodiversität an den Kadaverorten nimmt überproportional zu. Er vergleicht das mit einem Totholzstamm, der im Wald liegen bleibt und nach und nach eine Reihe von Insekten anlockt, die im Stamm ein neues Zuhause findet. Das Ziel ist ein ganzheitliches Verständnis der Zersetzungsprozesse im Ökosystem.

Auch die Bartgeier Wally und Bavaria, die im vergangenen Jahr im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert worden waren, ernähren sich von Überbleibseln verendeter Lebewesen. Im Fokus stehen die Knochen. »Ein Oberschenkelknochen hat einen vergleichbaren Nährstoffgehalt wie der Oberschenkelmuskel«, weiß von Hörmann. Alles, was stirbt, bezeichne man als Nekromasse, so der Kadaverökologe. Ein »gigantisches Sterben« findet Tag für Tag statt. »Insekten machen dabei viel mehr Biomasse aus als Großtiere.«

Tiere profitieren von Tierleichen

Christian von Hörmann weiß, dass er mit Kadavern nicht nur Arten anlockt, die bereits im Ökosystem vertreten sind. Sein Ziel: Dass diese auch dauerhaft bleiben und nicht so plötzlich verschwinden, wie sie gekommen waren. Von den Tierleichen profitieren viele Tiere. Mithilfe von Fotofallen zeigt von Hörmann, dass auch Luchs und Wildschwein zum Fressen kommen. Selbst Eichhörnchen knacken Knochen wegen des ergiebigen Knochenmarks. Mit Drohnen und weiteren Kameras sollen die Kadaver überwacht werden. Kadaverökologe von Hörmann plant, im Oktober dieses Jahres mit der gezielten Auslegung im Nationalpark zu beginnen. Angedacht sind für jeden Nationalpark charakteristische Tiere, etwa die Gams. Bei einem Steinbock wäre der öffentliche Aufschrei wohl zu laut. Genau einen solchen möchten die Verantwortlichen vermeiden. Begleitet werden soll das Projekt daher von gezielter Öffentlichkeitsarbeit.

Kilian Pfeiffer

Mehr aus Berchtesgaden