Bildtext einblenden
Erst am Ende ihres Rundgangs erreichten die Teilnehmer den Markt, wo sich der sogenannte »Spaziergang« dann auflöste. (Fotos: Kilian Pfeiffer)
Bildtext einblenden
Gedenkdemo des Bündnisses »Berchtesgaden Solidarisch« auf dem Weihnachtsschützenplatz.

»Pandemie ist kein Spaziergang«

Berchtesgaden – Die Unterstützer von »Berchtesgaden Solidarisch« haben am Montagabend bei einer »Gedenkdemo« Gesicht gezeigt, darunter Synlab-Gründer und Kreispolitiker Dr. Bartl Wimmer und der ehemalige Bischofswieser Schulleiter und Kreisrat Hans Metzenleitner. Parallel zur Veranstaltung waren rund 280 sogenannte »Spaziergänger« unterwegs, die ohne Anmeldung gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gingen – dieses Mal jedoch nicht durch den Markt. Die Route war vom Rathausplatz durchs Nonntal, dann über die Treppe zur Koch-Sternfeld-Straße und über den Bräuhausberg zurück. Im Markt löste sich der »Spaziergang« dann auf.


In einem offenen Brief, der am Montagabend vorgestellt wurde, sprachen sich die Mitglieder gegen »Wissenschaftsleugnung und Verschwörungserzählungen« aus (wie berichtet). Im Vorfeld hatte das Bündnis auf der Internet-Plattform change.org Unterstützerunterschriften gesammelt – bis Redaktionsschluss 946. Unterzeichnet haben unter anderem der SPD-Ortsverein in Berchtesgaden, die Vertreter von Bündnis 90, die Jungen Liberalen und die Freien Demokraten sowie mehrere Unternehmen.

Parallelen zum Dritten Reich

Bartl Wimmer, selbst Mediziner und Gründer des weltweit agierenden Labordienstleisters Synlab, sagte: »Ich habe mich dabei ertappt, dass ich müde geworden bin, immer dieselben Argumente zu bringen, aber nicht gehört und nicht verstanden werde von Leuten, die Fakten nicht mehr zur Kenntnis nehmen.« Die Impfquote im Berchtesgadener Land mit derzeit 62,82 Prozent (Zweitimpfungen; Anm. d. Red.) bezeichnete er in »einer solchen Situation« als »beschämend«. Wimmer unterstrich, dass »Spaziergänger nicht alle Nazis sind, wahrscheinlich nur ganz wenige«. Die Gesellschaft habe aber eine Verantwortung, »es gibt Dinge, an die man sich erinnern muss«.

Er erkennt zwei Parallelen zum Dritten Reich: »Was wir heute erleben, ist eine unsägliche Verrohung der Sprache in den Filterblasen in sozialen Medien.« Zudem gelinge es im Diskurs nicht mehr, zu erkennen, was »falsch und was richtig ist«. Nach Wimmers Auffassung lebt Demokratie von einem gemeinsamen Verständnis, »einer gemeinsamen Definition dessen, was wir alle wahrnehmen«. Die Wahrnehmung derselben Fakten sei bei vielen nicht mehr gegeben. »Es gibt Menschen, die sich geimpft haben und glauben, dass sie keine Kinder mehr kriegen können. Für mich ist das furchtbar.« Von einer rationalen Diskussion »haben wir uns weit entfernt«.

Die Gefahren, die weltweit lauerten, seien neben Corona vielfältig. Wimmer nennt die Klimakrise als Beispiel, auch die Tatsache, dass eine Auseinandersetzung mit Atomwaffen denkbar wird. »Wir müssen in solchen Situationen rational denken und handeln und keinen Spinnereien nachhängen, um als Menschheit überleben zu können.« Sein Wunsch: »Wir brauchen wieder eine gemeinsame Sprache.« Momentan träfen »viele radikale Ansichten auf eine schweigende Mehrheit«.

Die jungen Leute, die »Berchtesgaden Solidarisch« gegründet haben, versuchten mit Vehemenz, dagegen anzugehen, »um dem Spuk ein Ende zu bereiten«. Für die Bewältigung dieser Krise sei das ein wichtiger Baustein. Wimmer sagte, er verteidige bei Weitem nicht jede Maßnahme der Regierung. »Aber es ist wichtig zu erkennen, wo heute die tatsächlichen Gefahren drohen.« Sein Unternehmen Synlab habe sich im Laufe der Jahre viel und häufig mit Infektionen beschäftigt.

Furcht vor neuen Virusmutationen

Infektionskrankheiten seien es auch gewesen, die die indigene Bevölkerung Amerikas, zu Hochzeiten rund 100 Millionen Menschen, bedrohten. »Die sind nicht an Gewehrkugeln gestorben, sondern an Infektionskrankheiten wie Pocken, Masern oder Grippe.« Zum Opfer fielen damals rund 95 Millionen Menschen. Die Ausrottung habe nur durch eine sich einstellende Immunität verhindert werden können. »Impfgegnerdiskussionen gab es auch schon bei Pocken und Masern. Das ist vergleichbar mit Corona.«

Die Gefahr, die Wimmer befürchtet: Wenn sich Menschen massenhaft nicht impfen lassen, könnten sich die Mutanten weiterentwickeln. Allein der Zufall entscheide, ob die Varianten gefährlicher oder ungefährlicher seien. »Knapp 40 Prozent sind Realitätsverweigerer im Berchtesgadener Land.«

Der ehemalige Schulleiter Hans Metzenleitner sagte, die Gesellschaft sei an einem Punkt angekommen, »an dem nicht das Virus die große Gefahr bedeutet, sondern eine Infizierung gegen unsere demokratischen Grundwerte«. Er mache sich Sorgen um die Demokratie, die er bis vor Kurzem als »gefestigt« betrachtete. Jahrhunderte nach der Aufklärung gehe eine »Gegenreformation« in den Köpfen mancher Personen vonstatten.

»Ohne Rücksicht auf das Leben anderer«

Als größtes Übel bezeichnete er die »Gleichgültigkeit vieler Bürger und sogenannter harmloser Spaziergänger, die billigend in Kauf nehmen, in einer Reihe mit esoterischen Wirrköpfen und teilweise extremistischen Persönlichkeiten zu demonstrieren«. Das wäre nicht das erste Mal, »dass eine Bewegung ins Rollen gebracht« würde. Aktuell herrsche ein Höchstmaß an Freiheit. Alles könne gesagt werden, »bis hin zum größtmöglichen Unsinn, bei dem ich mich frage, ob nicht eine gewisse rote Linie überschritten wird«. Derzeit gehe es in erster Linie um das Ausleben persönlicher Freiheit, »ohne Rücksicht auf das Leben anderer«. Freiheit ohne Verantwortung sei Egoismus, sagte Metzenleitner.

Rasmus Noeske, Pressesprecher der Fridays-For-Future-Ortsgruppe Berchtesgaden, sagte, Coronapandemie und Klimakrise seien beide menschengemacht, »es gibt Parallelen«. Die Wissenschaft habe aufgezeigt, wie die Krisen bewältigt werden könnten. »Die Konzepte liegen auf dem Tisch.«

Corona: durch wirksame Impfstoffe. Klima: durch die Beendigung der Abhängigkeit von fossilen Ressourcen. Mit Wissenschaftsverweigerung und Verschwörungsideologien komme man nicht weiter, auch nicht mit »Fake News, die zum Tagesgeschäft geworden sind«. Ein Großteil der Beiträge in sozialen Medien wie Telegram sei »einfach nur ekelhaft«, ein konstruktiver Dialog nur auf Basis von Fakten möglich. »Was Klimaleugner früher waren, sind die Coronaleugner heute.«

Die Pandemie sei kein Spaziergang. »Entweder werden Verschwörungsideologien salonfähig gemacht oder wir erkennen die Lösungen und sehen, wofür es sich lohnt zu kämpfen.« In einer Schweigeminute gedachten die Teilnehmer »all jener, die die Pandemie nicht überlebt haben«.

Kilian Pfeiffer

Mehr aus Berchtesgaden