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Eigens gecoacht, mussten die Schüler auf großer Bühne zum Publikum sprechen. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Praxiseinblick in die Wissenschaft – Junge Talente gesucht

Berchtesgaden – Genetik, Solartechnik, Teilchenphysik und Programmierung: Eine Woche hatten Schüler aus dem Berchtesgadener Land, aus Traunstein und Burghausen Gelegenheit, gemeinsam mit Wissenschaftlern zu zu forschen: Die Teilnehmer der MINT-Akademie des Schülerforschungszentrums BGL unter dem Dach der TU München präsentierten bei der Abschlussveranstaltung im AlpenCongress ihre Forschungsergebnisse.


»Die Gesellschaft braucht kluge Köpfe wie euch«, sagte Prof. Dr. Claudia Nerdel, wissenschaftliche Leiterin des Schülerforschungszentrums, und brachte damit im Vorfeld der Präsentation die mehrtägige MINT-Akademie auf den Punkt. Das erste Mal seit Coronabeginn konnte die Veranstaltung ohne Einschränkungen stattfinden, erstmalig wurde sie begleitet von vier Mitarbeitern der Technischen Universität München, die in Zukunft in Vollzeit für das Schülerforschungszentrum abgestellt sind. Neue Ideen, Erfahrungen und Perspektiven sammeln und gleichzeitig Talente finden, das ist das Ziel, das hinter der Bildungseinrichtung steht, die im elften Jahr ihrer Existenz eine Professionalisierung erfahren hat. »Unser Ziel ist es, hier Spitzenkräfte zu finden für eine veränderte Berufswelt. Unsere Wirtschaft braucht euch«, sagte Landrat-Stellvertreterin Elisabeth Hagenauer.

Coaches begleiteten Arbeitsgruppen

Nicht nur wissenschaftliches Arbeiten steht dabei im Vordergrund, auch die Persönlichkeitsentwicklung soll bei der MINT-Akademie gefördert werden. Dazu standen den Schülern die Woche über Coaches zur Verfügung, die die Arbeitsgruppen begleiteten und diese auf die Präsentation ihrer Ergebnisse vor Zuschauern vorbereiteten. Zehn Minuten Zeit hatte jede Gruppe zur Vorstellung der tagelangen Arbeit. Die Teilnehmer aus Realschulen und Gymnasien waren in Arbeitsgruppen aufgeteilt. Sie hatten sich im Vorfeld für Arbeitsaufträge in verschiedenen Bereichen entscheiden können.

So wurde etwa arbeitsgruppenübergreifend an einer Wetterstation gearbeitet, das Gehäuse designt, mittels 3 D-Druck und CNC-Fräse produziert und schließlich gebaut – inklusive eigener Versorgung durch Sonnenenergie. Man habe sich viele Gedanken gemacht, wie man eine Wetterstation sinnvoll und auf den ersten Blick als solche erkennbar umsetzen könne, sagte einer der Schüler. Am Ende hatte sich das Team zu einem an eine Wolke erinnernden Aufbau entschieden. Aber nicht nur das: Auch die Programmierung mithilfe eines Mini-Computers, eines Raspberry Pi, übernahmen die jungen Forscher, entwickelten auf diese Weise die »Intelligenz« der Wetterstation. Schließlich werteten die Teilnehmer Wetterdaten aus und visualisierten diese.

Über den Einfluss der Gene auf das tägliche Leben forschte die Arbeitsgruppe Biochemie. Dort gab es einen Blick hinter die Kulissen des genetischen Codes: Denn in den Naturwissenschaften beginnt nicht jedes Forschungsprojekt im Labor, sondern vieles passiert zunächst am Computer. Wie Mutationen von Erbkrankheiten wie Mukoviszidose sichtbar gemacht werden und strukturelle Veränderung mit speziellen Computerprogrammen visualisiert werden können, lernten die Teilnehmer in diesem Kurs.

Pipettier-Fähigkeitperfektioniert

In der Arbeitsgruppe Mikrobiologie konzentrierten sich die Jungforscher auf Bakterien und Pflanzen. Dabei untersuchten sie, welche Bakterien auf heimischen Pflanzen leben. Mit mechanischen und chemischen Verfahren gelangten die Schüler an die DNA. »Wir haben in der Woche unsere Pipettier-Fähigkeiten perfektioniert«, sagte ein Schüler bei der Vorstellung. Mit verschiedenen computerbasierten Werkzeugen erstellte die Arbeitsgruppe einen Stammbaum und arbeitete die Unterschiede zwischen den Bakterien, die auf den unterschiedlichen Pflanzen leben, heraus.

Weil Kunststoffe aus dem alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken sind und ein Großteil der Bekleidung aus dem essenziellen Bestandteil Polyester bestehen, beschäftigte sich die Arbeitsgruppe Chemie mit der Herstellung von Kunststoffen und wovon deren unterschiedliche Eigenschaften abhängen. Das Motto des Teams: »Hauptsache es kracht und stinkt.« In »leuchtenden« Experimenten mischten sie Lösungen, sammelten Pflanzenproben in der Natur. Zerrieben und mit chemischen Substanzen vermischt, konnten die Schüler Chlorophyll zum Leuchten bringen. Das brachte nicht nur jede Menge Spaß, sondern auch verblüffende Ergebnisse im Chemielabor.

Die Arbeitsgruppe Umweltwissenschaften nahm die Extremwetterereignisse in den Blick, die sich im vergangenen Jahr in Berchtesgaden zugetragen hatten. Mehr über klimatologische und hydrologische Messmethoden zu erfahren, war ihr Ziel. Die These: Ein sich änderndes Klima hat nicht nur Auswirkungen auf die Temperatur und den Niederschlag, sondern auch auf Flüsse und Seen. Am Hintersee in Ramsau erhoben sie an verschiedenen Stellen des Gewässers Daten, führten Messungen an der Berchtesgadener Ache durch und werteten echte Messdatensätze aus dem Berchtesgadener Talkessel statistisch aus – Lufttemperatur, Abfluss und Niederschlag inklusive.

Elastischer Stahl zerspringt klirrend wie Glas, Blütenblätter zerkrümeln wie Keks. Manche Metalle verlieren ihren elektrischen Widerstand und schweben wie von Geisterhand über Magneten. Warum das so ist, klärte während der MINT-Akademie die Physik-Arbeitsgruppe. Wie Materialien bei fast minus 200 Grad reagieren und ihre Eigenschaften verändern, zeigten die Schüler. Ein Selbstexperiment in Videoform gab es obendrein. Die Frage klären, woraus die Welt besteht, und sich auf die Suche nach dem Ursprung zu begeben, war Aufgabe der »AG Teilchenphysik«. Die Teilchenphysik erforscht die kleinsten Bausteine des Universums. Mit dem Aufbau einer Nebelkammer samt Trockeneis begab sich die Gruppe auf Existenzsuche von Materie.

Engelbert Sellmair, Vorsitzender des Fördervereins Schülerforschungszentrum, bedankte sich bei den Schülern für deren Engagement: »Wir wollen die jungen Leute mit dem Angebot begeistern«, sagte er. Der Förderverein hatte es ermöglicht, dass alle Teilnehmer in einer Jugendherberge fünf Tage lang übernachten und sich in Teambuilding-Maßnahmen besser kennenlernen konnten. »Das ist eine wichtige Sache, sich anzufreunden und Netzwerke zu schließen«, so lautete das Fazit von Dr. Stefan Lebernegg, stellvertretender wissenschaftlicher Leiter am Schülerforschungszentrum.

Leuchtturm Forschungszentrum

Das Schülerforschungszentrum sei zum »Leuchtturm« innerhalb der Bildungslandschaft geworden, in der der Fachkräftemangel immer deutlicher spürbar sei. Sellmair selbst ist Unternehmer und liefert seine Produkte in 40 Länder weltweit. »Wir hoffen, dass einige von Euch heimatverbunden sind und bei uns in Zukunft durchstarten wollen«, sagte er. Denn Unternehmen seien nur dann erfolgreich, wenn sie qualifizierte Mitarbeiter hätten.

Kilian Pfeiffer

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