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Protest-Radtour von Berchtesgaden zum Wirtschaftsministerium

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Sein Ziel Berlin hat Torsten Putz Anfang März mit dem Rad erreicht. (Foto: privat/Repro: Pfeiffer)

Berchtesgaden/Berlin – Seinem Unmut Luft machen und ein Zeichen setzen wollte Torsten Putz mit dem Fahrrad. Von Berchtesgaden aus ging es in vier Tagen nach Berlin. Der Sportwissenschaftler mit Berufsverbot, der sich vor dem Lockdown selbstständig gemacht hatte, klagt über ausbleibende Wirtschaftshilfen. Sein Ziel: »Beim Wirtschaftsministerium vorzusprechen.« Er wollte nicht eher gehen, bis er sich Gehör verschafft hatte. Große Unterstützung erhielt er aus dem Netz.


Torsten Putz hatte vor dem Lockdown seine Festanstellung in Salzburg aufgekündigt. Denn Putz hatte eine Vision, sich mit neuer Firma selbstständig zu machen als Triathlontrainer. »Ich habe alles auf eine Karte gesetzt«, sagt er. Die Geschäfte liefen gut, die Trainings wurden angenommen, die Hygienekonzepte zeigten Wirkung, im vergangenen November wäre er ausgebucht gewesen. Mit dem Lockdown kam der tiefe Fall: Berufsverbot. Die als »unbürokratisch« angekündigten Hilfen stimmten ihn milde. Die Ankündigung der Regierung: nicht viel mehr als heiße Luft. Die Unterstützungshilfen blieben bis heute aus.

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Anders die Rechnungen: Die trudeln weiterhin Tag für Tag im Briefkasten ein. Seine 350 Quadratmeter große Halle in Bischofswiesen, die er sich eigens angemietet hat, die nun aber leer steht, nutzten Profisportler, die dort trainieren durften – beruflich bedingt. »Unsere Kinder verfetten daheim vor dem Computer«, sagt Putz. Für ihn ist das eine Art der Ungerechtigkeit, der man nicht tatenlos zusehen könne. »Im Fernsehen sieht man jeden Tag Menschen zusammenkommen: Der Bachelor, Let’s Dance. Alles beruht auf regelmäßigen Corona-Tests«, sagt er. Wieso funktioniert das also nicht auch bei ihm und seinem Unternehmen?

Die vergangenen Monate haben dem Berchtesgadener mit Kölner Wurzeln großes Kopfzerbrechen bereitet. Torsten Putz hatte sich etwas aufgebaut – mit Erfolg. »Dass ich schließen musste, war unverschuldet«, sagt er. Stille Proteste hält er für ein gutes Mittel. Manchmal muss man allerdings auch laut werden, um gehört zu werden. Seine Fahrt nach Berlin war dann trotzdem mehr Kurzschlussreaktion als von langer Hand geplant, berichtet er. Seine Frau bezeichnete ihn noch als »Knallkopf«. Torsten Putz sagt: »Als Kölscher Jung zieht man es durch, wenn man sich etwas vorgenommen hat.«

Ende Februar kündigte er auf Facebook sein Vorhaben an, mit dem Rad nach Berlin zu fahren – um ein Zeichen zu setzen. Sein Ziel: das Wirtschaftsministerium, »dahin, wo es weh tut«, sagt er. Drei Adressen hatte er dazu im Internet gefunden: »Ich wollte alle abklappern und so lange bleiben, bis man mir zuhört.« Zeit genug hatte er ja.

Die Reaktionen im Internet auf seine Ankündigung seien gewaltig gewesen. »Wenn ich könnte, würde ich mit radeln, denn du hast mich schon immer super motiviert«, schrieb einer auf Facebook. Etliche Firmen und Privatpersonen hätten ihn kontaktiert, berichtet er, wollten ihn unterstützen, boten ihm Unterkunft auf seiner Radtour quer durch Deutschland an.

Mittlerweile hatte auch Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp von Putz’ Idee Wind bekommen. Der Gemeindechef hieß sie gut, nahm Kontakt zum Sportwissenschaftler auf, wollte ihn ein Stück des Weges auf dem Rad begleiten.

Torsten Putz hatte sich einen Plan geschmiedet, um schnellstmöglich nach Berlin zu gelangen. Der Startpunkt lag in Berchtesgaden, der Bürgermeister war mit am Start, begleitete ihn bis nach Bad Reichenhall, ein unverhoffter Termin kam dazwischen. 240 Kilometer hatte Torsten Putz am Ende von Tag eins geschafft, als er das oberpfälzische Cham erreichte. Er war geschafft von der Tour, fand eine Unterkunft. An Tag zwei fuhr er in Hof ein, die Hunderte bereits zurückgelegten Kilometer zehrten an ihm. Er radelte weiter bis kurz vor Leipzig, hangelte sich von Tankstelle zu Tankstelle für die Verpflegung. Am Ende des Schlussspurts lag Berlin, das Brandenburger Tor, der Bundestag, nach knapp 800 Kilometern. Das Wetter an diesem Tag sei grausam gewesen, »alle paar Minuten verpasste mir ein Lkw eine Breitseite Wasser«, berichtet Putz, der täglich per Video von seinen Etappenzielen berichtete. Putz war zufrieden.

Tags drauf wollte er mit dem Rad das Wirtschaftsministerium aufsuchen. Per E-Mail hatte er sich pro forma angekündigt. Eine Einladung hatte er nie erhalten. Die persönliche Botschaft zu überbringen, das war ihm aber ein Herzensanliegen: »Ich fahre doch nicht Hunderte Kilometer, ohne mit jemandem zu sprechen«, sagt er. Er erkundigte sich beim Personal nach Wirtschaftsminister Altmaier, nach dessen Stellvertreter, nach einem Pressesprecher. Adresse eins und zwei liefen ins Leere, die Security dort schaute schräg, er sei hier falsch, hieß es. »Die hatten wohl noch nie einen Radfahrer gesehen, der bei ihnen einlaufen wollte«, sagt Putz.

Dann wurde er fündig. Dr. Beate Baron, im Wirtschaftsministerium Leiterin des Pressereferats, nahm sich Putz’ Anliegen an. Nach 25 Minuten des Wartens bat sie zum Gespräch. »Für mich war das ein Erfolg«, sagt Torsten Putz. »Etliche Betriebe im Berchtesgadener Land sind am Ende«, sagt er. Er schilderte seine Situation, jene von befreundeten Unternehmern. Der Berchtesgadener Radler erhielt die Auskunft, man werde alle Anträge schnellstmöglich prüfen. »Die Pressedame notierte sich alles, bot an, dass ich ihr alle Infos zukommen lassen kann«, sagt Putz.

Damit hatte er seine Mission erfüllt, Gehör gefunden. Fünf Tage hatte er dafür investiert. »Ich bin glücklich, dass ich es getan habe«, sagt er rückblickend. Der Applaus im Internet war groß, »ich bin stolz auf dich«, schrieb einer. Die Rückfahrt trat der Berchtesgadener nicht auf dem Fahrrad an. Torsten Putz entschied sich für den Zug – Stehplatz. »So einen Trip kann man schon mal machen«, sagt er und lacht dabei. Kilian Pfeiffer

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