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Schülerin benimmt sich daneben – Beleidigungen in Berchtesgadener Lokal

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Berchtesgaden: Beleidigungen in Lokal vor Gericht – Schülerin benimmt sich daneben
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Foto: Symbolbild, pixabay

Berchtesgaden/Laufen – Mutter und Tochter waren an diesem Dienstag im Mai 2019 zum ersten Mal in dem Berchtesgadener Speiserestaurant. Vermutlich auch zum letzten Mal. Ihre Unzufriedenheit mit dem Lammsteak soll die 21-jährige Schülerin dort sehr drastisch zum Ausdruck gebracht haben. Sie beleidigte den Gastwirt, der die beiden daraufhin des Lokals verwies.


Einen eigenwilligen Auftritt legte die 62-jährige Mutter am Laufener Amtsgericht an den Tag. Deren »Wahrheit« stand in krassem Widerspruch zu den Aussagen anderer Beteiligter. Nicht zuletzt versuchte die Reichenhaller Ärztin, für ihre Tochter das Heft des Handelns zu behalten. Am Ende standen Sozialstunden und ein Antiaggressionstraining für die Schülerin.

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Jugendrichter Thomas Häusler war anzumerken, was er von der kommenden Verhandlung erwarten würde, denn schon im Vorfeld hatte ihm die Mutter Unterlagen, schriftliche Erklärungen und eidesstattliche Versicherungen zukommen lassen. Im Großen Sitzungssaal setzte sich die 62-jährige dann auch direkt neben ihre Tochter, die ohne Anwalt gekommen war. Die Mutter wollte zunächst nicht einsehen, dass sie als Zeugin in dem Verfahren den Saal verlassen müsse. »Sie sind hier als Zeugin und Ihre Tochter ist erwachsen«, machte ihr Häusler unmissverständlich deutlich.

Was war passiert? Am Abend des 18. Juni 2019 hatten Mutter und Tochter das Restaurant in Berchtesgaden besucht. Obwohl »well done« bestellt, sei das Steak blutig auf den Tisch gekommen, berichtete die angeklagte Schülerin. Nach einer ersten Reklamation sei das Fleisch dann »zäh wie Leder« zurückgekommen. Auf die neuerliche Reklamation soll der Wirt ungehalten reagiert haben. Er sei Fünf-Sterne-Koch und die beiden Frauen verstünden nichts von gutem Essen. Vielmehr seien sie »Zigeuner«, die von Restaurant zu Restaurant wanderten.

Anders der 47-jährige Gastwirt: »Ich habe angeboten, etwas anderes auszuwählen, denn manches ist einfach Geschmackssache.« Doch das wollten die beiden nicht annehmen. Auch das Angebot des Wirts, nur die Hälfte zu bezahlen, lehnte die Mutter ab. Geschrien und beleidigt haben soll dann aber die Tochter. »Schmarotzer, letzter Dreck und Unmensch« soll die 21-Jährige dem Wirt entgegengeschleudert haben.

»Unter der Gürtellinie«, bestätigte ein 54-jähriger Unternehmer, der an diesem Abend ebenfalls Gast gewesen war. Auf seine Bitte hin, doch ruhiger zu sein, habe die Tochter auch ihn als »Alter«, der doch besser seinen Ruhestand genießen solle, diskriminiert. »Der Wirt hat geschrien«, behauptete die Mutter, Beleidigungen von ihr und der Tochter habe es keine gegeben. Über den Zeugen sagte sie: »Das ist wohl ein Gefälligkeitszeuge. Ich bezweifle, dass der überhaupt im Lokal war.« Dem Gastwirt warf die 62- Jährige »Selbstjustiz« vor, weil der die Pässe eingefordert haben soll. Schließlich habe der Wirt ihrer Tochter mehrfach mit der Faust auf die Schulter geschlagen.

Der Gastwirt räumte im Gericht ein, dass es ihm irgendwann »gereicht« habe, er die Tochter am Arm gepackt und zur Tür hinausgeschoben hat. Zunächst hatte sich die angerufene Polizei nicht für zuständig erklärt, erst als die Mutter von Körperverletzung gesprochen hatte, waren Beamte der Polizeiinspektion Berchtesgaden zur Gaststätte gefahren. Anschließend waren die beiden Frauen zur Kreisklinik Berchtesgaden gefahren. »Da war keiner mehr da, wir sollten nach Reichenhall fahren«, behauptete die Mutter. Dem hielt Richter Thomas Häusler ein ärztliches Attest der Berchtesgadener Klinik entgegen. »Urkundenfälschung«, erklärte die 62-Jährige dazu.

»Jetzt wird es hinten höher wie vorne«, kommentierte Häusler diese Einlassung. Er warnte die Zeugin: »Passen Sie auf, was Sie sagen.« Der Strafrichter ließ daraufhin die Aussagen der Mutter protokollieren: »Es war kein Arzt da und es fand keine Untersuchung oder Behandlung meiner Tochter statt.«

Häusler konfrontierte Mutter und Tochter mit dem Bericht der Notaufnahme. Dort habe die 21-jährige hysterisch reagiert und einen besseren oder einen Oberarzt verlangt. Auch der Bericht aus der anschließend aufgesuchten Reichenhaller Klinik sprach lediglich von einer Armdistorsion und einem kleinen Hämatom am Ellbogen, nichts von einer Schulterverletzung oder von Prellungen. »Ich werde ein Gutachten erstellen lassen«, kündigte die Mutter an und setzte sich wieder neben ihre Tochter. Ein Verfahren gegen den Wirt wegen angeblicher Körperverletzung war eingestellt worden.

Die 21-Jährige hatte sich bislang einem Gespräch mit der Jugendgerichtshilfe verweigert, sodass Diplom-Sozialpädagogin Petra Braun nur vor Beginn der Sitzung Gelegenheit hatte, mit der Angeklagten zu sprechen. »Es ist ein so enger Familienverband, wie man es bei uns nicht kennt«, erklärte Braun zu dem Verhältnis: »Die Mutter spricht für die Tochter.«

Gegen die Tochter hatte es schon einmal eine Anzeige wegen Ruhestörung gegeben, nachdem sie in der Wohnung verbal so ausfallend geworden war, dass Nachbarn die Polizei verständigt hatten. »Das Aggressionspotenzial ist hoch und sie hat Schwierigkeiten mit ihrer Impulskontrolle«, sagte Braun über die Schülerin und empfahl ein Antiaggressionstraining sowie Sozialstunden.

Vor den Plädoyers aber hatte Richter Häusler noch ein anderes Hühnchen mit den beiden Frauen zu rupfen, denn die hatten vor einer bereits für den 14. Mai anberaumten Verhandlung kurzerhand ein Attest eingereicht mit der Diagnose »verhandlungsunfähig«. Für den Strafrichter eine »Frechheit«. »Da stand nichts drin – unglaublich.« Auch darin erkannte Häusler ein Verhalten »von oben herab«. Wie in dem Berchtesgadener Restaurant, in dem die Tochter dem Wirt erklärt haben soll, sie würde allein mit dem Ring an ihrer Hand das Lokal kaufen können und er sei klein wie ein Hut.

Staatsanwalt Josef Haiker sah den Tathergang bestätigt, die Zeugen glaubwürdig. Er attestierte der Angeklagten »erhebliche Reifeverzögerungen«, »Überheblichkeit« und eine »Arroganz, die ihresgleichen sucht.« Haiker beantragte 60 Sozialstunden, ein Antiaggressionstraining und einen Freizeitarrest, also ein Wochenende in einer Anstalt. »Bitte das nicht«, bat die Tochter, »die Sozialstunden und das Antiaggressionstraining mache ich ja.« Aus Sicht von Richter Häusler ein durchaus positives Schlusswort, denn »es zeugt doch von etwas Reue und Einsicht«.

Wegen Beleidigung und Hausfriedensbruch verhängte Häusler 60 Stunden gemeinnützige Arbeit und einen sozialen Trainingskurs. Daneben hat die 21- Jährige einen mindestens einseitigen Entschuldigungsbrief an den Gastwirt zu schreiben. Die Angeklagte – »eine intelligente junge Frau« – könne sich neben ihrer Mutter mit den »großen Schwingen« nicht entfalten, blickte Häusler auf die »engen« Familienbande. Daraufhin mischte sich die Mutter neuerlich ein: »Sie ist unschuldig.«

»Da scheint bei der Tochter schon deutlich mehr Einsicht vorhanden«, erwiderte Häusler. Mit etwas mehr Einsicht wäre hier von vorneherein eine Einstellung des Verfahrens gegen eine Auflage von 20 Sozialstunden möglich gewesen. »Stellen Sie sich auf eigene Füße«, riet Häusler der jungen Frau. Als er bekannt gab, dass die Kosten des Verfahrens die Staatskasse trage, bedankte sich die Schülerin.  Doch der Strafrichter warnte die junge Frau auch: »Falls Sie die Auflagen nicht erfüllen, droht ein Ungehorsamsarrest bis zu vier Wochen.«

Hannes Höfer

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