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Hand anlegen an die Transportbox: Toni Wegscheider (l.) bei der Ankunft der Bartgeier aus Nürnberg im Sommer im Nationalpark Berchtesgaden. Auch nächstes Jahr erwartet das Team wieder Jungvögel. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Senderausfälle bei Bavaria und Wally – Technische Probleme plagen die Verantwortlichen des Bartgeierprojekts

Berchtesgaden – Die Technik ist es, die Toni Wegscheider gerade Kopfzerbrechen bereitet. Wegscheider ist freiberuflicher Biologe, für den Landesbund für Vogelschutz hat er den Werdegang der Bartgeierdamen Wally und Bavaria verfolgt. Er kennt sich mit den Vögeln so gut aus wie kein Zweiter. »Bavarias Sender hat einen Defekt«, sagt Wegscheider. Und auch der Akku, den Wally mit sich trägt, ist seit Dienstag ausgefallen. GPS-Daten fehlen. Doch der Biologe weiß: »Der Winter ist für Bartgeier die beste Zeit.«


Als Toni Wegscheider in der vierten Klasse war, hat er sich das erste Mal als großer Fan des Bartgeiers geoutet. »Das war damals schon mein Lieblingstier«, sagt er. Die Faszination für den Vogel überdauerte. Heute beschäftigt er sich beruflich zu »95 Prozent mit den Bartgeiern«, die der Nationalpark Berchtesgaden und der Landesbund für Vogelschutz in einer Gemeinschaftsaktion vor knapp einem halben Jahr auswilderten. »Wir sind auf Sichtungen angewiesen.« Denn die Technik, die die beiden Vögel mit sich tragen, spielt nicht so mit wie sie sollte.

Im offiziellen Bartgeier-Forum, in dem sich etliche Bartgeier-Fans tummeln, Tausende Kommentare geschrieben haben, wird leidenschaftlich diskutiert, 600 000 Aufrufe verbuchen allein die Webcams im Nationalpark. »Hoffentlich macht Wallys Akku nicht auch noch schlapp«, schreibt eine Nutzerin, nachdem bereits seit Ende November der Sender von Bavaria mit Ausfällen zu kämpfen hatte. Seit Dienstag dieser Woche ist auch Wallys Akku auf null Prozent. Toni Wegscheider ist sich sicher, »dass sich der Akku bei Sonne« wieder aufladen wird.

Weil die Technik hakt, ist die GPS-Beobachtung derzeit unmöglich. »Bei den Sendern gibt es eine gewisse Fehlerquote.« Dass nach einem knappen halben Jahr gleich zwei Sender ausfallen, kommt ungelegen. Keine Option ist für ihn aber das Einfangen der Vögel, um diese neu zu besendern. Da bleiben die Greifvogel-Freunde lieber bei Flugbeobachtungen, setzen auf die gebleichten Federn, die jeden Bartgeier identifizieren.

Derweil startete das Projekt so vielversprechend: Die ersten drei Monate waren Wally und Bavaria, die jungen Bartgeier-Damen fast ausschließlich gemeinsam unterwegs. Dank GPS-Signalen ist das feststellbar. Bavaria hatte Mitte Oktober einen Rappel gekriegt, war fast bis nach Wien geflogen, hatte einen Blick in die ungarische Tiefebene riskiert. Nach einem Tag Bedenkzeit habe sie kehrt gemacht, längere Zeit im Dachsteingebiet verbracht. Bei den Teufelshörnern war sie Wally wieder ganz nahe gekommen. Sie war unterwegs beim Staufen, in den Chiemgauer Alpen. Rund um den Watzmann hatte der Greifvogel dann Nahrung gefunden. Beinahe getroffen haben sich die zwei Vögel im österreichischen Werfen. »Wir hatten schon ein Revival erwartet«, sagt Toni Wegscheider rückblickend. Doch dann fiel am 24. November Bavarias Sender aus.

Viel Hilfe

Wegscheider startete einen Aufruf. Dutzende E-Mails landeten im Postfach der Greifvogel-Betreuer. Fotos von Jägern, von Landwirten und Agenturfotografen trudelten ein. »Alle wollten helfen«, sagt der Biologe.

Dass die Technik noch nicht so ausgereift ist, deshalb hakt, damit sei zu rechnen gewesen. »Sender werden auch in Zukunft immer mal wieder ausfallen«, sagt Wegscheider. Läuft alles nach Plan, wird einmal pro Stunde ein Datenpunkt geschickt, der dann online den Standort des Vogels darstellt. Sorgen macht sich Wegscheider aber keine. Den Vögeln dürfte es gut gehen. Zumal der Zeitpunkt, der Beginn des Winters, optimal ist. Dank des Schnees, dank abgehender Lawinen sei derzeit die meiste Nahrung zu finden. »Die schwierigste Phase war in den vergangenen vier Wochen.« Zu wenig Schnee zur Lawinenbildung, aber genug, um eine abgestürzte Gämse unter einer kleinen Schicht vor den Greifvögeln zu verbergen. »Bartgeier orientieren sich ausschließlich optisch.«

In den vergangenen Monaten hat sich der Berchtesgadener fast alleinig mit den Bartgeiern beschäftigt. »Die mediale Präsenz hat uns fast überrollt.« Für sein Herzensprojekt ist das vergleichbar mit einem Lotteriegewinn. Das Projekt habe schon jetzt große Erfolge zu verbuchen. Die Auswilderung der Bartgeier hatte eine Art Signalwirkung, nicht nur in der ökologischen Rolle sowie als Botschafter für den Naturschutz: »Dadurch haben wir erreicht, dass Bleimunition verboten wird.« Hinzu kommt: Auch Auerhahn, Birkhuhn, Steinadler und andere Aasfresser wie Gänsegeier profitieren von der Medienaufmerksamkeit.

Dabei ist Toni Wegscheider nur einer unter vielen, die im Nationalpark Berchtesgaden und beim Landesbund für Vogelschutz das Bartgeier-Projekt begleiten. »Die Wiederansiedlung ist keine One-Man-Show«, sagt er. Schon jetzt laufen die Vorbereitungen für kommendes Jahr auf Hochtouren: »Sofern der Brutbestand passt, werden wir wieder zwei Geier bekommen.«

Professionalisiert in die nächste Runde

Ob aus den Aufzuchtstationen in Helsinki, Spanien oder Nürnberg ist dabei noch nicht gesichert. »Wir nehmen, was wir kriegen können.« Ende Mai, Anfang Juni soll ausgewildert werden. »Wir trommeln wieder ehrenamtliche Helfer zusammen, brauchen Praktikanten und weitere Mitarbeiter.« Professionalisiert wolle man in die nächste Bartgeier-Runde gehen.

In den kommenden neun Jahren sollen 20 Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert werden. »Bis sich zwei, drei Brutpaare etabliert haben, wollen wir weitermachen.« Bartgeier sind erst nach rund sieben Jahren geschlechtsreif. »Sobald wir für Bruterfolg gesorgt haben, hören wir auf.«

Die Verantwortlichen planen, auch künftigen Bartgeiern wieder einen zugkräftigen Namen zu geben. Möglich ist auch, dass ein Sponsor bei der Namenssuche unterstützt. Eine »Ursünde« wie in Österreich soll es aber nicht geben. Dort fliegt ein Bartgeier, den die österreichische Lotterie auserkoren hat. »Jackpot« heißt der Greifvogel. Fraglich, ob die Namensgebung ein Glücksgriff war.

Kilian Pfeiffer

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