Skepsis gegenüber »Staatsgras« – Mehrheit sieht Gefahren für Minderjährige

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Cannabis ist eine Droge, die in großen Teilen der Welt illegal ist. Doch das ändert sich seit einigen Jahren – die Legalisierung von Haschisch und Marihuana schreitet voran. Auch in Deutschland ist die Legalisierung von Cannabis vorgesehen. Foto: pixabay Symbolbild

Berchtesgaden – Die Ampelregierung plant die Legalisierung von Cannabis. Es soll zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften an Erwachsene verkauft werden. Nachdem das Geld bisher im Schwarzmarkt am Staat vorbei geflossen ist, sollen die auferlegten Steuern zu Mehreinnahmen für den Staat führen. Seit 2017 war Cannabis für medizinische Zwecke erlaubt. Viele Einheimische zeigen sich aber skeptisch, was das Vorhaben der Ampelkoalition betrifft. Das ergab zumindest eine Umfrage des »Berchtesgadener Anzeigers«.


Jugendreferentin Franziska Böhnlein ist grundsätzlich gegen eine Legalisierung. Sie sagt zwar: »Diese Entscheidung wurde von vielen Seiten gefordert und gilt deshalb zu respektieren.« Doch aus der Sicht einer Jugendreferentin sehe sie eine Grundproblematik in der Kommunikation. »Man könnte auf den Gedanken kommen, dass durch die Legalisierung von Cannabis keine Gefahr von diesem Stoff ausgeht. Der Konsum von Cannabis, vor allem bei Jugendlichen, deren Nervenbindungen sich noch aufbauen, schädigt nachgewiesen das Gehirn und kann sogar Psychosen auslösen.« Von einem Vergleich mit anderen Rauschmitteln sieht sie ab. »Nur weil eines Schaden anrichtet, ist das kein Grund, ein anderes auch noch zu legalisieren. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man einfach komplett ohne Rauschmittel auskommen sollte.«

Heinz Dollinger findet die geplante Freigabe überhaupt nicht gut. »Da möchte der Staat doch nur verdienen und züchtet sich weitere Abhängige. Cannabis ist eine alte Kulturpflanze, die es schon in der Antike gab. Aber der Staat möchte halt alles reglementieren, sodass der Stoff nur in Apotheken und zertifizierten Geschäften gekauft werden kann.«

Gastronom Thomas Hett-egger findet die Legalisierung gut, denn das sei besser als der Schwarzmarkt. »Die Regierung könnte aus ihren Milliarden-Steuereinnahmen die Steuer in der Gastronomie bei den Getränken auf sieben Prozent senken, dann würde sie endlich etwas Sinnvolles veranlassen.«

Pater Kajetan vom Franziskanerorden hofft bei einer Legalisierung, dass dadurch der Schwarzmarkt eingeschränkt wird. Allerdings sieht der Geistliche auch eine Suchtgefahr, die gerade für Heranwachsende gegeben ist. Der Pater betrachtet Cannabis als Einstiegsdroge wie Alkohol oder Zigaretten. »Besser man lässt die Finger davon.«

Markt-Apotheker Kurt Putz erwartet eine Freigabe und informiert, dass Cannabis wohl in zertifizierten Geschäften zu erwerben sei. Bisher gab es medizinisches Cannabis in Form von CBD auf Rezept für Schmerzpatienten. Der Apotheker rechnet aber damit, dass die Menge zum Verkauf limitiert wird. Ferner müsse geklärt werden, wie es mit einem eigenen Anbau aussieht.

Marktbürgermeister Franz Rasp wollte sich zum Thema Cannabis nicht äußern, weil er sich damit nicht beschäftigt hat. Dagegen hatten seine vier Berchtesgadener Amtskollegen auf Nachfrage mit keiner Antwort reagiert.

Der Allgemein-Mediziner Dr. Werner Vietze betrachtet die Situation von zwei Seiten. Zum einen sei die Legalisierung für Schmerzpatienten von Vorteil. Zum anderen betrachtet Vietze Cannabis als Einstiegsdroge – gerade für jüngere Konsumenten. »Ich befürchte, dass die Freigabe den Konsum durch junge Leute erhöht.«

Unternehmer Frank Woodcock hält es für richtig, dass man sich sachlich mit dem Thema auseinandersetzt. Cannabis sei ein Naturprodukt und gehört als solches auch bewertet, so Woodcock. Gut findet der Unternehmer, dass durch die Legalisierung eine Entkriminalisierung stattfindet und eine Strafverfolgung entfällt, die dem Staat viel Geld kostet. Bei Erwachsenen sieht er eine Eigenverantwortung. Kritisch werde es erst, wenn Kinder und Jugendliche Cannabis konsumierten, warnt Woodcock. Er verweist aber auch auf Alkohol und Nikotin, was süchtig machen kann.

Rechtsanwalt Hans-Jörg Schwarzer hält nicht viel von der Legalisierung von Cannabis, der seit über 25 Jahren als Strafverteidiger unter anderen auch auf dem Gebiet des Betäubungsmittelstrafrechts tätig ist. »Zu Beginn meiner Tätigkeit war ich auch der Überzeugung, dass Cannabiskonsum sicherlich nicht schädlicher sein kann als Alkoholkonsum. Die Erfahrung hat mich aber etwas Anderes gelehrt. Es entsteht nämlich relativ schnell, gerade bei jungen Leuten, eine starke psychische Abhängigkeit. Dies führt in der Regel zu einer allgemeinen Antriebslosigkeit. Die Konsumenten sind bei ständigen beziehungsweise regelmäßigen Konsum nicht mehr in der Lage einer geregelten Beschäftigung oder Ausbildung nachzugehen«, so Schwarzer. Sie kämen in der Früh nicht aus dem Bett und hätten keinen strukturierten Tagesablauf mehr. Oft habe dies den Verlust der Ausbildungsstelle beziehungsweise des Arbeitsplatzes zur Folge. Ein Umsteigen auf andere, härtere Drogen ist nichts Außergewöhnliches. »Ich glaube im Übrigen nicht, dass der legale Handel den illegalen Handel verdrängen wird. Es wird weiterhin einen illegalen Schwarzmarkt geben, weil dort natürlich die Preise viel niedriger sein werden. Legal erzeugtes Cannabis soll ja versteuert werden. Das gilt auch für die im Zusammenhang mit der Produktion anfallenden Arbeitsleistungen. Es bleibt abzuwarten in welchem Bereich sich der Preis für ein legales Gramm Marihuana einpendeln wird. Derzeit liegt der Preis für ein illegales Gramm (je nach Qualität) bei 8 bis 12 Euro.«

Wenn man den Schätzungen der Regierung Glauben schenken dürfe, soll der zu erwartende Jahresumsatz bei etwa 3 Milliarden Euro liegen. Hinzu kämen noch Einsparungen im Bereich der Strafverfolgung, welche nach der derzeitigen Schätzung bei rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr liegen dürften. »In diesem Zusammenhang muss man berücksichtigen, dass eine Strafverfolgung in den nördlichen Bundesländern, insbesondere in den dort befindlichen Großstädten, ohnehin bei kleinen Mengen (im Gegensatz zu Bayern) so gut wie überhaupt nicht erfolgt. Gerade bei Minderjährigen stellt das Drogenverbot mit entsprechender Strafverfolgung eine aus meiner Sicht wichtige Hemmschwelle dar.«

Dass der Erwerb legaler Drogen erst ab 18 Jahren erfolgen soll, werde daran nichts ändern. Das sehe man am Alkoholkonsum der Minderjährigen. »In diesem Zusammenhang muss auch bedacht werden, dass der Volljährige bei einer Weitergabe von legalen Drogen an Minderjährige eine Straftat begeht, die als Verbrechen eingestuft wird. Es werden möglicherweise auch Konsumenten unter Drogeneinfluss am Straßenverkehr teilnehmen.« Ein Therapieplatz koste den Sozialversicherungsträger pro Tag etwa 200 Euro. Die Kosten einer sechsmonatigen Therapie könne sich also Jeder ausrechnen. »Dass nur ein geringer Anteil der Therapien erfolgreich ist, dürfte ebenfalls bekannt sein. Nach alldem kann ich das Vorhaben nicht befürworten«, so Schwarzer.

Der ehemaliger Anklagevertreter der Staatsanwaltschaft, Michael Luka, begrüßt grundsätzlich die kontrollierte Abgabe von qualitätskontrolliertem Cannabis zu Genusszwecken nur an Erwachsene in lizenzierten Geschäften. »Dies dient der Prävention, entlastet dringend erforderlich die Strafverfolgungsorgane durch Entkriminalisierung und fördert das allgemeine Gerechtigkeitsgefühl.«

Cannabis sei nach dem gesellschaftlich tolerierten Konsum von Alkohol und Nikotin, welche wissenschaftlich als deutlich gesundheitsschädlicher bewertet werden, die meist konsumierte Droge in Deutschland und der EU. »Fakt ist, dass in Deutschland circa 4 Millionen Dauerkonsumenten existieren, wovon etwa 20 Prozent der Jugendlichen zumindest gelegentlich konsumieren und etwa jeder zweite Bundesbürger während seines Lebens Kontakt mit oft verunreinigtem Cannabis hatte. Die über fünf Jahrzehnte betriebene Drogenpolitik mittels Prohibition ist damit gescheitert«, so Luka. Eine Realität, die ebenso wie die Alkoholprohibition in den USA die Bildung organisierter Kriminalität fördert und ansonsten harmlose Konsumenten zu Straftätern stigmatisiert. Beim Überschreiten des Besitzes zum Eigenbedarf, der sogenannten »nicht geringen Menge« (ab 7,5 Gramm THC), drohe mindestens 1 Jahr Haft.

»Betäubungsmitteldelikte sind die mit am häufigsten verfolgten Straftaten. Dies bindet neben den eingesetzten Polizeikräften erhebliche Kapazität bei den chronisch unterbesetzten Gerichten. In der Folge können nicht alle Strafverfahren zeitnah abgearbeitet werden, sodass mitunter Verfolgungsverjährung bei gravierenderen Dritte schädigende Straftat eintritt«, sagte Luka. Daneben existiere ein erhebliches Strafmaß- und Verfolgungsgefälle zwischen den einzelnen Gerichtsbezirken. So verurteilte das Amtsgericht Laufen einen Schwerstkrebskranken, der jahrelang erfolglos von Arzt zu Arzt irrte, um medizinisches Cannabis auf Rezept zu erhalten und sich verzweifelt einige Pflänzchen nur für den Eigenbedarf selbst anbaute, wegen Überschreitung der so genannten »nicht geringen Menge« »wohlwollend« zu neun Monaten Haft.

»In den Medien werden Fälle aus Berlin berichtet, bei denen bei Kleindealern mit der gleichen Menge mitunter von der Ahndung abgesehen wird. Überhaupt nicht nachvollziehbar ist, dass die demgegenüber oft vergleichsweise geringe Strafzumessung bei fremd schädigenden Delikten mit erheblichem Unrechtsgehalt sowie individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen wie zum Beispiel Kindesmissbrauch, Verbreitung von Kinderpornografie, Terrorismus und sonstigen Gewaltdelikten, auch der Wirtschaftskriminalität in einem nicht nachvollziehbarem Missverhältnis steht.«

Diese Tatsache beeinträchtige das allgemeine Gerechtigkeitsgefühl und unterminiere das ohnehin schwindende Vertrauen in den Rechtsstaat und dessen schützende Organe erheblich. »Alkohol und Kriminalität sind eng miteinander verknüpft – so wurde 2020 jede vierte Gewalttat unter Alkoholeinfluss verübt.«

Der Freilassinger Michael P. konsumiert Cannabis seit einer Klassenfahrt nach Amsterdam ab und an. Dass die Droge bald frei gegeben wird, begründet der Freilassinger damit, dass man die Situation von staatlicher Seite neben der angenehmen Einnahmequelle mehr unter Kontrolle bringen will. So fallen auch eine Strafverfolgung und die juristischen Belange weitgehend weg. Dass Cannabis die mögliche Vorstufe zu harten Drogen ist, glaubt der Freilassinger nicht. Vielmehr sei dafür das Umfeld eine mögliche Voraussetzung. Auch physisch mache es nicht abhängig, psychisch unter Umständen schon, räumt Michael P. ein. Er hat auch etwas gegen Klischees, die Cannabiskonsumenten anhaften. »Auch in Amsterdam laufen sie nicht herum wie Bob Marley«, erklärte Michael P., der durch die Legalisierung auch hofft, dass Wohnungsdurchsuchungen auf »Stoff« nicht mehr nötig sein werden. »Die Jugend wäre im Alltag entspannter, wenn Cannabis legal wird«, glaubt der 26-Jährige, der auch einen Widerspruch in der Tatsache sieht, dass man den Stoff in kleinen Mengen haben durfte, der ja von Dealern kommen musste. 

Christian Wechslinger

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