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Der Eintrag von Alpinist Toni Lenz ist der zweite im Album, das seiner Stieftochter gehörte. (Fotos: Kilian Pfeiffer)
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Historiker Mathias Irlinger bei der Recherche in dem Marktschellenberger Poesiealbum.

Sprüchlein neben Hakenkreuzen – Poesiealbum aus NS-Zeit aufgetaucht

Berchtesgaden – Knapp 90 Jahre hat das Poesiealbum auf dem Buckel. Mit Blümchen-Stickern, Hitler-Konterfei und Hakenkreuz-Propaganda ist das Fundstück eine zeithistorische Einmaligkeit, die der Dokumentation Obersalzberg des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin zugetragen wurde. Auch der bekannte Alpinist Toni Lenz, Namensgeber der Berghütte am Untersberg, hat sich darin verewigt.


Dr. Mathias Irlinger, Bildungsreferent der Dokumentation Obersalzberg, hat das Poesiealbum aus Marktschellenberg analysiert. Es stammt aus Privatbesitz, lag Jahrzehnte auf einem Dachboden in Berchtesgaden. Das Büchlein mit Stoffeinband ist sehr gut erhalten, die Seiten sind altersentsprechend vergilbt. 53 Einträge finden sich darin, 16 davon mit NS-Motiven. »Ein spannendes Exponat, man sieht daran, wie NS-Symbole und -Sprüche Einzug in den Alltag hielten.« Das Büchlein ist voll von Nazi-Symbolik in Aufkleberform: Hakenkreuzfahnen, an denen sich Efeu entlang rankt, die Konterfeis der Reichsminister Frick, Goebbels und Göring. »Reichskanzler Hitler« ziert einen Beitrag einer Marktschellenbergerin aus dem Jahr 1936.

»Es handelt sich dabei um nicht selbstklebende Glanzbilder«, erklärt Irlinger. Zu kaufen gab es diese in Bögen. Man konnte sie sammeln und tauschen. Die NS-Symbolik diente zur Verzierung von Briefen. Die teils kitschig wirkenden Motive haben »scheinbar nicht dem Gesetz zum Schutz der nationalen Symbole widersprochen«, wie der Historiker feststellt. Das Gesetz trat im Mai 1933 in Kraft. Produziert wurden die Glanzbilder seit Mitte des 19. Jahrhunderts in verschiedenen deutschen Verlagen.

Neben den Hakenkreuz-Stickern und den Köpfen der damaligen Machthaber sind die Motive im Album oft recht blumig. Eingeklebte Märchenmotive wechseln sich ab mit Katzen, blonden Kinderköpfen und Engeln. »Wer die Bilder eingeklebt hat, lässt sich heute natürlich nicht mehr sagen«, so Irlinger. Zu vermuten ist, dass es die Eintragenden selbst waren.

Die Geschichte des Poesiealbums reicht indes weit zurück. Erste Vorläufer, sogenannte Stammbücher, gehen auf das 16. Jahrhundert zurück. »Studierende holten sich damals Autogramme ihrer Dozenten.« Das älteste Stammbuch ist aus dem Rostocker Universitätsarchiv überliefert, aus dem Jahr 1568. Bis in das 18. Jahrhundert wurde das Stammbuch nur von Männern gepflegt. Erst später genoss es auch Beliebtheit unter Frauen. Große Popularität erlangte es im 19. und 20. Jahrhundert. »Massenphänomen«, nennt das Historiker Irlinger, vor allem bei Kindern und Jugendlichen waren die Alben im Umlauf. Heutzutage ist aus dem Poesiealbum das »Freundebuch« geworden, das häufig zum Schulanfang die Runde durch die Klasse macht.

Die Einträge des Poesiealbums aus Marktschellenberg reichen über einen langen Zeitraum, insgesamt sieben Jahre, und starten 1933 – dem Ende der Weimarer Republik und dem Beginn des »Dritten Reichs«.

»Willst Du Dich selber erkennen, so sieh wie die andern es treiben. Willst Du die andern verstehn, blick in Dein eigenes Herz«, schreibt Maridis Mutter zuhause in Schellenberg. Maridi heißt eigentlich Maria Köppl. Sie war die Besitzerin des Poesiealbums. Toni Lenz, bekannter Alpinist und Mitgründer des Vereins für Höhlenkunde, war ihr Stiefvater. Er baute die in Marktschellenberg beheimatete Eishöhle zur heute noch existierenden Schauhöhle aus. Lenz widmet Maridi den zweiten Eintrag: »Ein Stammblatt wird gebraucht, damit der Name nicht verraucht…« Maridis Bruder schreibt: »Schaffen und Streben ist hartes Gebot, Arbeit ist Leben, Nichtstun der Tod.« Drapiert ist der Beitrag mit fünf Hakenkreuz-Glanzbildern.

Viele Einträge sind von Urlaubsgästen aus Berlin, Leipzig, Bad Lausick und dem Vogtland beigesteuert worden. »Die Familie muss damals wohl Zimmer vermietet haben«, so Irlingers Fazit. Überwiegend sind die Texte in deutscher Schreibschrift verfasst, teilweise eine Mischung aus lateinischer Handschrift und der Sütterlinschrift, eine 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums entwickelte Ausgangsschrift, die das Erlernen von Schreibschrift in der Schule vereinfachen sollte.

Anhand des Poesiealbums lasse sich das Leben einer Person an gewissen Stationen gut nachzeichnen. So stammen die letzten Einträge des Poesiealbums aus dem Jahr 1940, verfasst in Rain am Lech: »von Deiner Kameradin vom Arbeitsdienst Hildegard Westermeier«. Sieben Texte von Arbeitsdienst-Kameradinnen sind enthalten. Kurz vor Kriegsbeginn wurde der Reichsarbeitsdienst für Frauen zur Pflicht. Betroffen waren Frauen im Alter von 17 bis 25 Jahren, die nicht berufstätig oder in Ausbildung sind »oder sich zu Hause um Angehörige beziehungsweise die Landwirtschaft kümmern müssen«, erklärt der Mitarbeiter der Dokumentation Obersalzberg. Im Arbeitsdienstlager in Rain am Lech kamen vor allem landwirtschaftliche Helferinnen unter. »Es waren bewusst spartanische Verhältnisse, um unter anderem Bodenständigkeit anzuerziehen.«

Neben Goethe-Zitaten sind im Poesiealbum insbesondere Appelle an den Fleiß aufgeschrieben, lustige Sprüche (»Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König«), zudem einige mit religiösem Impetus (»Was Gott tut, das ist wohl getan«).

Inhaltlich spielt Tugendhaftigkeit häufig eine Rolle (»Rein bleiben und reif werden, das ist schönste und schwerste Lebenskunst«). NS-Sprüche sind im Poesiealbum nur wenige enthalten, anders als in den wenigen sonst erhaltenen Poesiealben aus dieser Zeit. Der von den Nazis gerne genutzte und bereits aus dem Ersten Weltkrieg bekannte Spruch »Treu leben! Tod trotzend kämpfen! Lachend sterben!« ist einer davon. Ab dem Jahr 1937 gab es einen Wochenspruch der NSDAP, der von der Reichspropagandaleitung herausgegeben wurde und daher auch in Poesiealben Verwendung fand.

Im Album aus Marktschellenberg waren es vor allem Glanzbilder, die heute noch an den Nationalsozialismus erinnern.

Kilian Pfeiffer

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