Vom Alltag auf die Matte: Elisabeth Seidl bietet über die Volkshochschule Kurse für Kinder und »große Mädchen« an

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Elisabeth Seidl (3.v.l.) übt mit den Kindern den »Held«. (Fotos: Lisa Schuhegger)

Berchtesgaden – Körperwahrnehmung, Koordination und Konzentration lehren und fördern die Kurse »Yoga für Kinder« und »Yoga für große Mädchen« an der Volkshochschule Berchtesgaden. Die Leiterin Elisabeth Seidl holt Kinder ab fünf und Mädchen ab elf Jahren einmal in der Woche im Werk 34 vom Alltag auf die Matte. Die 40-jährige zweifache Mutter führt die Mädchen spielerisch an die Yogapraxis heran.


»... Beim Yoga werde ich still, weil ich mich spüren will«, so endet der Reim, den Elisabeth Seidl und die sechs Mädchen sprechen, ehe sie beginnen, Yoga zu üben.

Die sechs Mädchen knien im Fersensitz auf der bunten Yogamatte. »Lege deine Hand in den Schoß«, weist die Kursleiterin die Ausgangsstellung des Sonnengrußes an.

Wenn Elisabeth Seidl mit den Mädchen den Morgen begrüßt, üben sie den klassischen Sonnengruß in einer etwas abgewandelten Form – kindgerecht, sodass es Freude macht. Der Sonnengruß ist eine der wohl bekanntesten Sequenzen. Yogaübende aktivieren mit der Abfolge die Muskulatur und das Herz-Kreislauf-System. Der Sonnengruß bereitet auf die Yogapraxis vor.

Vom Fersensitz sollen die Kinder in den Kniestand kommen, die Arme emporstrecken. Dann fordert Elisabeth Seidl die Mädchen auf, das Gesäß in Richtung Fersen zu schieben, die Stirn in Richtung der Matte und die Stellung der »Maus« einzunehmen. Die Yogalehrerin spricht von der »Maus« und meint damit die gestreckte Kindhaltung. Dann kommen die Mädchen in den Vierfüßlerstand – kindgerecht »Maus«. »Den Popo ab in die Höh'«, sagt die Kursleiterin. Im »Hund« stehen die Kinder auf der Matte, die Zehen und die Finger drücken sie in die Matte. »Wechsle vom Hund in die »Schlange«, leitet Elisabeth Seidl den Sonnengruß für Kinder weiter an. Die Mädchen liegen flach auf der Matte. »Schlange«, »Hund«, »Katze«, »Maus«, Kniestand mit getreckten Armen, Fersensitz – auf gleichem Weg kommen sie zurück in die Ausgangsstellung.

Die Mädchen sind konzentriert. Ihre Mienen sind ernst. Die Yogalehrerin mit dem sonnigen Gemüt lächelt. »Guten Morgen liebe Welt, ich bin munter und gesund«, spricht sie vor und die Kinder wiederholen den Satz. Ihre Gesichtszüge entspannen sich. Einige weitere Male praktizieren sie den Sonnengruß. Sie kommen in Fluss, haben merklich Freude an der Übungsfolge.

»Yoga ist anders als Gymnastik«, erklärt Elisabeth Seidl. »Die Übungen im Yoga sind getragen von einer spürenden Achtsamkeit.« Dieser Grundsatz gelte auch in der Einheit für Kinder.

Die Gruppe praktiziert weitere Abfolgen, übt Asanas. Das sind Yogastellungen. »Halte dich aufrecht«, erinnert Elisabeth Seidl an Körperspannung. »Das ist gar nicht so einfach«, gibt sie zu. Die Mädchen richten sich auf, »Sehr gut«, lobt die Yogalehrerin. »Jetzt tun wir unseren Rücken etwas Gutes«, kündigt sie an. Von der »Katze« kommen die kleinen Yogis in die »Maus«. Elisabeth Seidl zählt bis sechs. Sechs Sekunden sollen sich die Mädchen Zeit nehmen, die Stellung zu wechseln. »Summe, werde immer leiser und verstumme«, sagt die Yogalehrerin. Elisabeth Seidl weist darauf hin, die Yogastellungen langsam zu wechseln.

Sie erklärt, der Weg des Yogas führe von außen nach innen, von laut zu leise, von schnell zu langsam. Vielen Teilnehmern ihrer Kurse – Kindern wie Erwachsenen – fiele es schwer, ruhig zu werden und Abstand zur inneren Unruhe zu nehmen, berichtet die Yogalehrerin. Sie hole die Kursteilnehmer stets bei ihren Tempi ab und führe sie zur Ruhe. So auch die Mädchen.

Elisabeth Seidl lässt den Kindern viel Freiraum. Sie bietet Varianten an, reagiert, wenn Unruhe aufkommt. Kurzerhand baut sie ein Spiel ein. Danach beruhigt sie die Mädchen, indem sie sie auffordert, zu summen, oder die Klangschale ertönen lässt.

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Fersensitz, Kniestand mit gestreckten Armen, »Maus«, »Katze«, »Hund«, »Schlange« – so üben die Kinder den Sonnengruß.

Elisabeth Seidl hat sich 2009 zur Yogalehrerin ausbilden lassen, seit 2010 unterrichtet sie Yoga. 2016 hat sie sich weitergebildet, um auch Kurse für Kinder und Jugendliche gestalten zu können. Ein entsprechender Exkurs in der Yogaausbildung habe sie darauf aufmerksam gemacht, dass schon im Kindesalter Yoga geübt werden kann. »Das wollte ich ausprobieren«, hat für sie daraufhin festgestanden. Sie hat einen Kurs angeboten. Schnell habe sie festgestellt, auch Kinder mögen Yoga.

Die zweifache Mutter hat sich für den Yogakurs für Kinder in diesem Semester vorgenommen, mit Affirmationen – Kraftsätzen – zu arbeiten. Der erste Satz, den die Yogalehrerin den Mädchen an jenem Dienstag mitgibt, ist: »Ich schaffe das.« Passend dazu lehrt sie die jungen Yogis den »Held«. Und zur Affirmation »Ich bin einzigartig und besonders« liest sie eine Geschichte von einer kleinen, unscheinbaren gelben Blume vor, die erkennt, dass sie auf ihre Art genauso schön ist wie die großen farbprächtigen Blumen um sie herum.

Die Kinder liegen entspannt auf der Matte, haben die Augen geschlossen. Damit sie die Kraftsätze mit in den Alltag nehmen, darf sich jede Teilnehmerin ein buntes Heftchen aussuchen und Notizen aufschreiben oder Symbolbilder malen. Mit den Affirmationen, die Elisabeth Seidl in ihre Einheiten einbaut, stärkt sie den Selbstwert der Kinder und macht sie bereit für die Herausforderungen des Alltags.

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Auch die großen Mädchen machen Yoga – mit Leichtigkeit, viel Bewegung und Dynamik. Im Bild halten sie in der »Waage« die Balance.

Die Yogalehrerin blickt auf die Uhr. Die Stunde ist fast zu Ende. »Nun kommen wir zum Abschluss«, sagt sie. Die Mädchen setzen sich im Fersen- oder Schneidersitz auf die Matte. »Wenn du magst, schließe die Augen«, sagt die Yogalehrerin. Ein Klang ertönt. »Platziere deine Hände, wo du dich spüren willst«, leitet die Kursleiterin den Schlussteil weiter an.

Ein Mädchen legt die rechte Hand auf die Brust, die linke Hand auf den Bauch. Manche Hände liegen entspannt im Schoß. Im Raum ist es ruhig, allmählich verstummt der Klang. Jene jungen Yogis, die die Augen geschlossen haben, öffnen sie, blicken zu Elisabeth Seidl. Sie lächelt. Die Kinder haben einen entspannten Gesichtsausdruck, lächeln ebenso – von innen heraus. Sie rollen die Matten zusammen und gehen gestärkt in den Alltag.

Lisa Schuhegger

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