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»Vor Tieren hatten wir keine Angst, nur vor Menschen«

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Als Gastgeber begrüßte Dr. Axel Drecoll (l.) vom Institut für Zeitgeschichte Prof. Dr. Alfons Kenkmann, der über überlebende Kinder im Holocaust referierte. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Auch Kinder waren Opfer des Holocausts. Tausende starben – sie wurden umgebracht, verschleppt, irgendwann galten sie als verschollen. Professor Alfons Kenkmann von der Universität Leipzig hat nachgeforscht und Protokolle von Kindern gefunden, die überlebt haben. Beim jüngsten »Obersalzberger Gespräch« in der Dokumentation präsentierte er Zeugnisse jener, die trotz seelischer Strapazen und schierer Verzweiflung mit dem Leben davonkamen.


Baran Jankiel war gerade einmal zwölf Jahre alt, als die Deutschen in Luck einmarschierten. Dort nahmen sie Juden fest, »führten sie auf das Schloss und erschossen sie dort«, erinnert sich der Junge in einem Protokoll, aufgenommen einen Tag nach Kriegsende im Flüchtlingshaus in Bukarest. In Luck hatte es massenhaft Judenverfolgungen gegeben. »Es war sehr streng, für das geringste Verschulden wurde man erschossen.« Selbst Kinder in Baran Jankiels Alter waren betroffen: Man erschoss sie zwar nicht, »man warf sie lebend in die Gruben oder tötete sie, indem man sie an Bäume oder Steine schmetterte.«

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Auf Zureden der Mutter flüchtete der Zwölfjährige auf den Dachboden des Nachbarhauses. 35 Personen waren dort versteckt, harrten aus, »man konnte es vor Hitze nicht aushalten«, erinnert sich der Junge damals. Baran musste den eigenen Urin trinken. Als die Gruppe am sechsten Tag entdeckt wurde, musste der Bub Dramatisches miterleben: Eine Frau, die sich auffällig verhielt, »erwürgte der Kommandant ... eigenhändig.« Der kleine Baran Jankiel überlebte – irgendwie.

Wissenschaftler Alfons Kenkmann nennt das die »Zufälligkeit des Überlebens«. Jedes Kind von damals hatte entweder Glück – oder nicht. In jahrelangen Forschungen in Polen hat er Protokolle von Kindern aufgetan, die ihre schrecklichen Kriegserlebnisse darlegten. Die Quellenlage in Polen sei gut, so Kenkmann, bereits ein Jahr vor Kriegsende hatte sich dort eine Kommission gegründet, die Kriegsüberlebende befragte. Vorrangiges Ziel: Interviews mit Kindern zu führen.

Auf 430 Kinderinterviews ist Kenkmann im Laufe seiner Recherchen gestoßen. Alle wurden ins Deutsche übersetzt. Kinderüberlebenszeugnisse seien ein seltenes wissenschaftliches Gut, ein »stummer Bestand«. Für jedes Kind, das den Krieg überlebt hatte und befragt worden war, fanden die Wissenschaftler rund um Kenkmann Karteikarten mit Aufzeichnungen, die nicht nur das Ausmaß der Kriegsverbrechen dokumentierten, sondern auch die seelischen Befunde der Kinder widerspiegelten. »die psychische Verfassung der Kinder wurde abgeklopft«, sagt Kenkmann, denn immerhin seien diese Kinder mit ihren Erlebnissen »niemals wirkliche Kinder gewesen.«

Beispielhaft berichtet der Referent vor vollem Saal über Fela Kokotek, ein zwölf Jahre altes Mädchen, das mit seinem Vater zusammen immer wieder die Unterkunft gewechselt hatte. Im letzten Moment flohen die beiden durch ein Loch im Fußboden, eine Wache ließ sich bestechen, die Flucht zu Bekannten gelang. »Ich hatte unvorstellbare Angst«, heißt es in den Aufzeichnungen.

»Gruselakten« nennt Kenkmann das, was er in Archiven und Waisenhäusern vorfand. Kinder, die miterlebten, wie andere per Kopfschuss hingerichtet wurden. Kinder, die auf der Flucht ihre Eltern zurücklassen mussten.

Ob die jungen Mädchen und Buben, in deren Protokolle Kenkmann Einsicht hatte, noch immer leben, weiß der Wissenschaftler aktuell nicht. »Wir wollten dem nachgehen, weil uns diese Frage interessiert hatte«, so seine Antwort, doch wurden dann die finanziellen Mittel für das Forschungsprojekt gestrichen. Kilian Pfeiffer