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Vorfreude auf erste Gottesdienste im Talkessel

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Berchtesgaden: Vorfreude auf erste Gottesdienste im Talkessel
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Für die Messe mit den neuen Auflagen braucht man eine große Kirche: Monsignore Thomas Frauenlob in der Stiftskirche. (Fotos: Veronika Mergenthal)

Berchtesgaden – Nachdem auch die Kirchen im Talkessel wochenlang verwaist waren, treffen sich an diesem Wochenende dort erstmals wieder Christen zum Gottesdienst.


Im katholischen Pfarrverband Stiftsland Berchtesgaden sind die ersten Messen am Samstag, 9. Mai, um 16 Uhr in der Franziskanerkirche und um 18.30 Uhr in der Stiftskirche. Am Sonntag, 10. Mai, gibt es Gelegenheit zum Messebesuch um 7.30 Uhr in der Franziskanerkirche sowie um 10 und 18.30 Uhr in der Stiftskirche. Die Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde lädt diesen Sonntag um 10.30 Uhr in die Christuskirche ein.

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Seit Montag, 4. Mai, sind Gottesdienste wieder erlaubt, aber nur unter strengsten Auflagen. So müssen beispielsweise die Kirchenbesucher einen Mund-Nasen-Schutz tragen und zwei Meter Abstand halten. Vom Abstandsgebot dispensiert sind nur Menschen in Hausgemeinschaften. Katholische Messfeiern dürfen maximal 60 Minuten dauern, Mikrofone dürfen jeweils nur von einer Person benutzt werden und müssen anschließend desinfiziert werden. Und so weiter.

Als »wirklich anspruchsvoll« erachtet es Dekan Frauenlob, das geforderte Prozedere für die Kommunionausteilung, bei der auch der Priester Maske und sogar Handschuhe braucht. »Manche Leute haben mir gesagt: Mit Mundschutz und Gummihandschuhen, das mögen sie eigentlich nicht.« Er versteht gut den Weg des Bistums Würzburg, in den ersten zwei Wochen auf die Kommunionausteilung komplett zu verzichten. Ursprünglich wollte er sie ans Ende der Gottesdienste verlegen, wenn die Kirchenbesucher sowieso aufstehen. »Wenn die Kommunion das Wertvollste ist, was wir haben, müssen wir gut überlegen, wie wir damit umgehen«, betont er.

Kurzfristig fand sich doch noch ein anderer Weg, um möglichst wenig Unruhe auszulösen und zugleich Würde und Feierlichkeit zu wahren: »Wir gehen zu den Leuten.« Da jede zweite Reihe frei bleibt, geht er mit den Hostien durch die Bankreihen. Wer den Leib Christi empfangen will, bleibt stehen, wer nicht, setzt sich hin.

Die Abstandsregeln reduzieren in allen Kirchen die Plätze drastisch. »In der Stiftskirche haben wir dann noch 70 Plätze. Wenn man bedenkt, dass der Kölner Dom auch nur 100 Plätze hat, sind wir gut dabei«, sagt Frauenlob. Froh ist er, dass im Chorraum Platz für mehrere Ministranten ist, während andere Pfarreien die Zahl der »Minis« meist auf zwei limitieren müssen.

Bei Bedarf parallele Messen

»Die Ministranten sind ganz wild darauf, dass sie wieder kommen können.« Beide Konfessionen verzichten auf ein Anmeldeverfahren. Bei allen Messen in der Stiftskirche hält sich auf Abruf ein weiterer Priester bereit und zelebriert bei Bedarf zeitgleich in der benachbarten Pfarrkirche St. Andreas, sollte die Stiftskirche »voll« sein. In weiteren Kirchen gibt es vorerst keine Messen.

Bei den Lutheranern sind die Kirchen in Ramsau, Unterstein und Bischofswiesen zu klein für die aktuelle Situation. In der Christuskirche haben aktuell noch 34 Christen Platz. Da die Zahl der Gottesdienstbesucher dort bei durchschnittlich 30 liegt, rechnet Pfarrer Christian Gerstner damit, dass alle unterkommen. Sollten wirklich mehr kommen und ab Pfingsten doch Touristen da sein, müsse man eventuell eine Anmeldung einführen. »Wir lassen das mal ein, zwei Wochen so laufen und sammeln Erfahrungswerte.« Ein Problem sei der von der Landeskirche geforderte Abstand der Liturgen von der Gemeinde von mindestens sechs Metern. »Da stoßen wir in der Diaspora schnell an unsere Grenzen.« Der Pfarrer müsse so leider immer hinter dem Altar stehen, der eine Art Barriere zur Gemeinde bildet.

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Pfarrer Christian Gerstner in der Schöpfungskirche in Bischofswiesen vor dem Wandbild »Das Licht kommt in die Welt«.

Bei den evangelischen Sommer-Gottesdiensten im Freien, etwa am Hirschkaser oder auf der Bindalm, muss Gerstner noch klären, ob Sessellift und Bus fahren werden. Wenn nicht, möchte er dafür Orte auswählen, die man mit dem Auto oder zu Fuß erreicht, wie die Kastensteiner Wand. »Abendmahlsfeiern sind bei uns im Dekanat momentan kein Thema. Durch die Regelung mit Handschuhen ist die Feier unserer Meinung nach ziemlich gestört«, ergänzt er.

Sowohl bei den Katholiken als auch bei den Protestanten können sich die Gruppen und Kreise bis auf Weiteres nicht treffen, Freizeiten müssen abgesagt werden. Firmung, Erstkommunion und Konfirmation – letztere wäre in Berchtesgaden bereits am 17. Mai gewesen – werden verschoben. In den drei großen Kirchen wolle man das Feiern des Sonntagsdienstes unter diesen Bedingungen »einmal ausprobieren«, fasst Frauenlob zusammen. Werktagsmessen gebe es nur in der Franziskanerkirche.

Online-Angebote stehen weiter zur Verfügung

Sollten staatliche Lockerungen kommen, werde auch die Erzdiözese bei den Vorgaben nachjustieren. Regelmäßig besprechen Frauenlob und die anderen Dekane sich derzeit in Videokonferenzen mit Weihbischof Wolfgang Bischof. Er betont, dass den Gläubigen weiterhin andere Angebote offen stehen, wie LiveStreamings im Internet und Fernsehgottesdienste. Auf der Stiftsland-Homepage gibt es täglich einen Morgenimpuls, die Messtexte und ein Abendgebet. Die Krise habe dazu beigetragen, »dass die Leute ein bisserl selbstständiger werden«, freut sich Frauenlob. Über neue Medien wie Facebook und Instagram erreichte der Pfarrverband verstärkt auch Jüngere. »Sie haben gesagt: Toll, dass Ihr da präsent seid.«

Die Leute hätten es auch geschätzt, beim Kirchenschmuck zu den Kar- und Ostertagen ein Stück Normalität und Heimat in ihrem Gotteshaus zu finden. Neue sinnenhafte Formen der Spiritualität entstanden. An einen »Glaubensfaden« an der ersten Bank in der Stiftskirche etwa können Besucher mit Wäscheklammern Zeichen ihres Glaubens hängen, wie eine Zeichnung oder ein Foto.

Gerstner wird den ersten Gottesdienst, den Diakon Markus Sellner leitet, als Teil des vierköpfigen Ordnerteams erleben. Am 17. Mai gedenkt die Kirchengemeinde dann bei einem Gottesdienst im Kurgarten neben dem Eine-Welt-Laden der Dekanats-Partnerschaft zu Tansania.

Beide Seelsorger sind nun gespannt, wie es ihnen selbst am Wochenende gehen wird, und auf das Feedback. Sie freuen sich auch auf Begegnungen – trotz Corona. Gerstner: »Vor und nach den Gottesdiensten reden auf Distanz, ich glaube, das ist für viele ein Anliegen.«

Veronika Mergenthal

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