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Acht Vorstrafen hat der Angeklagte. (Foto: privat)

Wegen Rinderrouladen knapp an Knast vorbei

Berchtesgaden/Laufen – Als »dumm und unüberlegt« beschrieb der 41-jährige Techniker selbst seine Tat. Am Nachmittag des 12. Juli 2021 hatte er sich an der Fleischtheke in dem Berchtesgadener Markt Rinderrouladen im Wert von 12 Euro geben lassen, diese an der Kasse aber nicht bezahlt. Eigentlich ein Fall für eine Einstellung, wäre da nicht das Vorleben des Mannes. So musste Richter Josef Haiker »eine Weile« nachdenken, ehe er noch einmal eine Bewährung zugestand.


Der Angeklagte war zwölf Jahre obdachlos – und trank viel Alkohol. Acht Einträge finden sich im Bundeszentralregister, Bewährungen waren widerrufen worden. In den Jahren 2015 und 2017 war er zweimal wegen Diebstahls zu Geldstrafen verurteilt worden.

Im Juni 2020 lautete die Anklage auf gefährliche Körperverletzung, Widerstand, Beleidigung und tätlicher Angriff. Die zehnmonatige Freiheitsstrafe war auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt worden. Der Berchtesgadener Einkaufsmarkt gleicht technisch ab, ob die Waren von der Fleischtheke an der Kasse tatsächlich bezahlt werden. »Er hat das Fleisch in den Rucksack gesteckt«, berichtete der 52-jährige Marktinhaber mit Verweis auf die Videoüberwachung.

Wenige Tage später habe die Frau des Angeklagten angerufen und erklärt, es sei nicht so gemeint gewesen. Die Frage nach einer Schadenswiedergutmachung verneinte der Zeuge. Rechtsanwalt Jürgen Tegtmeyer bot an, noch im Gerichtssaal Entschädigung zu leisten. Nicht die 112 Euro aus Warenwert und Bearbeitungsgebühr, aber immerhin 50 Euro. Daneben entschuldigte sich der Angeklagte bei dem Geschädigten.

Acht Vorstrafen, nicht durchgestandene Bewährungen und eine hohe Rückfallgeschwindigkeit listete Oberstaatsanwalt Dr. Rainer Vietze gegen den Angeklagten auf. Eigentlich sei dies ein Fall für eine Einstellung gegen eine Geldauflage, so Vietze, doch das Vorleben lasse nur eine Freiheitsstrafe zu. Weil der 41-Jährige hier »einen guten Eindruck« gemacht habe und keinen Alkohol mehr trinke, könne er ausnahmsweise eine positive Sozialprognose erstellen. Vietze beantragte vier Monate, die auf vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden können.

»Vollkommen einverstanden« mit diesem Antrag zeigte sich der Verteidiger. »Er hat einen Job, eine Wohnung und ist verheiratet«, warb Jürgen Tegtmeyer für eine Bewährungschance. Josef Haiker folgte den Anträgen, stellte aber schon die Frage: »Wie viele Chancen muss es geben, dass er es endlich kapiert?« Klar sei: »Es ist die allerletzte Chance. Falls Sie nur einen Kaugummi klauen, wandern Sie ein.« Der Techniker hat an acht Beratungsgesprächen bei der Caritas teilzunehmen, Alkohol und Drogen zu lassen, was auch kontrolliert wird, und er bekommt einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt. »Ab heute stehen Sie unter zweifach offener Bewährung«, betonte der Strafrichter abschließend.

Hannes Höfer

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