»Wichtig ist, wie wir mit den Konflikten umgehen«

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»Für eine hohe Widerstandskraft sind unsere Gedanken und Gefühle sehr entscheidend«, sagt Resilienztrainerin Julia Aschauer. (Foto: Bildwerkstatt Feiga)

Berchtesgaden – Über 200 Selbstbehauptungs- und Resilienz-Trainer haben sich zu einer internationalen Aktion zusammengeschlossen, mit der sie Kinder stärken wollen. Der Workshop »Stark ins neue Jahr« findet am 30. Dezember online statt. Mit dabei: die Resilienztrainerin Julia Aschauer aus Berchtesgaden. Sie setzt sich für mehr Selbstsicherheit für Kinder, gewaltfreie Kommunikation und Mobbing-Prävention ein. Im »Anzeiger«-Interview verrät Aschauer, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die Psyche hat und was sie mit dem Workshop erreichen will. Sie erklärt auch, warum ein Lockdown-Tagebuch in der Familie hilfreich sein kann.


Frau Aschauer, Sie sind als Resilienztrainerin unter anderem dafür zuständig, die Widerstandsfähigkeit zu stärken. Warum ist das in diesem Jahr besonders wichtig?

Julia Aschauer: Die aktuelle Situation rund um die Corona-Pandemie hat vielen Menschen aufgezeigt, dass Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit, ein wichtiges Thema für sie ist. In vielen Lebensbereichen gab es starke Veränderungen, mit denen jeder für sich erst mal klar kommen muss. In Trainings, Coachings und Vorträgen regen wir Menschen dazu an, über ihre persönliche Situation nachzudenken. Gerade jetzt ist es besonders wichtig, sich selbst zu fragen: »Was kann ich ändern und was liegt nicht in meinem Machtbereich?«

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Haben Sie bei Kindern Auswirkungen der Pandemie (Home Schooling, keine Freunde treffen) auf die Psyche bemerkt?

Aschauer: Die Fähigkeit, mit Herausforderungen und Widerständen im Leben gut umgehen zu können, wird besonders dann auf die Probe gestellt, wenn große Herausforderungen vor der Tür stehen. Corona fordert uns im Moment alle heraus. Doch bereits vor der Pandemie gab es Schwierigkeiten, die Kinder überwinden mussten. Das ist in erster Linie auch völlig in Ordnung, da es zu unserer Entwicklung gehört. Egal, ob es kleine Problemchen oder riesige Corona- Herausforderungen sind: Es passiert etwas mit uns. Damit meine ich, dass Gedanken und Gefühle entstehen.

Welche Gefühle machen sich aktuell bemerkbar?

Aschauer: Meine Erfahrung zeigt, dass momentan oft Gefühle wie Angst, Unsicherheit und Hilflosigkeit auf der Tagesordnung stehen. Oft äußert sich das in Diskussionen, Antriebslosigkeit und schlechter Stimmung – sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen. Wir Resilienztrainer zeigen daher andere Perspektiven auf: Was ist positiv in deinem Leben? Wofür bist du dankbar? Richtest du deine Aufmerksamkeit auf das, was du nicht hast und nicht ändern kannst? Oder auf die Menschen, die dich lieben, auf deine Stärken und Ressourcen? So geht der gedankliche Fokus weg von den schlechten Dingen und hin zu den guten Dingen im Leben, von denen wir meiner Meinung nach auch jede Menge haben. Und wenn unsere Gedanken sich mehr mit diesen Dingen beschäftigen, gehen auch unsere Gefühle in eine andere Richtung.

Sie bieten einen Workshop an, um Kinder gestärkt in das Jahr 2021 zu schicken und gute Stimmung zu verbreiten. Wie wird der Workshop ablaufen?

Aschauer: Am 30. Dezember werden über ganz Deutschland und die Welt verteilt 200 Trainer und Trainerinnen vor ihrer Kamera sitzen, stehen und hüpfen und ein Feuerwerk aus stärkenden Impulsen abschießen. Und das völlig kostenlos. Mindestens 6 000 Kinder sollen bei verschiedenen Trainern mit neuem Wissen zum Thema Selbstbewusstsein mental stark ins neue Jahr gehen. Um sich seiner selbst bewusst zu sein, muss man sich nicht nur fragen »Wie geht es mir?«, sondern auch lernen, auf die Antwort zu hören. Warum diese Antwort so wichtig ist und wie man damit umgeht, um ein glückliches Leben zu haben, lernen die Kinder an diesem Tag. Ich werde an diesem Tag mit den Teilnehmenden über das Programm »Zoom« in Verbindung sein und jede Menge Spaß haben. Es geht hier nicht um ein langweiliges Webinar, sondern um einen Kurs voller Freude, Bewegung und Motivation auf jeder Seite des Bildschirms.

Haben Sie Tipps, wie Familien auch in den nächsten Wochen möglichst konfliktfrei durch den neuen Lockdown kommen?

Aschauer: Ich denke, es ist nicht immer nötig, dass unser Zusammenleben zu jeder Zeit konfliktfrei abläuft. Wichtig ist, wie wir mit den Konflikten umgehen. Der jetzige Lockdown wird viele von uns wieder fordern. Aber auch daraus können wir eine Herausforderung machen, an der wir persönlich wachsen können. Jede Familie auf ihre eigene Weise. Für eine hohe Widerstandskraft sind unsere Gedanken und Gefühle sehr entscheidend. Daher kann ich Familien nur raten, sich mit Dingen und Themen zu beschäftigen, die die Stimmung heben, anstatt sie zu drücken. In einem Lockdown-Tagebuch könnte man abends als Familie festhalten, was heute gut gelaufen ist und wofür man dankbar ist. Nach einiger Zeit wird man vielleicht staunend feststellen, was man trotz des Lockdowns alles geschafft hat. kll/pv

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