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»Wir wollen hier keinen Ballermann-Tourismus«

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Berchtesgaden: »Wollen hier keinen Ballermann-Tourismus« – 6 Markenbotschafter für BGLT
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Die sechs neuen BGLT-Markenbotschafter präsentierten gern gemeinsam ihre neue Aufgabe (v.l.): Philipp Reiter, Ines Papert, Alexander Huber, BGLT-Geschäftsführerin Dr. Brigitte Schlögl, Toni Palzer, Thomas Huber und Schorsch Hackl. (Fotos: Hans-Joachim Bittner)

Bad Reichenhall/Berchtesgaden – Die Berchtesgadener Land Tourismus GmbH hat sechs neue Markenbotschafter. Vorgestellt wurden diese im Rahmen einer Pressekonferenz auf dem Predigtstuhl in Bad Reichenhall, die von DAV-Pressesprecher Thomas Bucher moderiert wurde.


Es muss schon viel zusammenpassen, sechs absolute Spitzensportler für einen Termin gewinnen zu können: »Wir hatten einen langen Vorlauf, wussten, dass wir an diesem Tag auf dem Predigtstuhl sein werden«, milderte Weltklasse-Kletterer Thomas Huber, einer der Huber-Buam, die Besonderheit jedoch etwas ab und sagte schmunzelnd: »Wir konnten ja gestern trainieren und können es morgen wieder.« Das zeigt den ungeheuren Bewegungsdrang, der alle Athleten vereint. Denn dem einen oder anderen dieses Sextetts war es deutlich anzumerken, dass er selbst in dieser nur einen Stunde des »Stillsitzens« für den Austausch mit den Medien am liebsten einmal aufgesprungen und »um den Block« gelaufen wäre.

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Das Heimkommen ist das Schönste

Freilich nehmen sie sich für derartige Pflichttermine auch mal gern Zeit, um ihre »Bestimmung« der Öffentlichkeit zu präsentieren: »Weil uns unsere Heimat, diese unvergleichliche Natur schlichtweg am Herzen liegt«, sagt Alexander Huber, der zweite der Huber-Buam, der zwei Jahre jünger ist als sein Bruder Thomas (53).

»Es ist einfach ein Privileg, hier leben zu dürfen«, steigt der frühere Top-Langstrecken-Bergläufer Philipp Reiter (bald 29) aus Marzoll nach der offiziellen Vorstellung der sechs neuen BGLT-Markenbotschafter in die Diskussionsrunde mit ein. Er hat sich mittlerweile mehr aufs Filmen und vor allem Fotografieren spezialisiert, nachdem er zugibt, »es mit dem Sport etwas übertrieben zu haben«. Eine schwerwiegende Verletzung warf den gebürtigen Münchner zurück, heute ist er nicht unglücklich darüber, was er nach wie vor tun darf: »Hauptsächlich draußen sein.«

Berchtesgaden: »Wollen hier keinen Ballermann-Tourismus« – 6 Markenbotschafter für BGLT
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Die neuen Markenbotschafter stehen für den Schutz und Erhalt der außergewöhnlichen Landschaften und der Natur in der Region sowie für einen sanften Tourismus.

Erst jüngst begleitete er Toni Palzer aus der Ramsau bei dessen Watzmann-Rekord-Überschreitung. Der 27-jährige Ramsauer bewältigte »den Wahnsinn«, wie er selbst sagt, in 2:47 Stunden (zu unserem Bericht) und gibt trotz aller Reisen in die ganze Welt zu: »Das Heimkommen ist mit das Schönste. Ich bin stolz auf meine Heimat, sie bedeutet mir alles. Hier kann ich 365 Tage im Jahr alpinen Sport betreiben – ein Privileg.« Palzer treffe viele andere Menschen, die nicht glücklich damit seien, wo sie leben: »Auf mich trifft das nicht zu.«

Das Kopfnicken aller Protagonisten dieses Treffens auf dem Predigtstuhl zeigte hundertprozentige Übereinstimmung. Ines Papert, einst die beste Eiskletterin der Welt, die selbst der Männerwelt dieses exponierten Sports das Fürchten lehrte, kam zunächst »eher zufällig, weil beruflich« mit erst 19 Jahren ins Berchtesgadener Land. Als sie von ihrem neuen Zuhause das erste Mal den Hohen Göll erblickte, wusste sie: »Hier bleibe ich.«

Einen Schritt, den die in Sachsen geborene 46-Jährige nie bereute. Ihre neue Heimat habe die Wahl-Bayerisch-Gmainerin durch Corona noch mal ganz neu entdeckt: »Ich war noch nie so lange am Stück zu Hause.« Mit ihrem Lebens- und Kletterpartner erkundete Ines Papert »neue Ecken« des Landkreises und hatte »endlich mal Zeit, in Ruhe neue Projekte zu erarbeiten«. Denn sonst passiere das doch immer eher hektisch und mit reichlich Stress zwischen zwei Projekten oder Expeditionen und Vorträgen.

Als Markenbotschafter durchaus prädestiniert

Der dreifache Olympiasieger Schorsch Hackl schert aus der Reihe der Bergsportler »etwas aus«. Darum sagt der bis heute erfolgreichste Rennrodler aller Zeiten bescheiden: »Ich darf mich nicht mit den anderen dieser Runde vergleichen.« Längst sei er, mittlerweile 53 Jahre alt, auf das E-Mountainbike umgestiegen, das »aber immerhin sauber sportlich«, schmunzelt der gebürtige Berchtesgadener, der sein ganzes Leben hier verbringen durfte.

Bewegung in der Natur sei für ihn alles, vor der Haustüre beginne eine großartige Auswahl: »Darum fühle ich mich als Markenbotschafter schon auch prädestiniert. Ich sage ganz klar, dass die Leute zu uns kommen sollen.« Die neuen Amtskollegen unterstrichen diesen Tenor: »Das Berchtesgadener Land gehört uns nicht allein. Man muss den Menschen schon gestatten, das alles ebenfalls erleben zu dürfen. Freilich muss das maßvoll und mit Bedacht passieren«, so Alexander Huber.

Der Erhalt und Schutz der Natur und somit der Heimat ist für das neue BGLT-Sextett das größte Anliegen. Im Einklang mit dem Tourismus: »Mir gefallen die Massen am Jenner nicht unbedingt. Aber sie bewegen sich auf den Wegen. Wenn all diese Menschen wild in der Landschaft rumtrampeln würden, wäre es noch viel schlimmer.« Aussagen, die den neuen Markenbotschaftern für Berchtesgaden mit den Schwerpunkten Berg und Natur sowie Bad Reichenhall mit Gesundheit und Kultur nicht nur erlaubt sind.

»Sie sollen sie sogar tätigen«, sagt BGLT-Geschäftsführerin Dr. Brigitte Schlögl. »Wir werden unseren Sportlern sicher nicht vorschreiben, was sie zu sagen haben.« Dafür seien sie viel zu stark in ihren jeweiligen Bereichen unterwegs, tätig und präsent. Sie bezeichnet es als großes Glück, diese Top-Leute in der Region zu haben: »Alle verkörpern eine ganz besondere Eigenständigkeit, haben ihren individuellen Stil.« Das sollen sie sich bewahren und sich bloß nicht verbiegen oder verstellen. »Sie wissen schon, was sie sagen, sie sind erfahren genug«, vertraut Schlögl auf die BGLT-Wahl und weiß um das gegenseitige »Geben und Nehmen« dieser Markenbotschafter-Aktion.

Der Verantwortung vollauf bewusst

»Wir wissen ganz genau um unsere Verantwortung«, unterstreicht Alexander Huber. Sein Bruder Thomas ergänzt: »Tourismus ist wichtig, keine Frage. Aber er muss nachhaltig sein, sanft. Wenn wir hier eines nicht wollen, dann einen Ballermann-Tourismus.« Alle sechs wünschen sich, dass die Urlauber wieder mehr Zeit mitbringen, um die Region intensiv kennen- und schätzen zu lernen: »Der Tagestourismus bringt weder uns noch den Gästen besonders viel«, so Ines Papert.

Frauen sind erwünscht

Der aktuelle Reigen der Markenbotschafter ist nicht geschlossen, weitere Repräsentanten können immer noch dazustoßen. Dabei wünscht sich BGLT-Geschäftsführerin Dr. Brigitte Schlögl noch mehr Weiblichkeit, da dieser Part aktuell »lediglich« von Ines Papert besetzt wird.

Gern genommene Eigenschaften potenzieller Kandidaten sind tiefe Heimatverbundenheit, also auch Bodenständigkeit, Authentizität, Herz – nicht nur für die Natur – sowie dieses gewisse »Da bin i dahoam«-Gefühl.

Attribute, die alle sechs nun vorgestellten Markenbotschafter verbinden und die sie transparent in die Welt tragen sollen und wollen. Das ist das Ansinnen der BGLT-Verantwortlichen.

Hans-Joachim Bittner

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