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Paul O'Regan und Julia Nowak freuen sich, dass die grünen »Pflanzerl« so schön gedeihen. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Zwei mit grünem Daumen – Julia Nowak und Paul O'Regan betreiben in Maria Gern eine besondere Landwirtschaft

Berchtesgaden – Vor wenigen Tagen hat Julia Nowak endlich die Bio-Zertifizierung für die »Microgreens« erhalten. Kohlrabi, Knoblauch, Koriander: Die Nachfrage nach den besonderen Jungpflanzen, die sie seit zwei Jahren gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Paul O'Regan auf zwölf Quadratmetern anbaut, ist ungebrochen. Die Junglandwirte erwägen zu expandieren.


Rund um das Gewächshaus am Hang ist der Winter eingekehrt. Die letzten essbaren Blüten sind verblüht. Es schneit dicke Flocken im Berchtesgadener Ortsteil Maria Gern, wo die beiden Junglandwirte ihre spezielle Landwirtschaft verwirklicht haben, die so ganz anders daherkommt als gewöhnlich. Pflanzensprösslinge wachsen in einem ungenutzten Raum ihrer Wohnung in kleinen Schalen in hohen Regalen heran. Kohlrabi, Knoblauch, Koriander sprießt hier neben Brokkoli und Erbsen. Es gibt Radieschen-Jungpflanzen, Zwiebeln und Kapuzinerkresse, Rucola und Sonnenblumen in Babygröße. Nach rund zwei Wochen werden die kleinen Pflänzchen geerntet. »Das Besondere an Microgreens ist der Nährstoffgehalt«, sagt die 26-jährige Julia Nowak. In den jungen Pflänzchen steckt mehr drin als in normalem Gemüse, weiß die gebürtige Berchtesgadenerin.

Ihren Freund, mit dem sie die zweijährige Tochter Hannah hat, hat Julia vor sechs Jahren auf einer Reise nach Irland kennengelernt. Eineinhalb Jahre machte sie »Work and Travel«, Frankreich, Schweden, Finnland, Dänemark. Sie bereiste Deutschland zu Fuß und als Anhalter auf der Suche nach interessanten Formen der Landwirtschaft. Der Traum nach einem eigenen Idyll und die Sehnsucht, sich irgendwann als Selbstversorger zu ernähren, existiert seit Jugendjahren. Auf ihrer langen Reise blieb Julia schließlich in Irland hängen. Dort lernte sie Paul O'Regan kennen, gelernter Landschaftsgärtner, der in einem Betrieb tätig war, in dem Julia ebenfalls arbeitete. Der 43-Jährige hat Biolandwirtschaft und Permakultur studiert. Er verfolgt eine Entwurfsmethode für eine Landwirtschaft, die ein Überleben im Einklang mit der Natur ermöglicht. Gesucht und gefunden, würden die beiden heute sagen.

Julia Nowak hatte mit der Landwirtschaft zwar schon Berührungspunkte, gelernt hat sie aber etwas anderes: Als Holzbildhauerin ist sie mit dem Werkstoff Holz vertraut. Holz ist den Jungpflanzen gar nicht so unähnlich, sagt sie. Der Ursprung beider Produkte liegt in der Natur.

Julia Nowak achtet darauf, was sie isst: Sie beschäftigt sich mit Kräutern, legt seit jeher Wert auf gesunde Ernährung. Auf »Microgreens« aufmerksam wurde sie nach einer Haaranalyse. Mit der Probe wollte sie herausfinden, an welchen Nährstoffen es ihr mangelt. »Das Labor stellte fest, dass ich Kaliummangel habe, obwohl ich mich immer gut ernähre«, sagt sie. Der Ratschlag: mehr Grün zu essen. In den nur wenige Zentimeter großen und wenige Tage alten Jungpflanzen steckt jede Menge drin, von Proteinen bis hin zu Mineralien. Sie begann klein – ausschließlich für den Eigenbedarf: ein wenig Kresse und Sonnenblumen, ein paar Radieschensprossen. »Ich habe herumexperimentiert, was uns überhaupt schmeckt«, sagt sie. Nach und nach vergrößerte sie die Anbaufläche. Freund Paul, der mittlerweile von Irland nach Berchtesgaden übersiedelt hatte, wollte unabhängig bleiben, den Anbau ausbauen. »Für ihn kommt nur selbstständiges Arbeiten infrage«, sagt Julia über ihren Partner.

In schwarzen, abgedeckten Boxen im Anzuchtraum, den Julia auch als »unser Labor« bezeichnet, keimen Sonnenblumen neben Rucola. Die Sprösslinge sind der Beginn einer zweiwöchigen Wachstumsphase, dessen Erfolg sich tagtäglich beobachten lässt.

Um den kleinen, mit Fenstern versehenen Raum optimal zu nutzen, bauten die beiden Junglandwirte Regale, versahen diese mit LED-Beleuchtung. Entfeuchter entziehen der Raumluft das Wasser, ein Ventilator verteilt sanft Luft im Raum: »Für das Wachstum der Jungpflanzen ist das wichtig«, sagt die 26-Jährige, die penibel genau darauf achtet, dass die Raumtemperatur die richtige ist. Die Biosaat wächst in der Bioerde bei optimalem Raumklima am besten. Viele Faktoren spielen ineinander. Apropos Bio: Dass die kleine Unternehmung, die mittlerweile unter dem Namen »Pflanzerl« läuft, jetzt auch Bio-zertifiziert ist, freut die Jungunternehmer. Das eröffnet den beiden nicht nur zusätzliche Türen, sondern wird auch als Belohnung verstanden. Der lange, manchmal beschwerliche Weg ist der richtige gewesen, sagen beide.

Wöchentlich erntet das Paar die pflanzlichen Errungenschaften, denen sie beim Wachsen fast zusehen können. Viel Zeit verbringt Julia Nowak im Anzuchtraum, weil die Pflege viel Arbeit erfordert. Wenn aus den kleinen Sonnenblumenkernen die Pflanzen sprießen, sitzen die Kerne wie Hauben auf dem emporschießenden Sprössling. Hunderte Pflänzchen müssen dann von unfreiwilligen »Hütchen« befreit werden.

Eine Wissenschaft für sich ist das Mischverhältnis der verwendeten Erde. »Unser Geheimnis«, sagt Julia Nowak mit einem Grinsen. Hin und wieder unterhält sie sich mit Brokkoli, Kohlrabi und Co. »Die Pflanzerl brauchen die Ansprache«, ist sie überzeugt. Drei Wochenmärkte beliefert das Paar mittlerweile – darunter jenen in Berchtesgaden, im österreichischen Anif und in Unterwössen. Verkauft werden die Jungpflanzen in der Schale oder als Mix – etwa für Salate. Die Planung, die Belieferung, der Verkauf – alles erfolgt in Eigenregie. »Das ist echt viel Arbeit und gar nicht so einfach«, sagt Julia Nowak. Schließlich soll jeder Wochenmarkt auch mit Ware versorgt werden können.

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Das würden einmal Radieschen werden. Nach rund zehn Tagen wird aber geerntet.

Ein Netzwerk zu knüpfen, war für Julia Nowak und Paul O'Regan Neuland: Um auf der Welt »selbst angebauter Kost« Fuß zu fassen, ist es unabdingbar, zumal »Microgreens« in der Region kaum Bekanntheit hatten. »Überzeugungsarbeit war nötig«, weiß die Pflanzenkennerin. Immer wieder versucht sie sich an Neuem. Kürzlich hat sie es mit Fenchelsamen probiert. »Der traf als Jungpflanze aber nicht meinen Geschmack.« Derweil gilt Fenchel als besonders nährstoffreich, auch schon im Stadium als Minipflanze: Doppelt so viel Vitamin C wie Orangen soll er enthalten, zudem Mineralstoffe wie Kalium, Kalzium und Magnesium.

Die Unternehmung ist für das Paar noch immer ein großer Experimentierkasten. »Jeden Tag lerne ich dazu«, sagt Julia Nowak. Seit Langem sucht sie mit ihrem Freund ein neues Zuhause. Der Traum: ein eigener kleiner Bauernhof mit mehr Platz und Möglichkeiten. Irgendwann, sagt sie, wird der Traum Wirklichkeit.

Kilian Pfeiffer

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