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Die Riege der Besten, die zusätzlich zum Gesellenbrief eine besondere Ehrung bekamen (v.l.): Michael Koller in Vertretung des Landrats, Anne Knaus, Alice Eichhorn, Direktor Norbert Däuber, Jonas Ammer, Jannis Donke, Gabriel Schimpfle und Wieland Schneider.

Zwölf Schreiner und neun Holzbildhauer erhalten Gesellenbriefe

Berchtesgaden – »Wieder stehe ich da, ein Jahr ist um.« Das war der Eröffnungssatz von Schnitzschuldirektor Norbert Däuber. Als er vor Tagen noch ein Corona-Infizierter war, habe er im Bett gelegen und sinniert, was er wohl nach 22-jähriger Tätigkeit an diesem Tag der Freisprechung sagen würde. Und sei wieder eingeschlafen. Letztlich aber hat Däuber Lobendes gesagt über die 21 Absolventen bei den Schreinern und Holzbildhauern. Und anschließend haben Landratstellvertreter Michael Koller und Marktbürgermeister Franz Rasp ebenso ihre Anerkennung ausgesprochen und letztlich haben die Lehrer der Abschlussklassen, Simon Hummelsberger und Hannes Stellner den Absolventen mit dem Erhalt der Gesellenbriefe auch noch Lobendes mit auf dem Weg zur Gesellenfeier gegeben. Es war also wie immer.


Nach fast drei Jahrzehnten Freisprechung in der Schnitzschule – wie soll man da noch Neues bringen, die oft gebrauchten Floskeln umgehen? Neu ist es nur für die nun auf gepackten Koffern sitzenden frischen Gesellen, die nach dreijähriger intensiver Lehre Berchtesgaden verlassen – dürfen oder müssen. Diese Unterschiede gab und gibt es immer noch. Konstant kann durchaus auch etwas Gutes sein. Konstant jedenfalls ist auch das Konzept der Freisprechungsfeier: Es wird gelobt, durchgängig, dass sich mitunter die Balken biegen im ehemaligen Hoffischerhaus. Konstant ist auch in jedem Jahr die Temperatur im Feierraum: hoch. Deshalb hat Schulleiter Norbert Däuber weitsichtig die Freisprechung früh angesetzt. Die »Affenhitze« kam daher erst allmählich im Schlussteil der Feier. Egal: Neun Holzbildhauer und ein Dutzend Schreiner verlassen nun mit dem Gesellenbrief und dem Werkstück, dessen Herstellung ihre berufliche Reife bezeugt, die Region.

Auch die Optik ist seit mindestens drei Jahrzehnten immer noch die Gleiche. Von Tracht bis salopper Kleidung ist alles dabei, barfuß kommen manche Absolventen, vielleicht auch um das Anderssein zu dokumentieren. Das war schon immer so. »Kampfgruppe Birkenstock hat man die Schnitzschüler in früheren Zeiten genannt. Direktor Norbert Däuber kommt immer, temperaturunabhängig, im guten Zwirn, unterstreicht das Festliche, das zumindest die Erstteilnehmer wie Eltern und sonstige Familie der Absolventen so empfinden. Mit gutem Recht.

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Eine der beeindruckendsten Arbeiten ist »Martin« von Alice Eichhorn, eine Gans mit Menschenfüßen aus Eichenholz. (Fotos: Meister)

In ihren Grußworten drückten Michael Koller, der den Landrat vertrat und Marktbürgermeister Franz Rasp ihre Anerkennung für die Entwicklung der einzelnen Schüler in den letzten drei Jahren aus. Was sich auch an den Gesellenstücken, die, im Haus verteilt, besichtigt werden konnten, ablesen ließ. »Bleibt Euch treu«, gab Koller den Absolventen mit auf den Weg und »verriet«, dass seine Berufslaufbahn auch mit einer Schreinerlehre begonnen hat. Franz Rasp wünschte nach den drei Jahren zwischen Idealismus und Realität viel Gutes auf dem beruflichen wie privatem Lebensweg.

Schulleiter Norbert Däuber erinnerte an die »schweren Zeiten«, die den diesjährigen Absolventen besonders mitgespielt habe. Im ersten Ausbildungsjahr war die Schule neun Wochen Corona-bedingt geschlossen, im zweiten Jahr gar 15 Wochen. Zudem hätten die Schreiner auch noch einen Lehrerwechsel zu verkraften gehabt. Praxis könne man nicht digital lernen, »für mich ist Handwerk – Handwerk.«

Auch Schreinermeister Simon Hummelsberger ging auf die verkürzte Lehrzeit ein. Man habe alles ein wenig komprimieren müssen. Gerade deshalb seien die Gesellenstücke aller Ehren wert. Ihm selbst, so Hummelsberger, habe es dennoch viel Spaß gemacht, trotz vieler Widrigkeiten gut an den Endpunkt gekommen zu sein. Er bescheinigte seinen Schülern, dass sie in dieser gemeinsamen Zeit menschlich und handwerklich sehr gewachsen seien. »Ich bin sehr zufrieden mit Euch.« Den obligatorischen Hobel gab es mit dem Gesellenbrief, eine Rose noch für die Damen.

Bildhauer Hannes Stellner hatte viel Anerkennendes für seine nun »fertigen« Holzbildhauer. Auch seine Klasse habe teilweise unter Corona gelitten, »Letztlich aber hat alles gut geklappt.« An diesem Abschlusstag mischten sich Freude und Wehmut. »Ihr habt Gespür für Proportionen entwickelt, habt Form entwickelt. Ein Stück entwickele sich immer zwischen Kopf und Hand, es gehe hin und her. Denken und Tun geschehe gleichzeitig. Vielleicht, so Hannes Stellner, werde aus dem Beruf eine Berufung. Er danke sehr für die gute Zusammenarbeit. »Ich werde Euch vermissen.«

Im Anschluss wurden, auch das wie in jedem Jahr, die (vermeintlich) Besten mit den Preisen der Regierung von Oberbayern beziehungsweise des Landkreises sowie dem Förderpreis der Schnitzschule ausgezeichnet. Schreinergesellin Franka Lina Jia Lin Schuh übernahm es, sanft und angenehm, aus Schülersicht die drei vergangenen Jahre Revue passieren zu lassen. »Wie siehst Du Dich in fünf Jahren?« Vor fünft Jahren war sie noch auf einer Montesori-Schule in Vietnam, jetzt hat sie drei Jahre in einem bayerischen Bergdorf gelebt. Das waren auch drei Jahre Teambildung. »Ich werde diese Zeit immer in Erinnerung behalten. Danke, dass wir alle zusammen Mensch sein durften. Schuldirektor, Lehrer, Hausmeister, Sekretärin und vermutlich vielen mehr stellte sie ein brillantes Zeugnis aus. Und wo werden wir nun in fünf Jahren sein? »Schauen wir mal.«

Dieter Meister

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