Forstzentrum soll gebaut werden: Sturm der Entrüstung bei Bürgern

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Dr. Daniel Müller, Leiter des Forstbetriebs Berchtesgaden der Bayerischen Staatsforsten, möchte ein Forstzentrum im Mooshäuslmoos verwirklichen.

Bischofswiesen – 261 Unterschriften hat Marianne Leiner innerhalb von zwei Tagen gesammelt. »Es gibt eine klare Haltung: Niemand will, dass die Staatsforsten an dieser Stelle bauen«, sagt die Anwohnerin des Mooshäuslmoos. Denn: Der Forstbetrieb Berchtesgaden der Bayerischen Staatsforsten plant im Außenbereich, in einem Feucht- und Moorgebiet, ein Forstzentrum. Das passt selbst der Gemeinde nicht ins Konzept: Einen Antrag auf Vorbescheid zum Neubau lehnten die Volksvertreter einstimmig ab. Gebaut werden könnte trotzdem, denn die Staatsforsten sind dazu privilegiert. Widerstand formiert sich.


Als Marianne Leiner in der Zeitung las, dass der Forstbetrieb ein neues Forstzentrum bauen will, gleich neben dem Wohngebiet, mitten in einem geschützten Bereich, da fiel sie aus allen Wolken. »Niemand hat uns informiert, so etwas darf man sich aber erwarten«, sagt Leiner. Aus den Unterlagen des Bauausschusses geht hervor: »Es wurde Antrag auf Absehen von der Nachbarbeteiligung bei Vorbescheidsantrag gestellt.« In der Bevölkerung fühlt man sich übergangen. Eine Radfahrerin, die soeben von den Planungen erfahren hat, ist fassungslos. Sie ist eine von vielen, die die mittlerweile seitenlange Unterschriftenliste signiert.

Noch befinden sich die Planungen zwar in einem frühen Stadium. Tatsache ist aber: Die Eingriffe in das Mooshäuslmoos, das ein beliebtes Naherholungsgebiet mit Spazierwegen und Wald ist, wären nicht zu übersehen.

Beliebtes Gebiet

Viele Spaziergänger sind hier tagtäglich unterwegs, Radfahrer, Menschen mit Hunden, spielende Kinder, sagt Leiner. Ein Besuch vor Ort bestätigt das geschilderte Bild. Leiner wohnt nur einen Steinwurf vom geplanten Bauort entfernt. Man könnte nun unterstellen, es ginge um eigene Belange. Die Situation ist aber eine andere: Denn die gesamte Nachbarschaft hat sich gegen das Projekt der Staatsforsten ausgesprochen. Innerhalb von zwei Tagen hat Familie Leiner 261 Unterschriften gesammelt und diese dem Bürgermeister von Bischofswiesen, Thomas Weber, übergeben.

In einem Schreiben haben die Bürger etliche Gründe zusammengetragen, die gegen den Bau sprechen: Eines der letzten verbliebenen Naherholungsgebiete im Ort würde verbaut, ein einmaliger Lebensraum zerstört werden. Die Bürger äußern Sorge, dass durch das Forstzentrum eine Baulücke geschaffen werden könnte, »die in absehbarer Zeit zu Anträgen für weitere Bebauungen führen« könnten.

In Bischofswiesen ist Bauland rar, der Gemeinde ist es kaum möglich in Zukunft noch zu wachsen. »Der Forst, der eigentlich eine Vorbildfunktion beim Schutz der Natur haben sollte, zerstört hier die Natur durch einen Neubau«, sagen Marianne Leiner und Ehemann Peter. Auch der Bund Naturschutz äußert sich kritisch und lehnt das Projekt kategorisch ab: »Wie ein Forstbetrieb, der sich das nachhaltige Wirtschaften und den Naturschutz auf die Fahnen geschrieben hat, auf die Idee kommen kann, in einem solchen Bereich groß bauen zu wollen, ist nicht nachvollziehbar«, sagt Rita Poser, Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz Berchtesgadener Land.

Dr. Daniel Müller, der Leiter des Forstbetriebs Berchtesgaden, sagt, dass es einen »großen Bedarf für Wohnraum für Mitarbeiter« gebe. In das Forstzentrum sollen ein Berufsjäger und ein Förster einziehen, zwei Wohnungen mit jeweils 115 Quadratmetern Fläche entstehen. Im Gebäude sollen zudem Büroräume geschaffen werden, gleich daneben eine Doppelgarage und eine angeschlossene Wildkammer, in der Wild verwertet werden kann. Das Vorhaben im Außenbereich sei privilegiert, »wenn es dem forstwirtschaftlichen Betrieb dient«, heißt es. »Seit Jahren versuchen wir, in diesem Revier ein Forsthaus zu bauen«, sagt Müller. In der Vergangenheit hatte der Forstbetrieb im Besitz befindliche Forsthäuser und damit dringend benötigten Wohnraum teils meistbietend verkauft, etwa am Höglwörther See in Anger. In Aufham, Inzell und Bad Reichenhall betreibt der Forstbetrieb Berchtesgaden, der sich über das Berchtesgadener Land, den Rupertiwinkel und das östliche Chiemgau erstreckt, noch Forsthäuser, wie Daniel Müller bestätigt.

Nahe an einer Siedlung

Müller sagt: »Ziel ist, dass wir ein Forsthaus möglichst nah an eine Siedlung bauen, es dadurch anbinden und eine Zersiedelung der Landschaft vermeiden.« Die Anwohner kontern, führen jene Flächen an, die dem Forst zur Verfügung stehen, darunter 2 070 Hektar Waldflächen und 800 Hektar Umland: »Das heißt, es gibt durchaus Alternativen für dieses Projekt«, äußern die Kritiker.

Auch unter den Volksvertretern im Bauausschuss kann man die Planungen nicht nachvollziehen. Egal, welche Partei sich zu Wort meldete – es hagelte einen Sturm der Kritik: »Ich habe kein Verständnis dafür«, sagt Oliver Schmidt (CSU). Thomas Resch (FWG) betrachtet das Mooshäuslmoos als sensibles Gebiet, Anna-Julia Stumvoll (Grüne) erkennt darin »einen völlig falschen Weg, ein Waldstück anzureißen und zu bebauen«. Einfach »nur frech« – so betrachtet Josef Angerer (SPD) die Planung des Forstes. »Zudem ist es ein Irrsinn, wenn man sich überlegt, dass dort auch noch Wild geschlachtet werden soll.« Auch Matthias Aschauer (FWG) zeigt nur wenig Verständnis, »immerhin hatte der Forstbetrieb in der Vergangenheit bereits in Bischofswiesen ein Forsthaus, das er verkaufte«. Für Forstbetriebsleiter Daniel Müller ist die Sache klar: »Wir verfolgen keine bösen Absichten, gehen die Sache Schritt für Schritt an.« Die Bevölkerung zu umgehen, sei nie der Plan gewesen, »eine Beteiligung soll dann erfolgen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist«. Denn der Antrag auf Vorbescheid zum Neubau sei ja erst der Anfang. »Wir haben noch nicht mal ein Budget für das Projekt.« Bei den Bayerischen Staatsforsten hofft man, noch dieses Jahr eine Bauvoranfrage zu stellen und eine Genehmigung zu bekommen. »Wenn diese positiv beschieden wird, könnten wir bereits im nächsten Jahr mit dem Bau beginnen.« In den Reihen der Bürger will man sich wappnen und »alles rechtlich Mögliche tun«, um das Forstzentrum zu verhindern.

Kilian Pfeiffer