Mit Handicap an die Weltspitze des Skisports

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Ihre Prothese hat Annemie Schneider immer mit Stolz getragen. (Fotos: Lisa Schuhegger)

Bischofswiesen – Gerade laufen die Paralympischen Spiele in Tokio und Annemie Schneider aus Bischofswiesen sitzt vor dem Fernseher.


Anlässlich der Paralympics erinnert sich die heute 78-jährige mehrfache Winterparalympics-Siegerin an ihre eigene Karriere als Skifahrerin. Die quirlige Seniorin, die in ihrer Jugend den linken Oberschenkel amputiert bekommen hat, lächelt und sagt: »Ich bin immer auf Sieg gefahren.« Sie hat in sämtlichen Disziplinen im Skisport Paralympics-Gold geholt. 1976 im schwedischen Ornskoldsvik etwa waren es drei Goldmedaillen, 1980 im norwegischen Geilo zwei. Hinzu kommen Siege bei Weltmeisterschaften. Die Frage, wie oft sie schon auf dem Podest gestanden habe, beantwortet sie mit »Oft.«

Als es dann am schönsten war, hat sie aufgehört. Annemie Schneider beendete ihre sportliche Wettkampf-Karriere nach den Paralympischen Spielen im norwegischen Lillehammer 1994 als Medaillen-Gewinnerin. »Als Verliererin räume ich nicht das Feld«, habe sich die damals 51-Jährige gesagt. Nach 1994 nämlich hätte sie sich auch gegen Skifahrerinnen mit einem anderen Handicap in einer gemeinsamen Wertung durchsetzen müssen. »Gegen eine Konkurrentin auf zwei Skiern habe ich keine Chance«, erklärt Annemie Schneider, die oft die weitaus jüngere Konkurrenz hinter sich ließ.

Annemie Schneider ist mit einem Bein sicherer den Hang hinunter gebrettert als manch anderer mit zwei Skiern. Als Oberschenkelamputierte haben sie Krücken mit Skiern dran unterstützt. Annemie Schneider fuhr stets die neusten Rennmodelle. Die Firma Völkl sponserte die Sportlerin. »Völkl hat extra für mich den besten Ski und die besten Stöcke gebaut«, sagt sie. Eine Ausrüstung habe ihr einst nicht »getaugt«. Sie habe angerufen und eine neue bekommen.

So lagert Annemie Schneider im »Skikeller« viele Modelle. Die 78-Jährige schafft es problemlos die steile Treppe hinunter. Die ehemalige Paralympics-Teilnehmerin begutachtet ihre Skier, lächelt ein Siegerlächeln.

Sie beschreibt: »Ich habe mir die ganze Welt angeschaut.« Wettkämpfe an sämtlichen Austragungsorten haben sie weit umherkommen lassen. An Rennen in Kanada oder in Amerika habe sie oft einen Urlaub angehängt, mit einem Leihwagen die Gegend erkundet. Sie schmunzelt. »Ein Fremder hat nicht gemerkt, dass ich nur ein Bein habe«, sagt Annemie Schneider. Sie holt ihre Prothese von einst hervor, hält sich die Prothese hin. »Ich habe sie mit Stolz getragen«, sagt sie. »Versteckt habe ich mich nie.« Selbst kurze Miniröcke habe Annemie Schneider getragen. »Sogar die Zehennägel der Prothese habe ich mir angestrichen.« Die Zehennägel lackiert sich Annemie Schneider heute nicht mehr. Die Fingernägel schon. Sie sind knall-pink, passend zur rosa Jacke und den pinken Turnschuhen. Eitel ist Annemie Schneider mit fast 80 Jahren wie damals mit 20 Jahren. Die Frisur sitzt. Ihr Alter ist der quirligen Annemie Schneider nicht anzusehen: sportliche Figur, straffe Haut. Das kommt nicht von ungefähr. Annemie Schneider hält sich jung. Sie treibt nach wie vor Sport. »Anstatt laufen zu gehen, drehe ich zehn Runden um das Rondell am Böcklweiher.« So trainiert Annemie Schneider ihre Arme. Das rechte Bein trainiert sie auf dem Spinning-Rad, das im Wohnzimmer neben der Couch steht.

In jungen Jahren ist Annemie Schneider nicht nur Ski gefahren. Sie hat an Autorennen teilgenommen, ist Rad gefahren, ist Berg gegangen, hat Tennis gespielt, hat im Fitnessstudio Gewichte gestemmt und es ausgenutzt, dass sie als Sekretärin der CJD Christophorusschulen die Sporthalle nutzen konnte. Mit einem Trainer habe sie gleich nach der Arbeit im Büro eine Trainingseinheit eingeschoben.

Sport hat Annemie Schneider schon als Kind gerne getrieben. Sie wuchs in einer sportlichen Familie auf. Mit ihren Eltern pflegte sie ein gutes Verhältnis. »Mama und Papa haben mich sehr unterstützt«, sagt sie. Als die junge Annemie Schneider mit 16 oder 17 Jahren bei einem Unfall verletzt wurde, im Krankenhaus ihr Bein amputiert werden musste, habe sie ihren Vater als Erstes gefragt: »Kann ich wieder Ski fahren?« »Ja«, habe ihr Vater gesagt. »Und als ich aus dem Krankenhaus gekommen bin, hat die Ski-Ausrüstung schon dagelegen«, erinnert sich die Seniorin. Trainer hätte ihr Vater auch organisiert. Annemie Schneider ist schnell gut zurechtgekommen mit nur einem Ski und mit den Krücken. Schließlich wurde sie Spitzensportlerin im Skifahren. »Ohne den Unfall hätte ich es nie so weit gebracht«, vermutet Annemie Schneider. Sie habe nie ein Problem mit ihrer Behinderung gehabt. Im Gegenteil: »Als gehandicapte Sportlerin habe ich mehr Vor- als Nachteile gehabt«, sagt sie. »Beim Lift habe ich nie anstehen müssen. Alle haben mich vorgelassen.« Annemie Schneider lacht. Dann setzt sie eine ernstere Mine auf. »Ich habe nie nach dem Warum, Wieso, Weshalb gefragt«, erklärt sie. Ihre Behinderung habe sie angenommen und ist stets gut damit zurechtgekommen.

Die 78-Jährige arrangiert sich nach wie vor mit der Behinderung. Sie lebt alleine in ihrem Haus in der Nähe des Böcklweihers. Sie findet sich zurecht, ist aktiv. »Wer rastet, der rostet«, sagt sie und steigt auf ihr Spinning-Rad.

Lisa Schuhegger