Operation sechsmal verschoben: Ein Krebspatient und sein langer Leidensweg

Operation sechsmal verschoben: Ein Krebspatient und sein langer Leidensweg
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»Situativ« seien in Einzelfällen Operationen auch mehrfach verschoben worden, sagt ein Sprecher der Kliniken Südostbayern AG. Franz Ilsanker hätte in der Kreisklinik Bad Reichenhall (Bild) operiert werden sollen, schließlich wurde er nach München verlegt. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Bischofswiesen – Franz Ilsanker aus Bischofswiesen hat Speiseröhren- und Magenkrebs. Dreimal wurde seine Operation in Bad Reichenhall verschoben, drei weitere Male in München, weil für mögliche Coronapatienten Intensivbetten vorgehalten werden müssen. Ilsankers Psyche hat dadurch stark gelitten.


Die schockierende Diagnose kam vor rund einem halben Jahr. Die Symptome kamen schleichend. Irgendwann konnte Franz Ilsanker, der eigentlich anders heißt und dessen richtiger Name der Redaktion bekannt ist, nichts mehr essen. »Ich bekam nichts mehr runter, konnte nicht mehr gut schlucken«, sagt der 64-Jährige. Ilsanker ging zum Arzt, es war der Start einer Monate währenden Leidensgeschichte.

38 Bestrahlungstermine

Die Diagnose erschütterte das Leben des Rentners: Krebs. Sein Hausarzt hatte ihn zuvor zum Hals-Nasen-Ohrenarzt geschickt, dieser hatte weiter zur Magenspiegelung überwiesen. »Die haben dann festgestellt, dass mit mir etwas nicht stimmt«, sagt Ilsanker. Ein Tumor war an der Speiseröhre gewachsen. Schnell musste gehandelt werden. Ilsanker bekam eine Chemotherapie. Im Juli und August folgten 38 Bestrahlungstermine in Traunstein. Jeden Tag fuhr der Patient mit dem Taxi in die rund 45 Kilometer entfernte Klinik. Eine Minute Bestrahlung, dann ging es wieder zurück nach Hause. Der Tumor bildete sich zurück, um eine Operation kam er trotzdem nicht herum. Für Ilsanker war es eine schwierige Zeit, die Unsicherheit plagte ihn. Er hatte Angst, den Krebs nicht besiegen zu können. »Das zehrt unglaublich an den Nerven.«

Für 5. November erhielt Ilsanker einen Operationstermin in der Kreisklinik Bad Reichenhall. Die Zeit des Wartens war lang für den Bischofswieser, mit der OP könnte im besten Fall der Krebs verschwinden, das wusste er. Als der Termin näher rückte, häuften sich bereits Meldungen, Operationen könnten möglicherweise wegen der Corona-Pandemie verschoben werden, weil Intensivbetten für mögliche Coronapatienten vorgehalten werden müssen.

Die Schwere der Krankheit machte Ilsanker zuversichtlich, davon nicht betroffen zu sein. Der OP-Termin an besagtem 5. November wurde gestrichen, verschoben auf die kommende Woche. Drei Tage Warten. Die Vorbereitungsprozedur auf die Operation ist lang, der Magen darf keinen Inhalt haben, auch der Darm muss entleert werden, weil bei der Operation nicht nur der Tumor, sondern auch der Magen entfernt wird und die Speiseröhre direkt mit dem Dünndarm verbunden wird.

Dann der erste Schock: Auch der Termin am Montag wurde abgesagt. Begründet wurde dies mit der Vorhaltung von Intensivbetten für Coronapatienten. Zu dieser Zeit galt das Berchtesgadener Land als Hochinzidenzgebiet mit Rekordwerten von zeitweise über 1 100.

Neuerliche Abweisung

Der neue Termin war einen Tag später angesetzt, am Dienstag, 9. November. Die Zuversicht war schnell vorüber. Ein weiteres Mal wurde Franz Ilsanker abgewiesen. Er war enttäuscht. Nachmittags schickten ihn die Ärzte heim, es seien keine Intensivbetten frei, hieß es. Die Familie beschwerte sich, die Beschwerdestelle beschwichtigte. Raus kam dabei nichts. Bei der Kliniken Südostbayern AG bestätigt man, dass »planbare Eingriffe« verschoben würden. Über genaue Zahlen zu den verschobenen Operationen will man sich in der Klinik nicht äußern. Die Eingriffe seien fachgebietsübergreifend, »hierzu zählen Operationen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich, der orthopädischen Chirurgie, der Allgemein- und Bauchchirurgie, der Urologie, der Gefäßchirurgie und der plastischen Chirurgie«, bestätigt ein Kliniksprecher.

Die Behandlung von Notfällen sowie dringliche Eingriffe würden »jederzeit umfänglich versorgt, ebenso dringliche Tumoroperationen, die keinen Aufschub erlauben«. Auch geburtshilfliche Eingriffe fallen darunter. Die Kliniken Südostbayern AG wolle »allen Patienten mit verschobenen Behandlungen einen möglichst zeitnahen Ersatztermin anbieten«, der sich nach der medizinischen Dringlichkeit wie auch Belastungssituation der Betroffenen orientiert.

Bei der Klinik bestätigt man ebenso, dass einige Operationen bereits mehrfach verschoben werden mussten, »aufgrund der unverändert sehr angespannten intensivmedizinischen Versorgungskapazitäten«. In wenigen »Einzelfällen« seien Verschiebungen »situativ« vorgekommen, teilt die Pressestelle mit.

Ilsanker wurde in die Uniklinik nach Großhadern geschickt. Dort checkten ihn die Ärzte ein weiteres Mal durch, von Kopf bis Fuß. Er sollte nun in München operiert werden – endlich. Das Einchecken in der Klinik war für den 19. November angesetzt. Die Operation soll am Montag, 22. November, erfolgen. Die Vorbereitung auf den langwierigen Eingriff stimmte den Patienten zuversichtlich, dann die neuerliche Absage. Operiert wird erst am Dienstag, teilten ihm die Ärzte mit. Am Dienstag hieß es Mittwoch, am Mittwochmorgen dann schon Donnerstag. »Eine menschliche Psyche erträgt das kaum«, sagt Ilsanker. Trotz aller medizinischer Einschätzung und Kontrolle sei nicht sicher auszuschließen, dass im Einzelfall die Verschiebung von Eingriffen auch mit einer Verschlechterung des medizinischen Befundes oder dem Eintreten von Komplikationen einhergehen könne, heißt es in der Kliniken Südostbayern AG.

Angst und Verzweiflung

Am 25. November, einem Donnerstag, bekam der Bischofswieser Fieber. Fieber bedeutet keine Operation. Franz Ilsanker wurde nach Hause geschickt, zum Auskurieren, der medizinische Eingriff wurde erneut verschoben. Die Verzweiflung war groß, die ständigen Terminänderungen, die Angst des Betroffenen hatten Spuren an der eigenen Verfassung hinterlassen.

Die Münchner Klinik teilte ihm einen neuen Termin mit. Ilsanker checkte am Freitag, 3. Dezember, ein, operiert wurde er dann am darauffolgenden Montag. Neun Stunden lag er unterm Messer. Der Magen wurde entnommen, die Speiseröhre mit dem Dünndarm verbunden. Das Weihnachtsfest verbrachte der 64-Jährige in der Klinik, ebenfalls den Jahreswechsel. Auch über einen Monat später befindet er sich noch im Krankenhaus. Ilsanker sagt: »Mir geht es gut.« Er könne normal essen, kleine Portionen, dafür mehrere Mahlzeiten über den Tag verteilt. Ilsanker hat wieder Appetit. Doch die Genesung braucht Zeit. »Ich bin froh, wenn ich wieder nach Hause komme.« Kommende Woche, voraussichtlich, darf er die Klinik wieder verlassen.

Kilian Pfeiffer