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Mehrere Meter über dem Boden schwebt die Brücke. Foto: Kilian Pfeiffer

Wenn Brücken fliegen – Nachtaktion in Bischofswiesen

Bischofswiesen – Als die 20-Tonnen-Brücke spät abends durch die Luft schwebt, ist das für manchen Zuschauer besser als jeder Krimi. Geschehen im Ortszentrum von Bischofswiesen. Eine 18 Meter lange Bogenbrücke hat dort ihren Platz gefunden zum Überqueren der Bischofswieser Ache. Der komplizierte Einhub des Bauwerks kostete die Beteiligten Nerven und Durchhaltevermögen. 


Zweieinhalb Stunden sind vergangenen, da entschwebt das massive Konstrukt aus Holz und Stahl endlich dem Boden. Jede Menge staunende Augen schauen zu. Ein Teleskop-Mobilkran hievt das tonnenschwere Bauwerk langsam, aber sicher in die Luft.

Vollsperrung der B 20

Dass der Brückeneinhub zum Zuschauerspektakel wird, dass dutzende Menschen über Stunden in der Kälte bei zwei Grad Celsius stehen, verwundert. »Wann sieht man denn so etwas schon mal«, zeigt sich ein Zuschauer entzückt. Für die aufwendige Installation der Brücke war im Vorfeld die Bundesstraße B 20 gesperrt worden. Rund 12 000 Fahrzeuge fahren hier am Tag. Am Abend ist weniger los. Von der angekündigten Sperrung hat nicht jeder etwas mitbekommen, deshalb fahren auch nach 19 Uhr noch Autos auf die Sperrung zu. Eigentlich ist jetzt Schicht im Schacht. Der Linienbus wird noch durchgelassen, dann herrscht endgültiges Durchfahrverbot.

Mittlerweile sind ein Tross Lastwagen und weitere Fahrzeuge angekommen. Ein Tieflader mit schweren Gewichten aus dicken Stahlplatten, jede einzelne tonnenschwer. Der Teleskop-Mobilkran parkt auf der Bundesstraße. Nebenan verweilt seit rund einer Woche die 18-Meter-Brücke, die für Fußgänger und Radfahrer gedacht, aber so breit ist, dass auch ein kleines Räumfahrzeug drüber kommt.

Die Bogenbrücke wurde von einer Spezialfirma gebaut aus jeder Menge Stahl, Beton und Lärchenholz. »Es ist eine besondere Konstruktion, die es nur einmal gibt«, sagt Andreas Rupp aus Reichenhall vom gleichnamigen Ingenieurbüro. Andreas Rupp hat den Erstentwurf der Brücke gestaltet, für die Planung und die Statik war sein Kollege Dr. Christoph Kohlhauser verantwortlich. »Die Brücke soll einem HQ100 standhalten«, sagt Andreas Rupp.

Ein 100-jährliches Hochwasser: Die Gemeinde hat vor gut einem halben Jahr ein solches erlebt, als der Fluss brechend voll war und niemand so recht wusste, was da noch alles vom Himmel runter kommt. Der Ingenieur hat am Tag zuvor nochmals die Einhebepunkte der Brücke mit den Fundamenten ausgemessen. Sicher ist sicher. Denn dort liegt künftig die Brücke auf – »damit alles auch ganz gewiss reinpasst«, sagt er. »Alles andere wäre ein Gau, der größte anzunehmende Unfall. All der Aufwand wäre für die Katz'.«

Der Bau der Brücke, der in einer Halle in der Nähe von Cham in der Oberpfalz stattfand, hat fast ein dreiviertel Jahr in Anspruch genommen. Natürlich geht das auch schneller. »Die Anschaffung der Rohstoffe ist momentan aber sehr mühsam«, sagt Andreas Rupp. Denn gebaut wird viel und überall. Auf dem Rohstoff-Markt herrscht Mangel. Deshalb liegen auch die Preise so hoch, dass man sich gleich zweimal überlegt, ob man investieren soll. In der Bevölkerung haben die Kosten für die Brücke natürlich für Unmut gesorgt. 400 000 Euro für eine Flussüberquerung, gedacht für ein paar Fußgänger – viel zu teuer. Außerdem gibt es ja einen alten Holzsteg gleich daneben. Muss das alles sein?

Hohe Ansprüche

Die Anforderungen an die Konstruktion, die im Zuge der millionenteuren Neugestaltung des Bischofswieser Bahnhofs geplant wurde, sind hoch. Barrierefreiheit fällt auch drunter. Außerdem soll das neue Bauwerk gewappnet für die Zukunft sein. »Die Leute denken immer, die Gemeinde muss die Brücke zahlen«, sagt Bürgermeister Thomas Weber. Stimmt aber nicht: Die Deutsche Bahn zahlt. Zwar auch Steuergelder, aber zumindest belasten diese nicht das Steuersäckel der Kommune.

Der Bürgermeister trägt eine Aktentasche als er am Abend auf der Baustelle aufkreuzt. Der Inhalt könnte wichtig sein. Thomas Weber hat gleich einen Termin. Zeit für ein Foto hat er trotzdem. Der Plausch mit den Bauarbeitern fällt knapp aus. Beim Transport und der Installation der Brücke wird er nicht anwesend sein. Dann verschwindet er ins nahe gelegene Gasthaus.

Währenddessen hat der Führer des Mobilkrans in seiner Kabine Stellung bezogen, manövriert das Monstergefährt auf der Straße vor und zurück, schlägt die Reifenpaare einzeln gezielt ein, um ausreichend Platz zum Ausfahren der Abstützungen auf beiden Seiten zu haben. Autokranführer müssen an unterschiedlichen Einsatzorten den Standplatz eines Autokranes sorgfältig auswählen. Auf ihnen lastet beinahe die gesamte Verantwortung.

Der Fußweg an der Hauptstraße scheint dem Kranführer im ersten Moment im Weg zu sein. Außerdem ist der Gehweg noch ziemlich neu. Erst vor kurzem wurde die Ortsmitte von Bischofswiesen gestaltet. Eine falsche Lastverteilung durch die Stützen des Krans könnte Schäden mit sich bringen.

Der Mobilkran ist für gewaltige Lasten ausgelegt, auch für die 20 Tonnen schwere Bogenbrücke, die neben der Bundesstraße wie ein gestrandeter Wal auf einem Parkplatz liegt. Die Hauptstraße ist jetzt eine Großbaustelle. Ständig rangieren die Lastwagen hin und her. Auf ihnen lagern die Extragewichte. Der Mobilkran benötigt diese, um das Brücken-Stahl-Monstrum vom Liegeplatz in die Höhe zu hieven. Rührige Arbeiter huschen im Dunkel des Abends von links nach rechts, befestigen die blockgroßen Stahlgewichte an den Kranhaken. Die Gewichte werden auf dem Kran, gleich neben der Kabine abgelegt »Der Aufwand ist echt brutal«, sagt ein Bischofswieser, der mit seinem Sohn erschienen ist. Die meisten Zuschauer sind eher zufällig gekommen, aufmerksam geworden wegen all der bunten Lichter von den vielen Lampen, Leuchten und Lastwagen, die die Baustelle erhellen.

An der Bogenbrücke befinden sich vier Schäkel, an jeder Ecke einer. Schäkel sind u-förmige, mit einem Schraubbolzen verschließbare Bügel zum Verbinden zweier Teile. An jedem Schäkel sollen später Hebeschlingen angebracht werden, die wiederum mit den vier Kranketten des Teleskoparms verbunden sind. Ist alles korrekt befestigt, kann der Mobilkran die Bogenbrücke in der Waage halten, ohne dass diese in Schieflage gerät.

Brücke hebt ab

Mittlerweile ist es kurz vor 22 Uhr, die Vorbereitungen sind getroffen, die Hebeschlingen befestigt. Die gespannt dreinschauenden Zuschauer gehen ein paar Schritte zurück, als die Hydraulik des Krans zu ertönen beginnt. Es dauert eine Minute, im nächtlichen Winterhimmel erkennt man die Hebeketten, die nun auf Zug sind. Dann hebt die Brücke ab, ganz sanft und langsam schwebt sie nach oben. Die Konstruktion muss über eine Straßenlaterne gehoben werden.

Auf der Bundesstraße liegen bereits Fahrwerke bereit, kleine, unscheinbare Rollenpaare, auf denen das Bauwerk noch ein Stück über die Bundesstraße rollen wird. In der Stille der Nacht ist nur die Hydraulik des Krans zu hören, als die Brücke wie ein landendes Raumschiff - ganz ohne Krach - auf den Fahrwerken aufsetzt. Das erste wäre geschafft.

Der Einhebepunkt, an dem die Brücke die nächsten 30, 40 Jahre ruhen wird, befindet sich 200 Meter entfernt. Die Bischofswieser Ache verläuft hier parallel zur Bundesstraße 20, gleich neben dem flussseitigen Bahnhof. Um kurz nach Mitternacht setzt die Bogenbrücke, nach fünf Stunden - endlich - an ihrem endgültigen Zielort auf. Selbst die Bauarbeiter haben nun kalte Füße. Kilian Pfeiffer