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Über die Mehlwegwiesen geht's hinüber zum Götschenkopf. (Fotos: Manfred Angerer)

Der Arnoweg: Themenreiche Waldwanderung hoch über Marktschellenberg

Marktschellenberg – Eigentlich sollte man ja keinen »Geheimtipp« verraten, schon gar nicht in einem Zeitungsbeitrag. »Anzeiger«-Mitarbeiter Manfred Angerer will es ausnahmsweise trotzdem tun, weil er Wanderern, die einen erlebnisreichen Ausflug unternehmen und dabei der Hitze des Sommers entgehen wollen, diesen Wandervorschlag entlang des bayerisch-österreichischen Grenzkamms hoch über Marktschellenberg nicht vorenthalten möchte. Hier wandert man außerdem durch einen wunderbaren naturnahen Mischwald.


Die Wanderung über den bayerisch-österreichischen Grenzkamm ist zu jeder Jahres- und Tageszeit schön, doch an heißen Sommertagen besonders empfehlenswert. Etwas früher am Tag aufzubrechen, lohnt sich dennoch. Wer nicht von Marktschellenberg über den Tiefenbachgraben auf der Straße aufsteigen will, der fährt mit dem Auto über die Scheffau hinauf zur Gnotschaft Mehlweg. Geradezu paradiesisch liegen die paar Häuser dort oben und die Aussicht ist grandios. Ein Gebirgspanorama von Süden bis Westen über die Berchtesgadener Berge hinweg; nach Osten geht der Blick über die Barmsteine hinüber in die Osterhorngruppe und zum Dachstein.

Für Wanderer gibt's dort oben gleich neben dem Knoll-Lehen auch ein paar Parkplätze, wo man sein Fahrzeug abstellen kann. Der Name »Mehlweg« weist auf einen uralten Transportweg hin, als noch in der recht fruchtbaren Scheffau und sogar rund um die Gnotschaft Getreide angebaut wurde und das Korn über den Kammweg nach St. Leonhard zum Mahlen und als Mehl auf dem Buckel wieder zurück zu den Lehen getragen wurde.

Ab in den Wald

Die Wanderschuhe geschnürt und den Rucksack mit Getränk und ausreichender Brotzeit auf dem Rücken, geht's in nordwestlicher Richtung über Wiesen dem Hohen Götschenkopf zu. Doch keine Angst – man muss seinen bewaldeten Gipfel mit 930 Metern Höhe nur zur Hälfte erklimmen. Ehe man in den Schatten des Waldrandes eintaucht, sind es von dort noch ein paar Höhenmeter, die es aufwärts geht. An dieser Stelle ist die schönste Aussicht hinüber auf die österreichische Seite mit den Barmsteinen, dem Schlenken, dem Schmittenstein bis zum Dachstein in der Ferne. Der Fotoapparat oder das Handy kommen hier unweigerlich zum Einsatz.

Dann »verschlingt« der kühle Wald den Wanderer zur Gänze – und was für ein Wald. Mächtige Buchen, die im Berchtesgadener Land ihresgleichen suchen, Fichten, Tannen, auch Lärche, Ahorn, stellenweise Ulmen und Eschen (Letztere leider auch hier oben krank). Ja, sogar Birken und Erlen haben sich dort hinauf verirrt. Nur die Eiche fehlt. Vereinzelt kann man sogar einen Stechlaubstrauch mit seinen roten Beeren entdecken. All diese Bäume mögen diesen steinig-lehmigen Boden, die sogenannten Werfener Schichten, offensichtlich besonders gern.

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Stellenweise geht es wie in einer dichten Allee über den Grenzkamm in Richtung Österreich.

Am Waldrand verraten dem Wanderer ein paar Schilder, wie der Weg heißt: »Arnoweg« nennen ihn die österreichischen Nachbarn nach dem sechsten Bischof von Salzburg. »Köpplschneidweg« nennen ihn die Einheimischen und mittlerweile hat er noch einen weiteren Namen hinzubekommen: »SalzAlpenTour«. Entlang dieses Grenzkammsteiges verläuft die deutsch-österreichische oder sagen wir bayerisch-salzburgische Landesgrenze, immer wieder mit Grenzsteinen und einem »B« und »Ö« markiert und topografisch nummeriert.

Ein Bein in Bayern und eines in Österreich

Der Name »Schneid« ist nicht unberechtigt, geht es doch vor allem auf der österreichischen Seite ziemlich »gach« hinunter und ein Fehltritt könnte üble Folgen haben. Deshalb empfiehlt es sich, kleinere und noch nicht trittsichere Kinder immer wieder mal an die Hand zu nehmen. Zweifellos wird auch Kindern dieser Weg Spaß machen; kann man doch mit einem Bein in Bayern, mit dem anderen in Österreich stehen – einen Grenzstein unter sich. Und besonders auf dem Kammweg weht immer ein kühles Lüftchen von der österreichischen Seite, dem Salzachtal, herauf und lässt einen die Hitze des Tages glatt vergessen. Der Kammweg hat zum Endpunkt der Wanderung im Nordwesten ein leichtes Gefälle. Das merkt man vor allem, wenn man den Weg zum Ausgangspunkt am Mehlweg, des geparkten Autos wegen, auch zurück nehmen muss.

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Jeder darf sich den Namen aussuchen: Arnoweg, Köpplschneidweg oder SalzAlpenTour.

Doch kurz bevor wir den Kammweg verlassen, fällt der Blick nach Nordosten hinunter zur Burgruine »Gutrat«; auf den Schildern liest man jetzt »Guetrat«. Was hat es damit auf sich? Nicht umsonst hieß der Grenzkamm in diesem Bereich in alten Karten auch Gutratsberg und zu seinen Füßen lag um 1190 ein erstes Salzabbau- beziehungsweise Solegewinnungsgebiet »am Tuval«. Erst im 13. Jahrhundert, als der Salzabbau am Dürrnberg beziehungsweise in Berchtesgaden aufblühte, erlosch die Bedeutung des Tuval. Im Streit um die Besitzrechte an der Saline Tuval erbauten die bisherigen Burggrafen der erzbischöflichen Burg Hohenwerfen auf Veranlassung des Salzburger Fürstbischofs im Jahre 1209 zur Verteidigung die Burg Gutrat und nannten sich selbst danach nun die Gutrater. Das hoch angesehene Geschlecht hatte seinerzeit auch das Landgericht Kuchl inne. Nach der Überlieferung soll es unter den Gutratern aber auch ein paar schwarze Schafe gegeben haben, die sich wie Raubritter gebärdeten und manchen Tross auf der Landstraße oder auf der Salzach kurzerhand überfielen und sich der Ladung habhaft machten. Dies war schließlich dem Salzburger Erzbischof ein Dorn im Auge. Er setzte die Gutrater von ihren Funktionen ab und war nicht traurig, als das Geschlecht so nach und nach ausstarb. Anfang des 14. Jahrhunderts kam die Burg für weitere Verteidigungszwecke an das Erzstift Salzburg. Seit dem 16. Jahrhundert nagt allerdings der Zahn der Zeit an diesem geschichtsträchtigen Bauwerk.

Brotzeitplatz mit herrlichem Ausblick

Zuletzt führt unser Wanderweg durch einen fast reinen Buchenwald mit mächtigen Stämmen und Baumkronen. Auch ein Abstieg nach Schloss Gartenau bei St. Leonhard wäre möglich, wie uns die Beschilderung verrät. Doch für uns ist der Ziel- beziehungsweise Umkehrpunkt unserer luftigen Höhenwanderung erreicht. Am Waldrand oberhalb des ehemaligen Berggasthofs »Köpplschneid« (leider nicht mehr bewirtschaftet) laden ein paar Bänke zum Brotzeitmachen ein. Das ganze Tal der Berchtesgadener Ache mit Marktschellenberg liegt einem zu Füßen. Dahinter Göllstock, Steinernes Meer, Watzmann, Hochkalter als Kulisse. Und zur Rechten zum Greifen nahe der Untersberg in voller Breite. Bei dieser grandiosen Aussicht schmeckt die mitgebrachte Brotzeit natürlich besonders gut.

Danach entscheidet sich's: Wer von Schellenberg aufgestiegen ist, kann den direkten Abstieg hinunter in den Ort nehmen. Diejenigen, die ihr Auto am Mehlweg geparkt haben, gehen auf gleichem Weg über die »Schneid« wieder zurück – doch das ist keineswegs langweilig und immer noch luftig kühl. Unser Auto ist zwar bei der Ankunft von der Sonne ordentlich aufgeheizt, doch zur eigenen Abkühlung und Belohnung winkt – wenn es zeitlich passt – noch ein Einkehrschwung im Gasthof »Oberstein«. Auf diese Weise lässt sich ein hochsommerlicher Hitzetag ohne großes Schweißvergießen abwechslungsreich ertragen. Und nicht vergessen: Im Herbst kommen wir wieder, wenn der Buchenwald in seiner vollen Pracht leuchtet.

Manfred Angerer