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Detailverliebt: Sehschlitze unter den Augen. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Fratzen in Handarbeit – Richard Kranawetvogl fertigt Krampus- und Perchtenmasken

Marktschellenberg – »Holzköpfe« nennt Richard Kranawetvogl die wilden Krampus- und Perchtenmasken, die seine Werkstatt zieren. Am Boden liegen Holzspäne. Mit dem Schnitzeisen bearbeitet der gelernte Schreiner gerade einen Zirbenblock in Handarbeit. Mit grimmigem Blick versehen, soll die Maske schon bald den Kopf eines jungen Burschen zieren.


20 Jahre lang ist Richard Kranawetvogl selbst kramperlgelaufen an Nikolaus, 5. und 6. Dezember. Er war Teil der »Stoana Kramperl«, die in der Gnotschaft Oberstein in Marktschellenberg ein langes Brauchtum pflegen. Über 300 Jahre reicht die Tradition dieser Krampus-Bass zurück. Die zwei Dekaden, die der 49-Jährige Teil der Bass war, sind eine lange Zeit. Länger als gewöhnlich. Nur Unverheiratete dürfen mitmachen. Richard Kranawetvogl heiratete erst spät.

Das Brauchtum ist für den Marktschellenberger fester Bestandteil. Er ist damit aufgewachsen. Mit 15 Jahren begann er die Schreinerlehre. Mittlerweile steht er in seiner eigenen Werkstatt, unweit des Stillerlehens, seines Elternhauses. Richard Kranawetvogl wohnt im Austragshäusl. Die Werkstatt ist sein Tummelplatz. »Eigentlich bin ich jeden Tag hier drin«, sagt der Tagmensch. Er ist überzeugter Frühaufsteher. Richard Kranawetvogl arbeitet hauptberuflich als Lagerist. Das Handwerk ist seine »Nebenbei«-Leidenschaft. Manchmal geht er um 5 Uhr in die Werkstatt und schnitzt Masken, noch vor der Arbeit. »Es hat Zeiten gegeben, da habe ich es übertrieben und das ganze Wochenende durchgeschnitzt«, berichtet er. Dann kam Corona, auch das Brauchtum lag brach: Die Nachfrage nach Masken brach ein.

Richard Kranawetvogl steckt viel Zeit in sein Hobby. Fragt man ihn danach, wie viele Krampusmasken er schon geschnitzt hat, zuckt er mit den Schultern. Über Zahlen spricht er nicht gerne. An der Wand, rechts von der Eingangstür der Werkstatt, hängen Dutzende Schnitzeisen unterschiedlicher Größe. Links davon sind Bilder. Krampus-Bassen sind darauf zu sehen. Etliche Mitglieder tragen Masken aus der Kranawetvogl'schen Werkstatt. »Ich erkenne jeden Kopf sofort«, sagt der Erschaffer.

Mit Ende 20 entschied sich der bald 50-Jährige, Masken selbst zu schnitzen. Der Spaß am Material Holz und die Freude, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, trieben ihn an. Die erste Werkstatt war im Keller seiner alten Wohnung. Der Raum war klein, recht überschaubar, 2,3 auf 3,8 Meter. »Zum Anfangen hat es aber gereicht.« Im Nebenraum seiner heutigen Werkstatt hängen die ersten Stücke von einst: »Maske Nummer 2 und Nummer 5 – klassische, alte Brauchtumsköpfe für Berchtesgadener Bassen«, sagt Richard Kranawetvogl. Die Schnitzeisen für die ersten Buttnmandlmasken hatte er sich im Stubaital gekauft. »Es hat immer geheißen, das sind die besten Werkzeuge«, sagt er. Die Fahrt dahin hätte er sich sparen können, sagt er heute.

»Learning by doing«

Grundkenntnisse im Maskenschnitzen hatte Richard Kranawetvogl zu diesem Zeitpunkt keine. Einen Maskenschnitzkurs hat er nie besucht. Alles »learning by doing«, stetiges Lernen durch Handeln. Viele Versuche gingen schief. Die verfehlten Schnitzereien landeten im Ofen. »Ein Ast kann ein ganz schönes Luder sein«, sagt er in bairischem Dialekt.

Richard Kranawetvogl arbeitet ausschließlich mit Zirbenholz, das ein Jahr lang hinter seinem Haus lagert. Trocken, aber trotzdem nicht zu spröde muss es sein. Der Maskenschnitzer schwört auf Zirbe. Mit Hartholz hat er es auch versucht. »Nie mehr wieder«, so das Fazit. Einmal im Jahr bestellt er einen großen Vorrat Zirbe. Die Holzplatten schneidet er zu, Äste spart er aus, und verleimt die Platten zu quadratischen Blöcken.

Die Ideen für seine Masken entstehen im Kopf des Marktschellenbergers. »Zeichnen kann ich nicht«, sagt er. Jedes Gesicht hat Fixpunkte, »es gibt Maße, die immer gleich bleiben«: Mund, Nase, Augenabstand für die kaum sichtbaren Sehschlitze. Mit einem Bleistift zeichnet er Linien. Daran orientiert er sich. Alles Weitere ergibt sich bei der Arbeit. Offener Mund, düsterer Blick, spitze Zähne? Die Details lassen sich nach Kundenwunsch umsetzen, teils nachträglich einfügen.

Der Zirbenholzblock steht auf einem höhenverstellbaren Schnitzbock. »Ich muss beim Arbeiten stehen«, sagt Richard Kranawetvogl. Mit einem Bildhauerklüpfel schlägt er das grobe Schnitzeisen behände ins Holz. Die wuchtigen Späne fliegen. Es ist eine Kunst, aus einem Holzblock eine grimmige Fratze zu formen.

Masken nach Amerika

Richard Kranawetvogl hat seine Masken bereits bis nach Amerika geliefert. Österreich, Schweiz, Deutschland, Tschechien. Klassische Brauchtumsmasken für das südöstliche Bayern, Perchtenköpfe für Österreich.

Es gibt Hexengruppen und Masken, die an den Teufel höchstpersönlich erinnern. Mit langen Steinbock-, Widder- oder Rinderhörnern. Früher waren das oft originale Hörner. Die Preise mancher Tierhörner sind mittlerweile durch die Decke gegangen. Für ein langes Steinbockhorn zahlt man Hunderte Euro. Den Preis einer Maske würde das in ungeahnte Höhen treiben. Deshalb setzt Kranawetvogl auch auf Kunststoffhörner, die den Originalen in nichts nachstehen.

Das Maskenhandwerk ist zeitintensiv. Zehn bis zwölf Stunden braucht er für die Holzarbeit. Je nach Detailgrad. Irgendwann beschloss Richard Kranawetvogl, den Pinsel selbst in die Hand zu nehmen, nachdem er die Masken immer zum Bemalen weitergegeben hatte. Die richtige Mischung und die verwendete Farbe seien dabei der Schlüssel für ein gutes Ergebnis. »Eine gut geschnitzte Maske kann mit schlechter Bemalung schnell zum Fiasko werden«, sagt Richard Kranawetvogl aus eigener Erfahrung. Viel Lehrgeld habe er bezahlt.

Die »Maskenkunst« des Marktschellenbergers hat sich mittlerweile über die Grenzen hinweg herumgesprochen. Viele Jahre besuchte der Handwerker Maskenausstellungen, etwa im benachbarten Österreich. Im vergangenen Jahr hat er in der hauseigenen Werkstatt erstmals eine eigene Ausstellung veranstaltet. Die Resonanz sei groß gewesen. Viele Interessierte waren gekommen und konnten die rund 30 geschnitzten Exemplare bestaunen. Auch dieses Jahr zeigt Richard Kranawetvogl seine »Holzköpfe«: Am Samstag, 1. Oktober, beginnt die ganztägige »Loavnausstellung« um 9.30 Uhr am Anfangmühlweg 13 in Marktschellenberg.

Kilian Pfeiffer