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Regenmassen hatten das Hab und Gut der Familie zerstört. (Archivfoto: Kilian Pfeiffer)

Nach Unwetter: Was wurde aus den Spenden für Familie S.?

Marktschellenberg – Die Spendenbereitschaft von Privatleuten war riesig, als das Unwetter das Heim von Familie S. in Marktschellenberg unter Wasser setzte und dabei Hab und Gut zerstörte. Wie es der Familie heute ergeht, was mit den Geldern passiert ist – auf diese Frage hat aber selbst der Bürgermeister keine Antwort.


Als die Ache über die Ufer trat, das Wasser durch Fenster und Tür in die Wohnung gleich neben dem Marktschellenberger Rathaus eindrang, da blieb Familie S. am Ende nicht mehr als die Kleidung, die sie am eigenen Leib trug. Drei kleine Kinder und die Eltern standen mit leeren Händen da, nur das doppelstöckige Kinderbett überlebte die Naturgewalt. Im Landkreis Berchtesgadener Land wurde der Katastrophenfall ausgerufen.

Das Schicksal der Familie, die zunächst Zuflucht im Pfarramt des kleinen Ortes an der Grenze zu Österreich fand, bewegte Dutzende hilfsbereite Menschen. Den Schaden bezifferte der junge Familienvater damals auf rund 11.000 Euro: Bett, Couch, Möbel, die Spielsachen der Kinder, die persönlichen Unterlagen, all das war den Fluten der Berchtesgadener Ache, die den Ort in dessen Zentrum passiert, zum Opfer gefallen.

Familie S. sei damals sofort von der Gemeinde betreut worden, sagt Bürgermeister Michael Ernst, ihr sei eine Notunterkunft zugewiesen worden. Die Bemühungen waren groß, für die Familie so schnell als möglich eine Wohnung im Landkreis zu finden. Etliche Privatpersonen zeigten Spendenbereitschaft, Vereine und Organisationen meldeten sich, boten Wohnungen an, wollten die Familie auf Eigenkosten in den Urlaub schicken. »Es wird ein wenig helfen, den Schock zu verarbeiten und den Kopf freizubekommen«, teilte der Stifter der Urlaubsreise damals mit.

Die Gemeindeverwaltung vermittelte zudem Besichtigungstermine für Wohnungen im Umfeld. »Allerdings hat die Familie die Ortstermine nie wahrgenommen«, sagt der Bürgermeister. Große Summen sind damals für die Familie zusammengekommen, eine Institution spendete mehrere Tausend Euro, Dutzende Bürger gaben private Geldgeschenke, die Spendengelder wurden direkt übergeben. »Ich wollte mich erkundigen, wie es der Familie heute geht, wo sie untergekommen ist – und wofür das Geld verwendet wurde«, sagt eine der Geldgeberinnen aus Berchtesgaden. Sie hatte der Familie 500 Euro übergeben, der Familienvater hatte es entgegengenommen. Dieser hatte versichert, mit ihr in Kontakt zu bleiben. Auf Nachfragen reagiert die Familie allerdings seitdem nicht mehr. SMS, Whats-app-Nachrichten und Telefonanrufe bleiben seit vergangenem November generell unbeantwortet, so auch mehrere E-Mails mit der Bitte um Rückmeldung.

Auch die Gemeinde Marktschellenberg hat keine Kenntnisse über den aktuellen Verbleib der Familie, die nach Informationen der Lokalzeitung ihre erste Notunterkunft verließ und zunächst eine Ferienwohnung in Berchtesgaden bezog, kurz vor Weihnachten dort aber wieder auszog, wie die Chefin des Hauses berichtet. Die Familie sei »sehr zuvorkommend, sehr freundlich« gewesen. Auch sie selbst habe sich dafür eingesetzt, für die fünf Familienmitglieder ein Dach über dem Kopf zu finden. Ohne Erfolg, sagt sie. Auf ein Wohnungsangebot, das von Marktschellenbergs Nachbargemeinde Berchtesgaden im Zuge der Hochwasserhilfe erfolgt war, reagierte die Familie nicht, wie Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp auf telefonische Anfrage bestätigt.

Anfang Dezember hat ein Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung Marktschellenberg Familie S. das letzte Mal erreicht. Allein die Summe der Spenden, die über die Gemeinde gekommen waren, sei deutlich fünfstellig gewesen. »Ein gutes Jahresgehalt«, schätzt ein Mitarbeiter die Gesamtsumme. Eine konkrete Prüfung, ob eine Überförderung stattfand, konnte nicht geleistet werden.

Um Privatspenden zuzuteilen, richteten die Bürgerstiftung und die Sparkassenstiftung Berchtesgadener Land Konten ein. Transparenz spielt eine gewichtige Rolle bei der Verteilung. Allein die Sparkassenstiftung, die als Erste in die Rolle des Spendenkoordinators geschlüpft war, hat nach dem Unwetter Gelder in Höhe von 3,4 Millionen Euro erhalten, bestätigt Mitarbeiter Tobias Kastner. »Wir haben laufend transparent darüber berichtet«, sagt er. Weil man mit den betroffenen Gemeinden zusammengearbeitet habe, sei es bei der Zuteilung nie zu Problemen gekommen. Die Gemeinden hatten die Antragstellung koordiniert und somit auch die Verteilung der Gelder im Auge. Eine Überförderung habe es zu keinem Zeitpunkt gegeben, sagt Tobias Kastner. Ein halbes Jahr nach dem Unwetter sind von den 3,4 Millionen Euro an eingegangenen Hilfsmitteln erst 1,4 Millionen Euro ausgezahlt worden.

Der Rest werde noch zurückgehalten. »Es gibt mehrere Projekte in Berchtesgaden und Schönau am Königssee, da sind noch die Geologen dran. Es wird noch etwas dauern.« So könnte die Sicherung des Locksteins in Berchtesgaden, an dem während des Unwetters mehrere Muren abgingen und weiter unten liegende Wohnbebauung bedrohten, bis zu 1 Million Euro kosten, schätzt man bei der Stiftung der Sparkasse Berchtesgadener Land. Der Gesamtschaden, der durch das Unwetter an Häusern und Infrastruktur angerichtet wurde, wird im Landkreis auf rund 86 Millionen Euro beziffert.

Kilian Pfeiffer