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Auf der Halsalm weiden die Tiere heute nur noch auf den offenen Almwiesen. (Foto: Molkerei Berchtesgadener Land)

Arbeiten im Einklang mit der Natur – Bergbauern sichern mit Beweidung Artenvielfalt in der Pflegezone

Ramsau – Im Nationalpark Berchtesgaden wird die Natur nicht ganz sich selbst überlassen. Denn schon bei Gründung 1978 wurde der Nationalpark in eine Kernzone und eine Pflegezone aufgeteilt. Aktuell umfasst die Kernzone 75 Prozent der Nationalparkfläche. Hier findet außer dem Wegeunterhalt und der Bewirtschaftung der Versorgungshütten keinerlei menschlicher Eingriff mehr statt, ganz nach dem Motto: »Natur, Natur sein lassen«, so Carolin Scheiter, Pressesprecherin des Nationalparks.


In der Pflegezone dagegen liegen die Almflächen, die durch Nutzung der Bergbauern in historischer Zeit entstanden sind und davon bis heute geprägt werden. Der schon immer nachhaltige Umgang Almbauern mit den Almflächen bietet einer hohen Zahl an Tier- und Pflanzenarten Lebensraum und in Zeiten des Artensterbens einen Überlebensraum. Ziel ist deren Erhaltung. So bestehen die bei Gründung des Nationalparks bestehenden 33 Almen mit ihren 48 Berechtigten und zwei Pächtern noch heute. Die Herausforderungen in einer modernen Gesellschaft sind heutzutage vielfältig. Deshalb stehen alle Beteiligten, die Almbauern, die Vertreter des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern sowie der Forstberechtigten und die Nationalparkverwaltung in enger Abstimmung miteinander.

Bindalm,Fischunkelalm, Halsalm

Die Bergbauernhöfe mit Milchvieh im inneren Landkreis Berchtesgadener Land sind Mitglieder der Molkereigenossenschaft Berchtesgadener Land. Es sind die Betriebe der Familien Wurm, Leitner und Wegscheider. Die Familien bewirtschaften jeweils eine Alm im Nationalpark.

Ein Teil des Almrechtes auf der Bindalm ist heute im Eigentum des Nationalparks, der rund 20 Hektar an die Bergbauernfamilie Wurm verpachtet hat. Bereits seit 1960 wird sie von Familien Wurm vom Möslerlehen bewirtschaftet. Aufgetrieben wird nur das eigene Vieh, rund 16 Pinzgauer – acht Kühe, acht Jungrinder. Seit der Hofübergabe an Tochter Regina vor rund zehn Jahren bewirtschaften Sepp (73) und Lieserl (66) Wurm die Alm selbst und sind den ganzen Sommer am Berg. Die Alm wird ganz traditionell bewirtschaftet. Wanderer werden mit Brotzeiten versorgt. Für Sepp Wurm ist ganz klar: »Die Kühe leben von uns und wir von den Kühen. Das ist eine Einheit, die seit Jahrhunderten zusammengehört.« Tochter Regina ergänzt: »Die Almwiesen, die es seit Jahrhunderten rund um die Bindalm gibt, bleiben nur erhalten, wenn sie jemand pflegt. Das Vieh, das dort weidet, unterstützt durch sein Fressverhalten den Artenreichtum.«

Bei der Fischunkelalm handelt es sich um eine sogenannte Ehealm. Die Almflächen sind im Besitz des Nationalparks, der Almkaser und das Weiderecht selbst sind dagegen im Grundbuch des Bergbauern eingetragen. So gehört die Fischunkelalm bereits seit 1486 zum Grafllehen, dem Bergbauernhof der Familie Leitner. Beweidet werden rund 25 Hektar Lichtweide. Der Klimawandel ist auch auf der 618 Meter hoch gelegenen Alm zu spüren. Das Vieh muss immer früher aufgetrieben werden. Sonst verbuscht alles. Denn nur, wenn die Weidetiere – erlaubt sind 22 Kühe sowie sechs Ziegen und drei Schafe, den jungen Baum- und Busch-Aufwuchs verhindern, bleiben die Flächen offen und die Artenvielfalt an Gräsern, Kräuter, Bergblumen und die Vielzahl an Insekten erhalten. Für Familie Leitner ist der Verkauf von selbst erzeugter Butter und Käse als Brotzeiten für die Wanderer, die mit der Königsseeschifffahrt zur Salet und von dort entlang des Obersees zu Fuß zur Alm wandern, die Haupteinnahmequelle. Dazu hat Hans Leitner zwei Boote in Bereitschaft: eines am Königssee und eines am Obersee – um den Warennachschub für den Almbetrieb in der Saison sicherzustellen. Senner helfen, die Alm zu betreiben und Hans Leitner kommt in der Saison fast täglich, um frisches Brot zu liefern und natürlich auch, um mit anzupacken. Am Ende nach rund 140 Tagen Almbetrieb freuen sich die Bauersleute, Senner und Kühe jedes Jahr aufs Neue, wenn alles wieder gut gegangen ist und die Kühe wieder heil via Plette über den Königssee und schließlich zu Fuß im heimatlichen Hof ankommen.

Auch bei der Halsalm sind die Besitzverhältnisse ähnlich: Der Kaser ist schon seit dem 13. Jahrhundert im Besitz der Bergbauernfamilie Wegscheider im Ramsauer Tal. Die Weiderechte für rund 30 Hektar liegen auf Flächen, die dem Nationalpark beziehungsweise angrenzenden Bauernhöfen vom Hintersee gehören. Neben den Weiderechten gehören auch noch Holzrechte zur Alm – das heißt, dass das Holz zum Heizen und für notwendige Renovierungsarbeiten am Kaser im Staatswald in Abstimmung mit dem Förster geschlagen werden darf.

Auf der Halsalm wurde in Verhandlungen mit dem Nationalpark schon vor Jahren Wald und Weide getrennt, sodass die Tiere heute nur noch auf den offenen Almwiesen weiden. Die Wegscheiders haben drei schulpflichtige Kinder. Daher wird für den Almbetrieb zwischen Mai und September Personal eingestellt. Die letzten Jahre waren es immer Sennerinnen – junge Frauen, die sich für einen Sommer vom Alltag verabschiedeten, um sich um die Kühe, das Melken und die Milchverarbeitung zu kümmern und daneben natürlich auch die Wanderer mit Brotzeiten zu versorgen. 2020 war eine Schreinermeisterin und im vergangenen Sommer eine Automobilkauffrau auf der Alm. Diesen Sommer tauschen Johanna Bär und ihr Mann ihre Jobs als Geschäftsführerin beziehungsweise Pastoralreferent und Seelsorger gegen die Arbeit auf der Alm.

»Runder Tisch«

Dass die Almen ein fester integraler Bestandteil des Nationalparks Berchtesgaden sind, zeigt sich auch im »Haus der Berge«, in dem der Pflegezone auf einer ganzen Ebene viel Raum gegeben wurde. In der Zusammenarbeit stimmen sich Nationalpark und Almbauern immer eng ab. So werden individuelle Themen mit den Betroffenen direkt ausdiskutiert. Für allgemeine Themen hat sich ein so genannter »Runder Tisch« etabliert, zu dem Almbauern jährlich eingeladen sind. Dieser regelmäßige Austausch ist wichtig.

Forschungsprojekt

So läuft aktuell ein großes Forschungsprojekt mit dem Titel: »Nachhaltige Almwirtschaft im Klimawandel«, das sich mit den Themen Weideintensität und Artenvielfalt beschäftigt. An diesem Projekt beteiligen sich neben der Gotzenalm und der Krautkaseralm auch die Almbauern der Bind- und Halsalm, Familie Wurm und Familie Wegscheider. Das Projekt zielt unter anderem darauf ab, den optimalen Weidestart herauszufinden, denn es wird davon ausgegangen, dass zukünftig der Weideauftrieb früher von statten gehen muss, um auch weiterhin die Almflächen offen zu halten.

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