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Foto: Bergwacht Ramsau

Bergwacht Ramsau rettet Erschöpften vom Watzmann-Südspitz-Abstieg und gerät in unerwartet früh aufziehendes Gewitter

Ramsau –  Die ehrenamtlichen Einsatzkräfte der Bergwacht Ramsau waren während der vergangenen Tage durch akut erkrankte, verletzte und erschöpfte Urlauber intensiv gefordert. Vor allem eine Rettungsaktion am Pfingstsonntag am Watzmann-Südspitz-Abstieg durch ein wesentlich früher als vorausgesagt aufziehendes Gewitter war für die vier Bergretter und den Patienten im ausgesetzten Gelände riskant.


Am Pfingstsonntag-Nachmittag, 5. Juni, ging kurz nach 15.30 Uhr ein Notruf eines Ersthelfers von der Grieshütte ein, da ein 38-jähriger Urlauber aus Sachsen-Anhalt im Watzmann-Südspitz-Abstieg erschöpft nicht mehr weiterkam. Der Mann war mit einer Gruppe bereits um 6 Uhr in der Früh vom Watzmannhaus aus zur Überschreitung aufgebrochen, wobei sich die unterschiedlich fitten Leute dann bereits im Aufstieg zum Hocheck trennten.

Der 38-Jährige schaffte zwar die Überschreitung, kam dann aber in knapp über 2.000 Metern Höhe unterhalb der Südspitze mit gesundheitlichen Problemen, erschöpft und deshalb auch psychisch blockiert nicht mehr weiter. Er rief die vorausgehende Gruppe am Handy an, die dann wiederrum von der Grieshütte aus einen Notruf absetzte. Der Mann gab im Telefonat mit dem Einsatzleiter an, dass er noch oberhalb der Wolkendecke sei. Die Funtenseetauern-Webcam zeigte, dass der Grat und die Watzmann-Gipfel alle wolkenfrei und per Heli erreichbar waren. Die Lokalisation des Urlaubers ergab eine Höhe von rund 2.060 Metern.

Zwei Bergretter fuhren mit dem Geländewagen zur Grieshütte. Zeitgleich nahm die Besatzung des Traunsteiner Rettungshubschraubers „Christoph 14“ in der Ramsau zwei Bergretter auf und versuchte dann zunächst übers Gries anzufliegen. Aufgrund der tiefhängenden Wolken mussten sie allerdings abbrechen. Auch ein weiterer Versuch über den Königssee und durch ein zu instabiles Wolken-Fenster an der Ostwand scheiterte. Der Heli setzte deshalb die beiden Bergretter in rund 1.700 Metern Höhe mit der Winde am Südspitz-Abstieg unterhalb des Nebels ab und flog anschließend die beiden weiteren Bergretter von der Grieshütte ebenfalls so weit wie möglich nach oben. Die Besatzung des nachalarmierten Glemmtaler Notarzthubschraubers „Martin 6“ schaffte es kurz nach 17 Uhr vom weniger bewölkten Süden aus zum Watzmann, konnte den Patienten in der mittlerweile gestiegenen Wolkendecke aber nicht mehr anfliegen.

Der Einsatzleiter und die Besatzung von „Christoph 14“ schätzten gemeinsam mit diversen Berichten die weitere Wetter-Entwicklung ab, wobei das ab 18.30 Uhr angesagte scharfe Gewitter so aussah, als ob es nördlich am Watzmann vorbeiziehen würde. Die Retter wogen das Risiko ab und entschieden sich angesichts des knappen, aber mutmaßlich ausreichenden Zeitfensters dafür, weiter zum Patienten aufzusteigen. Die vier Retter kamen bereits gegen 17.15 Uhr beim 38-Jährigen an und versorgten ihn sofort mit Power-Gel, Zucker und Getränken, da der Abstieg wegen des Wetters flott erfolgen musste.

„Die Möglichkeit einer Einsatz-Unterbrechung war so real wie schon lange nicht mehr, da die Gefährdung der Einsatzkräfte im nahenden Unwetter nicht kalkulierbar war und wir bei Gewitter im ausgesetzten Gelände von einer akuten Lebensgefahr sprechen müssen“, erklärt der diensthabende Einsatzleiter Lukas Wurm. Bereits zehn Minuten später gings für den am kurzen Seil gesicherten Mann deshalb los in Richtung Grieshütte.

„Christoph 14“ setzte währenddessen noch zwei weitere Bergretter mit der Winde in rund 1.700 Metern ab, die dort eine besonders heikle absturzgefährliche Stelle mit dem Seil versicherten und gleich wieder abstiegen – der Heli musste mit dem Kerosin-Anhänger nachgetankt werden und flog nach Traunstein zurück.

Dann kam alles anders wie geplant: Das Gewitter setzte bereits gegen 18 Uhr ein – also deutlich früher als vorausgesagt, als die vier Retter mit dem Patienten ohne nah erreichbaren Not-Biwak-Platz noch in 1.730 Metern Höhe und dem Wetter schutzlos ausgesetzt waren. Alle anderen Einsatzkräfte stiegen sofort ab und waren kurz vor 19 Uhr zurück an der Wache. Der Rettungstrupp am Patienten hatte keine Wahl und musste so gut wie möglich improvisieren. Kurz nach 18 Uhr war das Gewitter bereits so heftig, dass sie vorsorglich als Schutz gegen Blitzschlag ihre Funkgeräte ausschalteten und den Mann weiter stärkten und motivierten, zügig zu gehen, um möglichst rasch der potenziell lebensgefährlichen Situation zu entkommen.

Weitere Einsatzkräfte hatten sich mit Pinzgauer, VW-Bus und Motorrad auf den Weg zum Südspitzabstieg gemacht. Sie fuhren so weit wie möglich und richteten dort ein Funk-Gateway ein. Letztlich ging dann alles gut: Um 18:50 Uhr stieg der Patient in den Pinzgauer, wobei das Gries im Unwetter ein ganz anderes Gesicht zeigte. Sturzbäche gingen nieder und um 19.15 Uhr blockierten unterhalb des Wimbachschlosses zwei nebeneinander umgestürzte Bäume den Weg, die die Bergretter mit einer nachgeführten Motorsäge unter vereinten Kräften entfernen mussten, bevor sie dann alle nass, aber unverletzt gegen 20.30 Uhr im Tal ankamen. Seine Gruppe brachte den 38-Jährigen dann ins Krankenhaus. 14 ehrenamtliche Bergretter waren bis 22 Uhr gefordert.

fb/red

 

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