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Renate Aschauer zu Hause bei ihren Tieren in der Ramsau: Den Sommer über weiden die Schafe auf Wiesen im Nationalpark Berchtesgaden. (Foto: privat)

Die Letzten ihrer Art: Renate Aschauer züchtet das seltene Alpine Steinschaf am Eingang der Wimbachklamm

Ramsau – Mehr als 100.000 Besucher pro Jahr hat die Wimbachklamm im Bergsteigerdorf Ramsau. Wer sie besucht, muss unweigerlich am Hof von Renate Aschauer vorbei. Die Züchterin Alpiner Steinschafe und Hüterin der Klamm betreibt unweit des Eingangs zum Wimbachtal, eingebettet in alpiner Bergwelt, ein kleines Lädchen, »Wimbach's Wollstadl«. Das Konzept dahinter: Hier gibt's alles rund ums Schaf. Aschauer steht hinter der Theke und hält ein Stück »Schafbert« in der Hand. »Schafbert« ist ein Käse aus Schafmilch. Der Mann vor der Theke ist Franke, er bestellt 250 Gramm, »dünn aufgeschnitten, zum Probieren«, sagt der Wanderer. Er ist mit Ehefrau und zwei Kindern gerade aus der Klamm gekommen und nun hungrig. Aschauers Theke ist voll mit Schafs-, Ziegen- und auch Kuhkäse, den sie aus der Region und dem nahen Österreich bezieht.


Das eigentliche Augenmerk liegt aber auf den Alpinen Steinschafen und den daraus hergestellten Woll-Produkten. Socken, gefilzte Einlegesohlen, dicke Pullover, sogenannte Troyer und Teppiche – all dies bietet sie in ihrem kleinen Geschäft an. Es hat sich ganz der Regionalität und Nachhaltigkeit verpflichtet. »Die Lammfelle sind schon ausverkauft«, macht Renate Aschauer gleich im Vorfeld deutlich. Etliche Kunden tummeln sich im Laden, mit Rucksack und Wanderstöcken ausgerüstet. Das regionale Mitbringsel verleitet zum Kauf. »Ein kleines Geschenk für zu Hause«, sagt ein Mann aus Baden-Württemberg. Allein 80 verschiedene Seifen und Cremes – mit Schafsmilch produziert – führt Renate Aschauer in den Regalen. Wobei die Milch nicht von ihren Steinschafen stammt. Die seltene Rasse ist kein klassischer Milchgeber.

Die familieneigene Alpine Steinschafzucht liegt nur einen Steinwurf vom Laden entfernt und ist Teil des Wimbachlehens. Dort hat Renate Aschauer, als sie 1984 in den Berchtesgadener Talkessel zog, eingeheiratet. »Ich kam, sah und blieb am Ende«, sagt sie und lacht. Die gelernte Masseurin widmet sich seit einem Vierteljahrhundert der Alpinen Steinschafzucht, jener frühreifen Rasse mit ganzjähriger Paarungsbereitschaft.

Seit 1997 ist das Wimbachlehen als Zuchtbetrieb für das Alpine Steinschaf ins Herdbuch eingetragen. Damals galt das Tier als so gut wie ausgestorben. »Wir haben hier eine richtige Ursprungszucht«, sagt Renate Aschauer, die das Fleisch der Tiere an heimische Hotels verkauft, die wiederum Gerichte auf der Speisekarte führen. Das Herdbuch ist ein Zuchtstammbuch und damit eine von einem Zuchtverband »geführte geordnete Zusammenstellung beglaubigter Abstammungsnachweise von Zucht- und Haustieren«. Renate Aschauer war von Anfang an Teil der Arbeitsgruppe der Alpinen Steinschafzüchter, die das Thema vorantrieb, um den Fortbestand der alten Rasse als »schützendes Kulturgut« zu sichern. Der Gesamtbestand liegt aktuell bei etwa 1 000 Tieren in rund 40 Betrieben. »Das sind nicht viele«, sagt sie.

Mittlerweile haben die rührigen Landwirte ein Netzwerk aufgebaut, in dem nicht nur Wolle gewaschen, gesponnen und gewebt, sondern auch Schafwollpellets als Dünger produziert werden. »Alles zur Förderung und Erhaltung der Tiere«, sagt die Ramsauerin.

Allein 40 Muttertiere sind bei Familie Aschauer zu Hause. Dort zeigt man sich glücklich, im Laufe der Jahre so viel erreicht zu haben. Im Sommer weiden die Schafe auf Flächen mitten im Nationalpark Berchtesgaden. Durch die Zucht der Schafe will Familie Aschauer einen Beitrag zum Erhalt der alten und noch immer gefährdeten Haustierrasse leisten, die auf der Roten Liste steht. Schafe sind Renate Aschauers Steckenpferd: »Wir haben gerade wieder zwei Lämmchen bekommen«, freut sich die 59-Jährige. Während die Lämmchen bei ihren Müttern im Stall herumtollen, treiben sich dahinter, die steile Wiese weiter oben, die Zuchtböcke herum.

Jeden Morgen macht Renate Aschauer nicht nur ihren Versorgungsrundgang durch den Schafstall, sondern wandert auch einmal durch die Wimbachklamm. Sie ist die Hüterin des Naturidylls, das im Sommer zum Massenausflugsziel wird. Im Auftrag der Gemeinde kontrolliert sie das beliebte Touristenziel im Hochtal zwischen Watzmann und Hochkalter. Zehntausende spazieren jedes Jahr durch die enge Schlucht, in der das Wasser des Wildbaches mit häufig lautem Getöse als Wasserfall in die enge Felsschlucht rauscht. Diesen Sommer »fließt so wenig Wasser wie noch nie«, sagt Renate Aschauer. Das hindert die Besucher aber nicht daran, vorbeizuschauen.

Der Kassenautomat, an dem man die Münze zieht, um das Drehkreuz zu überwinden, ist ein Selbstläufer. Früher saßen dort abwechselnd noch zwei Herren, heute ist man auf sich allein gestellt. Oder man fragt Renate Aschauer um Rat. Sie reicht einem die Münze, wenn der Automat mal nicht funktionieren sollte. Außerdem ist sie sowieso immer da. »Jeden Tag«, sagt sie – seit mehr als 20 Jahren. Nur wenn die Landwirtschaft ihre Hilfe erfordert, wenn im Herbst und im Frühjahr das Scheren der Tiere ansteht oder Corona ein Öffnen verhindert, dann blieben die Türen für die Kundschaft verschlossen.

Renate Aschauer will ihren Laden noch ein paar Jahre behalten, »solange die Gesundheit mitspielt«. Aus der Arbeitsgruppe der Alpinen Steinschafzüchter hat sie sich zurückgezogen. »Die Jungen müssen nun übernehmen.« Im Schafstall des Wimbachlehens hat bereits der Sohn das Sagen. Die Zukunft des Alpinen Steinschafs scheint gesichert.

Kilian Pfeiffer

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