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Ramsaus Bürgermeister Herbert Gschoßmann übt sich in Selbstkritik, denn angekündigte Wohnbauprojekte verzögern sich seit Jahren. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Gemeindeoberhaupt übt sich in Selbstkritik

Ramsau – Mit deutlichen Worten hat sich Ramsaus Bürgermeister Herbert Gschoßmann in Selbstkritik geübt: Auf schöne Worte Taten folgen lassen – das ist dem Gemeindechef in Sachen Wohnraum in den vergangenen Jahren nicht gelungen: »Seit Jahren rede ich, seit Jahren werden damit Hoffnungen geweckt und seit Jahren passiert aus Sicht des Bürgers praktisch nichts.« Und nun? Läuft auch noch der Kindergarten nur noch per Sondergenehmigung.


Der Mangel an Wohnraum ist kein Problem, das es nur in der Ramsau gibt. Doch deutlich wird im Bergsteigerdorf auf besondere Weise, wie sich Wunsch und Wirklichkeit gegenüberstehen. Dass der Bedarf da ist, dass viele Ramsauer Bürger händeringend auf der Suche nach Wohnungen sind, sich Eigentum schaffen oder einfach nicht weg aus ihrer Heimatgemeinde wollen, darüber hat der Bürgermeister schon mehrfach öffentlich berichtet.

Gschoßmann sagt, dass die Erwartungshaltung der Bürger Handlungen erfordere. »Oder man muss irgendwann die vielleicht unangenehme Wahrheit aussprechen, dass man das, von dem man immer wieder redet, schlicht und einfach nicht auf die Reihe bekommt.« Für Gschoßmann sei das unangenehm, »das tut weh«, vielleicht sei es auch Zeugnis dafür, »dass man Dinge falsch eingeschätzt hat, vielleicht auch nicht konsequent genug angegangen ist«.

Diese Form von Selbstkritik ist bemerkenswert. Die Fehlersuche findet meist bei anderen statt. So deutlich aber wie während der vom Gemeindechef einberufenen Informationsveranstaltung in der Ramsauer Gaststätte »Oberwirt« wurde ein Bürgermeister selten.

Gschoßmann hat Hoffnungen geschürt, dass Ramsauer in der Ramsau wohnen bleiben können. Es gibt Grund zum Bauen, zwar nicht viel, aber es gibt ihn. Es gibt Liegenschaften, die für Wohnungen infrage kämen. Ein Konzept, eine Genehmigung, eine Finanzierung – das alles gibt es nicht. »Ich will klar zum Ausdruck bringen, dass ich beim Thema ›Wohnen in Ramsau‹ mit so manchem unzufrieden bin und eine Schuld bei niemand anderem suche«, sagt Gschoßmann.

Ein »weiter so« werde es nicht geben, kündigt er an, um kurz darauf die nächste Hoffnung zu schüren: Bis zum Ende seiner Amtsperiode, wenn Gschoßmann als Bürgermeister abtritt, will er das Thema realisiert haben. Mitte 2026 wird das sein, knapp vier Jahre gibt er sich zur Erreichung des Ziel noch Zeit, um Mietwohnungen zu schaffen, in der »Alten Gemeinde« etwa, im alten Feuerwehrhaus und dem Bauhof. Er will die vorhandenen Flächen nutzen, um Baugrund und somit Wohnraum zu ermöglichen. Mittlerweile ist der 64-Jährige zur Erkenntnis gelangt, dass manches aber finanziell nicht zu stemmen ist, »zumindest nicht, wenn man nicht sehenden Auges in unverantwortbare Risiken schlittern will«. Die Gemeinde möchte zwar im Boot bleiben, sucht aber nun auch nach Käufern für die eigenen Objekte, die wiederum bereit sind, zu investieren. Auch das Wohnbauwerk Berchtesgadener Land kommt infrage, heißt es. Seit Monaten befinde man sich in nicht näher definierten Verhandlungen, sagt der Bürgermeister. Aktuell wird ein Wertgutachten für die verschiedenen Objekte erstellt, »um einen nicht erlaubten Verkauf unter Wert zu vermeiden«.

Finanziell schaut es im 1 700-Seelen-Ort mau aus. Das sieht man nicht zuletzt beim örtlichen Kindergarten, der dringend einen Erweiterungsbau benötigt. Auch dieser war bereits angekündigt für das Jahr 2023/24. Bürgermeister Gschoßmann räumt nun ein, dass das Datum »unrealistisch« war. »Die ganz klare Zielsetzung für den Bezug ist nun 2024/25«, sagt er. Nur wegen einer Sondergenehmigung des Landratsamtes kann der Betrieb derzeit überhaupt stattfinden. Allerdings hat auch die dortige Bauabteilung für eine Verzögerung des Vorhabens gesorgt (wir berichteten).

Für lediglich 65 Kinder ist die 2016 bereits erweiterte und damit noch gar nicht so alte Einrichtung ausgelegt. Rund 90 besuchen ihn derzeit. Hinzu kommt wie überall auch: Es mangelt an Personal. »Die Zeit muss noch irgendwie überbrückt werden«, sagt Gschoßmann.

Das kommt nicht bei allen gut an. »Absoluten Stillstand in der Gemeinde«, wirft ein Bürger dem Gemeindechef vor. Und weiter: »Die Kindergartenmitarbeiter sind am Ende.« Seit Längerem wird selbst das Mesnerhaus als Kindergarten zweckentfremdet. Und weil der Mangel an Plätzen nicht neu ist, muss sich der Gemeindechef Kritik gefallen lassen, hier nicht schon früher und zeitkritischer gearbeitet beziehungsweise es zumindest kommuniziert zu haben.

Allein die Finanzierung stellt das Bergsteigerdorf vor Herausforderungen: Mit drei Millionen Euro rechnet die Gemeinde. In der mittelfristigen Finanzplanung sind zwar Mittel eingeplant, Handlungsspielräume sollen aber offen gehalten werden. »Das Projekt muss umgesetzt werden, da gibt es kaum ein Zurück mehr, und darum heißt es, Risiken an anderer Stelle zu minimieren, wo möglich.«

In der Ramsau führt das dazu, dass vieles auf den Prüfstand muss, wie Gschoßmann sagt, aber dabei vage bleibt. Wenn so viel Geld für einen Kindergarten benötigt wird – da könne es schon mal möglich sein, »unpopuläre Entscheidungen« treffen zu müssen.

Kilian Pfeiffer

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