In etwa zwei Wochen werden die Geierdamen ausfliegen

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Durch Knochen mit Fleischresten werden die Bartgeier mit ausreichend Flüssigkeit versorgt.

Ramsau – Vor genau 16 Tagen sind Wally und Bavaria von Nationalparkmitarbeitern mit Holzkraxen in ihre Auswilderungsnische im Nationalpark Berchtesgaden transportiert worden. Seitdem hat sich einiges getan: Die beiden Bartgeierdamen haben sich mit ihrem neuen »Zuhause« angefreundet, ihre ersten Flügelschläge absolviert und sich auch schon gezofft.


Kräftig schlägt sie mit den Flügeln, als würde sie gleich wegfliegen wollen – doch das geht leider noch nicht. Die Bartgeierdame ist noch zu jung – bis sie tatsächlich fliegen kann, werden noch ein paar Wochen vergehen. Bis dahin werden Wally und Bavaria weiterhin beobachtet und gefüttert, auch von dem LBV-Kreisvorsitzenden Toni Wegscheider. »Es könnte den beiden nicht besser gehen«, sagt er. Wegscheider ist derzeit pro Tag rund zehn bis zwölf Stunden im »Beobachtungseinsatz«. »Sie fressen fleißig, schlagen schon mit den Flügeln und freunden sich immer mehr miteinander an«, erzählt der LBV-Kreisvorsitzende. Bavaria war zunächst aufgrund ihrer Größe stärker und auch dominanter, ihre Horst-Mitbewohnerin Wally musste immer mal wieder zurückstecken. »Doch Wally entwickelt sich inzwischen prächtig, sie ist stärker geworden und gibt auch Kontra.« Die Schnabelkämpfe, die auch schon über die Webcam zu beobachten waren, seien ganz normal. »Die beiden leben sogar wesentlich harmonischer zusammen, als wir es erwartet haben«, ergänzt der Kreisvorsitzende. Denn bei drei Vierteln aller Bartgeierpaare, die zusammen ausgewildert werden, würden diese Kämpfe intensiver ausgetragen. Oft gehe es um reine Banalitäten: Wenn Wally ein besonders schönes Stück Knochen erwischt hat, dann will es ihr Bavaria abspenstig machen – obwohl sie natürlich genug Futter hat. »Das ist wie bei Geschwistern«, sagt Wegscheider und lacht.

Etwa 100 Flügelschläge pro Tag

Aktuell kann man die Flugübungen der beiden Bartgeierdamen beobachten. Etwa 100 Schläge pro Tag schaffen die Tiere inzwischen. »Das wird noch deutlich zunehmen – bevor sie dann tatsächlich ausfliegen, werden auch kleine Sprünge zu beobachten sein.« Die Projektverantwortlichen zählen genau mit, denn wenn die Vögel etwa 200 Schläge erreichen, werden sie ihren ersten Flug absolvieren. »Das wird in rund zwei Wochen der Fall sein«, schätzt Toni Wegscheider.

Aktuell werden die Geierdamen noch von Projektbetreuern gefüttert, es gibt hauptsächlich Knochen, aber auch Gamsläufe mit Fell. Letztere seien besonders wichtig für die Verdauung der Bartgeier. Aufgrund der hohen Temperaturen geben die Verantwortlichen auch fleischigere Teile dazu, aus denen die Vögel Flüssigkeit ziehen können. »Wir haben zwar zufällig eine natürliche Wasserstelle in der Nische, diese kann aber auch austrocknen, deshalb sind Knochen mit Fleischanteilen sehr wichtig.«

Die Fütterung soll zunächst weitergeführt werden. »Gerade am Anfang werden sie noch nicht gut fliegen und sich deshalb auch keine Nahrung suchen können.« Im Nahbereich des Horsts sei dies auch schwierig: »Dass in der Halsgrube mal eine tote Gams liegt, ist eher unwahrscheinlich.«

Toni Wegscheider ist sich sicher, dass das Geheimnis einer erfolgreichen Wiederansiedlung auch darin liegt, den Tieren weiterhin ein Nahrungsangebot zu liefern. »Wir werden Futter außerhalb des Horsts platzieren, in Schuttreißen oder auf Felsen.«

Auch wenn es den beiden Damen gut geht, haben die Verantwortlichen schon das ein oder andere Praxis-Problem entdeckt. »Das betrifft aber rein die Technik«, sagt Wegscheider. So ist beispielsweise ein Kamerawinkel nicht optimal gewählt, sodass man die Bartgeier hin und wieder nicht sehen kann. Eine andere Kamera wird über ein Solarpanel betrieben. Um die Mittagszeit liegt dieses jedoch im Schatten und die Stromversorgung bricht ab. »Das sind Sachen, die wir nächstes Jahr besser machen wollen«, sagt Toni Wegscheider. Theoretisch ließen sich diese Probleme natürlich auch jetzt beheben, aber dann müssten die Verantwortlichen an den Ort des Geschehens. »Die Bartgeier sollen sich aber nicht an uns gewöhnen, wir werden nicht eingreifen.«

Besorgte Webcam-Zuschauer

Die beiden Bartgeierdamen haben in Übrigen schon eine kleine Fangemeinde im Internet. Da sie rund um die Uhr über die Webcams beobachtet werden können, sehen die Zuschauer jede kleine Veränderung. Die Online-Beobachter freuen sich über die Flügelschläge, machen sich hin und wieder aber Sorgen, etwa wenn ein Unwetter wütet oder die hohen Temperaturen die Wasserstelle austrocknen lassen. Das LBV-Bartgeierteam gibt dann aber schnell Entwarnung: Über die Antwortfunktion klären die Experten auf und informieren über die aktuelle Entwicklung. Wer selber mal einen Blick auf Bavaria und Wally werfen will, kann dies unter www.lbv.de machen. Lena Klein

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