Vater des Bergsteigerdorfes: Ramsauer Tourismuschef geht in den Ruhestand

Bildtext einblenden
Seit fast 37 Jahren ist Fritz Rasp für die touristische Entwicklung in der Ramsau verantwortlich. Auf einem Spaziergang berichtet er über seinen schwierigen Start, über die Errungenschaft »Bergsteigerdorf« und künftige Herausforderungen. (Foto: Lena Klein)

Ramsau – Fritz Rasp ist ein Profi. In seinem Bereich – dem Tourismus – kennt er sich aus, er hat die aktuellen Zahlen im Kopf, er weiß, was seine Heimat Ramsau ist und was sie noch werden kann. Er weiß aber auch, was sie niemals werden sollte. Nach 36 Jahren verabschiedet er sich aus dem Hauptgeschäft, denn wie es oft so ist: Einen vollständigen Rückzug, das kann und will er sich nicht vorstellen. »Ich denke, es wird eher ein Unruhestand«, sagt er und lacht dabei. Der »Berchtesgadener Anzeiger« war mit dem Tourismuschef noch einmal spazieren.


Fritz Rasp ist leicht zu erkennen: In Tracht gekleidet, oft mit Hut, noch öfter in Lederhose. Wenn er redet, dann im Dialekt. Er spiegelt das wider, was wohl viele erwarten, wenn sie das Wort »Bergsteigerdorf Ramsau« hören. Und weil Rasp dieses Bild so schön verkörpert, war er auch schon Teil einiger TV-Produktionen. Oft ging es dabei um das Thema »Bergsteigerdorf«. Doch Fritz Rasp hat in den vergangenen 36 Jahren weitaus mehr erreicht. Dazu gehört beispielsweise auch die Errichtung zahlreicher Wanderwege, die Wertschöpfung der Regionalität oder die verstärkte Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure. »Ich bin schon stolz auf das, was wir in den letzten Jahren erreicht haben«, sagt er.

Mit Hund und Hut

Fritz Rasp ist auch an diesem Tag mit Hut und Trachtenjacke unterwegs, später tauscht er sie temperaturbedingt in eine Daunenjacke. Um den Körper hat er sich die Hundeleine gehängt. Der Weg führt in Richtung Taubensee, es liegt Schnee, bei jedem Schritt knirscht es. Tagelang hat es geschneit, nun scheint die Sonne, der Schnee glitzert, am Himmel ist keine einzige Wolke zu sehen. Mit dabei ist auch Schweißhund Tassilo. Tassilo ist elf Monate alt, ein richtiges Energiebündel. Rasps zweiter Hund Vintzi ist zu Hause geblieben.

25 Jahre alt war Fritz Rasp, als er 1984 als Leiter der Kurverwaltung in Ramsau begonnen hat. »Ich habe davor eine kaufmännische Ausbildung gemacht und die Verwaltungsschule besucht.« Die Anfangszeit war nicht leicht, denn »eine Führungsposition mit 25 Jahren zu übernehmen, da muss man sich schon auch Respekt verschaffen«. Die ersten Jahre waren intensiv, die Ramsauer beäugten sein Handeln kritisch. »Heute kann ich sagen, dass der Tourismus meine Berufung war.« Schnell startete Rasp Projekte. Das »Kederbacher-Abzeichen« folgte im Jahr 1985. Die Gestaltung des Tourismus war dagegen schon damals eine besondere Herausforderung. Unterstützung erhielt er von seinem früheren Schulkollegen Walter Worbs. »Er hat 160 Reisebüros geleitet und mir fachlich immer sehr geholfen.«

In den 90er-Jahren begann Rasp damit, Themenwanderwege umzusetzen. »Es war mir immer wichtig, dem Urlauber auch ein Stück Geschichte näher zu bringen.« Mit Christoph Karbacher entstand der Malerweg, der um den Hintersee führt. Der Almerlebnisweg, der Naturlehrpfad im Zauberwald, der Mühlsteinweg, der geologische Pfad im Wimbachtal folgten. »Am Soleleitungsweg haben wir zum 200. Jubiläum fünf Schautafeln errichtet, die die Geschichte wiedergeben.« Ein großer Aspekt war und ist auch immer noch das Thema »regionale Wertschöpfung«.

Der Weg, den Fritz Rasp für den Spaziergang ausgesucht hat, war lange Zeit in »einheimischer Hand«. Erst in den vergangenen Jahren sind immer mehr Touristen im Bereich Mordau unterwegs. Auch an diesem Tag trifft er Skitourengeher, Gassigeher und Menschen, die zu Fuß einfach ein bisschen frische Luft schnappen wollen. Große Freude an dem kleinen Ausflug hat auch Hund Tassilo, er springt im Schnee umher.

Hotspots

Die Gäste konzentrierten sich damals weitestgehend auf die Hotspots – Watzmann, Hochkalter, Hirschbichl. Rasp wollte insbesondere die drei Almen Mordau, Lattenbergalm und Moosenalm in den Tourismus mit einbinden. Die Urlauber sollten dort auch die eigens produzierten Lebensmittel wie Milch kaufen können. »In Helmut Pointner, dem Vater des jetzigen Geschäftsführers der Milchwerke Berchtesgadener Land, habe ich damals einen Unterstützer gefunden. So konnte dieses Projekt umgesetzt werden.«

Die 90er-Jahre waren aber auch vom Mauerfall geprägt. »Ein ungeheurer Boom«, sagt Rasp. Die Situation damals sei mit heute gut zu vergleichen, »in mancher Hinsicht muss man den Tourismus zähmen«. Ein großes Anliegen war für Fritz Rasp immer, den Spagat zwischen den Wünschen und Bedürfnissen der Einheimischen und denen der Urlauber zu schaffen.

Ramsau hat im Landkreis die größte Wertschöpfung aus dem Tourismus, viele Einheimische leben von den Gästen. »Man muss trotzdem am Boden bleiben«, sagt Fritz Rasp, »das ist auch die Herausforderung der Zukunft schlechthin«.

Rasp hält inne, schaut zum Hochkalter, sein Blick schweift weiter in Richtung Hintersee, der von diesem Weg aus natürlich nicht zu sehen ist. »Die Mobilität, sie muss auf die Reihe gebracht werden.« Rasp seufzt. Er kann die Sorgen der Bevölkerung verstehen, auch er hat schon beobachtet, wie sich Autokolonnen an schönen Sommerwochenenden im Schneckentempo um den Hintersee bewegen, alle auf der Suche nach der einen freien Parkmöglichkeit. Aber Rasp ist Realist: »Das Problem werden wir alleine nie lösen können.« Was man aber lokal vorantreiben könne, sei beispielsweise das Verkehrskonzept als Modellprojekt des Bergsteigerdorfs Ramsau. Dafür gab es auch Fördergelder des Bayerischen Umweltministeriums. Wichtig sind dabei das Parkraummanagement, der ÖPNV, Elektromobilität und Car-Sharing. »Wie wir das umsetzen können, darüber machen wir uns jetzt Gedanken. Wie es dann finanziert werden kann, das ist noch einmal ein eigenes Thema.«

Fritz Rasp glaubt daran, lokal etwas schaffen zu können und so mit gutem Beispiel voranzugehen. Gemeinderat, Arbeitskreis, Tourismusverein, sie alle sehen Handlungsbedarf und arbeiten deshalb fleißig an einer Ramsau-Lösung. »Dann brauchen wir aber die vier anderen Talkesselgemeinden, den Landkreis und nicht zuletzt auch Bayern.«

Kriterien erfüllen

Für die Gemeinde Ramsau stehen Regionalität, Nachhaltigkeit, Alpingeschichte, und die Weiterentwicklung als Dorf im Fokus, das gebietet schon der Titel »Bergsteigerdorf«. Tatsächlich kam der Impuls für die Bewerbung um den Titel damals von Fritz Rasp. »So etwas funktioniert aber nur, wenn man Unterstützer hat.« Geklappt hat es nicht zuletzt, weil alle in das Thema eingebunden waren: die Vereine, die Bürger, die Gemeinderäte und natürlich auch der Bürgermeister. »Das war verdammt viel Arbeit, aber es hat sich mehr als gelohnt, die Ramsauer können sich damit identifizieren.«

Fritz Rasp wirkt nachdenklich. »Natürlich habe ich den Titel »Bergsteigerdorf« am Anfang auch als etwas gesehen, womit man sich touristisch profilieren kann.« Schnell habe er aber gemerkt, dass es viel mehr bedeutet: »Die Philosophie der Bergsteigerdörfer steht für Gemeindeentwicklung schlechthin.« Es müssten alle an einem Strang ziehen, die Landwirtschaft müsse geschätzt werden, die heimischen Produkte etabliert und vermarktet werden. Die Gastronomie und Hotellerie spiele dabei ebenfalls eine entscheidende Rolle. Ein wichtiger Wegbegleiter für Rasp war in diesem Zusammenhang auch Hannes Lichtmannegger, der mit dem »Berghotel Rehlegg« diese Aspekte umsetzen würde.

Überhaupt habe die Begeisterung für Regionales in den letzten zehn Jahren stark zugenommen. »Wir haben schon in den 90er Jahren an einem Projekt gearbeitet, das hieß »Berchtesgadener Kuchl«. In dem Interreg-Projekt in Zusammenarbeit mit dem Alpenforschungsinstitut aus Garmisch-Partenkirchen sollten sich Metzger, Bäcker, Landwirte sowie Gastronomie und Hotellerie in einen Verbund zusammenschließen. »Das war ein schönes Projekt, aber damals war die Zeit noch nicht reif.« Später kam der BSE-Skandal und machte vieles zunichte. Erst in den letzten Jahren erfreuen sich Bauern- und Wochenmärkte wieder zunehmender Beliebtheit. »Das Bergsteigerdorf bedeutet mir schon sehr viel.«

Feste feiern

Große Freude machte es Rasp auch, wenn er zusammen mit den Vereinen Feste organisieren konnte. »Das Ramsauer Dorffest zum Beispiel oder das Herbstfest. Das waren tolle Erlebnisse.« All die Projekte haben natürlich viel Zeit in Anspruch genommen, »ich bin froh, dass meine Frau und meine Familie immer hinter mir gestanden sind«. Zeit für gemeinsame Ausflüge hat das Ehepaar nun mehr. »Jetzt ist das alles noch viel schöner geworden, auch die Zeit mit den zwei Hunden genieße ich sehr.«

Tassilo ist derweil auf eine Skitourengeherin aufmerksam geworden. Rasp ruft ihn vorsichtshalber zurück. »Da geh her«, sagt er. »Kimm, da geh her.« Tassilo hört nicht sofort, folgt dann aber doch. »Ist des ned schee heid«, fragt die Tourengeherin. »Am Hinterbrand, da stehen ja schon wieder so viele Autos, des is ein Wahnsinn. Abseits, da hat man noch seine Ruhe.«

Diese Kritik hat Fritz Rasp in den letzten Wochen und Monaten häufiger gehört. »Es gibt doch einige, die sich fragen, wie es sein kann, dass trotz Corona so viel bei uns los ist.« Rasp will Milde walten lassen und den Menschen in dieser doch schwierigen Zeit ein bisschen »Auslauf« gönnen. Im Übrigen käme es vielen nur so vor, als würde der südliche Landkreis überrollt werden, da man sich einfach schon an die »Corona-Ruhe« gewöhnt hätte.

Gute Gespräche

Aus seiner Tätigkeit nimmt Rasp viele schöne Momente mit in die Freistellungsphase des Altersteilzeitmodells, viele Augenblicke, die ihn geprägt und ihn dazu gebracht haben, sich für neue Bereiche, wie die Kultur, zu begeistern. So hat die Zusammenarbeit mit Künstlern nicht zuletzt dazu geführt, dass Rasp nicht nur mehr über Expressionismus und Impressionismus erfahren hat, sondern auch mit anderen Augen durch Museen streift. »Es war einfach toll, all diese inspirierenden Menschen während der Arbeitszeit kennen gelernt zu haben.«

Seine Heimat will Rasp auch weiterhin mitgestalten, »vielleicht helfe ich im Archiv mit, auf jeden Fall werde ich mich weiterhin für die Bergsteigerdörfer engagieren«.

Sein Amt übergibt er nun an Martha Graßl, die mit ihren 24 Jahren noch einmal um ein Jahr jünger ist, als es Rasp seinerzeit war. »Ich bin wahnsinnig froh und glücklich, dass eine Kraft, die ich selber mit ausgebildet habe, Verantwortung übernehmen und in meine Fußstapfen treten will. Martha ist eine ungemein toughe Person und in der Ramsau verankert.« Er ist sich sicher, dass sie den Tourismus in diesem Sinne fortführen wird, wie auch er sich das für Ramsau wünscht.

Fast wieder am Auto angekommen, muss Rasp seinen Schweißhund Tassilo noch einmal auf den Arm nehmen, um ihn über den Weiderost im Boden zu tragen. »Jetzt geht es noch zu meinem Sohn in den Markt«, sagt er grinsend, »ich habe Essen bestellt«.

Und das war er dann, der letzte Spaziergang mit dem Tourismusdirektor. 

Lena Klein

Mehr aus Ramsau