Zufluchtsort Hintersee im Revolutionsjahr 1918

Bildtext einblenden
Der Erste Weltkrieg hatte vor wenigen Monaten begonnen und die ersten Opfer waren zu beklagen, als König Ludwig III. den »braven Angehörigen seines Jäger-Bataillons« zum Weihnachtsfest 1914 dieses Porträt auf einer Feldpostkarte widmete. (Sammlung/Repro: Manfred Angerer)
Bildtext einblenden
Es muss in den entbehrungsvollen Kriegsjahren in Berchtesgaden wohl noch ein besonderer Anlass gewesen sein, als sich König Ludwig III. durch das festlich geschmückte Neuhaustor chauffieren ließ. (Foto: Archiv Verlag Plenk/Repro: Manfred Angerer)

Ramsau – Als König Ludwig III. heute vor 100 Jahren auf seinem Gut in Ungarn verstarb, da war die bayerische Monarchie schon seit drei Jahren beendet. Seine Regentschaft nämlich war bereits mit dem Revolutionsjahr 1918 vorbei. Die dramatischen Geschehnisse der damaligen Ereignisse, die mit der Flucht des Königs an den Hintersee gipfelten, hat Manfred Feulner in seinem beim Verlag »Berchtesgadener Anzeiger« erschienenen Buch »Berchtesgaden und seine Könige« detailliert geschildert.


Ludwig III. war der älteste Sohn des Prinzregenten Luitpold. 1868 vermählte er sich in Wien mit Maria Theresia, der Tochter Erzherzog Ferdinands von Österreich-Este, die ihm elf Kinder gebar. Nach dem Tod seines Vaters im Dezember 1912 übernahm er als Prinzregent die Verwesung Bayerns, im Oktober 1913 bestieg er den Thron. Schon damals reiste Ludwig III. regelmäßig ins Berchtesgadener Land, vor allem wegen der Jagd. Besonders gern hielt sich Ludwig in den Jagdhäusern am Hintersee und in Bartholomä auf. So war es auch vom 20. bis 28. November 1917 in dem schön gelegenen Jagdhaus am Königssee. In der Presse stand unter den Hof- und Personalnachrichten zu lesen: »Am ersten Tag erledigte S.M. drei Gemsböcke, am Donnerstag einen.«

Am 5. Oktober 1917 war König Ludwig bei der 100-jährigen Jubiläumsfeier der Solehebemaschine in Ilsank anwesend. Diese Feier war nicht mehr das rauschende Fest wie vor 100 Jahren unter Max I., sondern dem ersten Kriegsjahr entsprechend still und fast bedrückt.

Die Revolution beginnt

1918 war der lange Krieg verloren, an der Front wie in der Heimat wartete man nur noch darauf, dass das entsetzliche Ringen endlich beendet werde. Und so strömte die Bevölkerung Münchens am 7. November auf der Theresienwiese zu einer Friedenskundgebung zusammen. Niemand ging zu dieser Zeit von einer Revolution aus, der König machte sogar noch seinen Spaziergang im Englischen Garten, seelenruhig und unbekümmert. Ein Arbeiter war es schließlich, charakteristischerweise kein Minister oder vertrauter Berater, der ihn warnte: »Majestät, gengan S' hoam und bleiben S' in der Residenz, sonst passiert Ihnen was, d'Revolution is ausbrocha!«

Die Residenz kann Ludwig schon nicht mehr durch den Haupteingang betreten, er ist völlig überrascht, verstört, hilflos. Noch in der Nacht folgt Ludwig III. dem Ansinnen seines Ministerpräsidenten v. Dandl, die Stadt zu seiner eigenen Sicherheit zu verlassen. Ohne Licht stiehlt sich der Wagen, in dem der greise König und die greise, schwerkranke Königin sitzen, aus der Stadt, kommt später von der Straße ab, landet in einer Wiese. Um 5 Uhr früh trifft man in Schloss Wildenwart in der Nähe des Chiemsees ein. Der zweite Wagen mit den Töchtern und dem Prinzen Albrecht bleibt – ebenfalls ohne Licht fahrend – gar im Sumpf stecken und drei Stunden schlagen sich die Prinzessinnen mit dem Prinzen zu Fuß bei Nacht durch Wälder und Felder, bis sie auf das Schloß Maxl­rain des Grafen Arco-Zinneberg stoßen. Am Mittag des 8. November ist die Königsfamilie in Wildenwart vereinigt.

Unterschlupf im Berchtesgadener Land

Doch es kommen Meldungen, dass Soldatenräte auf dem Weg seien; sie suchen den König, wollen ihn zur Abdankung zwingen, vielleicht auch gefangen nehmen, wenn nicht sogar Schlimmeres zu befürchten ist. Man muss also weiter. Unterwegs wird der Entschluss gefasst, in die Berge zu fahren, am Hintersee bei Berchtesgaden Unterschlupf und Schutz zu finden. Wo man so oft geweilt hat, wird man nicht verraten, wo man sich so wohlgefühlt hat, wird man auch aufgenommen werden. Um 3 Uhr in der Nacht trifft der königliche Wagen dort im Forsthaus ein. Förster Sollacher richtet in rührender Sorge rasch und provisorisch einige Zimmer her, das greise Königspaar hat für den Rest der Nacht ein Dach über dem Kopf und ist deshalb glücklich und zufrieden. Auch Forstrat Hauber von Berchtesgaden und Forstmeister Schnitzlein aus Ramsau helfen, wo sie können. Ebenso Hauptmann Rubenbauer, der Kommandant der militärischen Grenzschutzwache. Man versucht, manches Nötige zu besorgen, was bei der überstürzten und kopflosen Flucht vergessen worden ist. Aber es war sehr schwierig und musste ja auch im Geheimen geschehen.

Ein ganzer Tag war dem König Ruhe gegönnt, dann kam die Nachricht dass rotbeflaggte Kraftwagen in eiliger Fahrt nach Berchtesgaden unterwegs seien. Am Sonntag, 10. November, trat man deshalb die Weiterfahrt über Berchtesgaden und die Grenze zum Schloss Anif in Österreich an. Der Besitzer dieses Schlosses war der bayerische Graf Moy. Doch der Königsfamilie gingen die Geldmittel aus, es musste mit der königlichen Vermögensverwaltung in München Verbindung aufgenommen werden. Der Aufenthaltsort war damit verraten. Schon kam der ehemalige Ministerpräsident v. Dandl angereist, um den König zur Unterzeichnung der mitgebrachten Abdankungsurkunde zu bewegen. Doch der König war nicht zu bewegen, die Abdankung auch nur in Erwägung zu ziehen. Um 3 Uhr morgens wurde schließlich folgender Erlass vom König unterzeichnet: »Zeit meines Lebens habe ich mit dem Volk und für das Volk gearbeitet. Die Sorge für das Wohl meines geliebten Bayerns war stets mein höchstes Streben. Nachdem ich infolge der Ereignisse der letzten Tage nicht mehr in der Lage bin, die Regierung weiterzuführen, stelle ich allen Beamten, Offizieren und Soldaten die Weiterarbeit unter den gegebenen Verhältnissen frei und entbinde sie des mir geleisteten Treueeides.«

Das Ende der Monarchie

Kurt Eisner wandelte diese Eidesenthebung kurzerhand und eigenmächtig in einen Thronverzicht um und erlaubte, dass sich Ludwig »als Privatperson unangetastet in Bayern bewegen kann«. So fuhren Ludwig und seine Frau nun umgehend, also noch am 13. November, zurück nach Berchtesgaden und zum einsamen Jagdhaus St. Bartholomä am Königssee, wo sie bis zum 28. November blieben, treu umsorgt von dem braven Förster Hohenadl und anderen Eingeweihten. Man musste und wollte auch hierbei so geheim wie möglich verfahren, da Berchtesgaden inzwischen von Rotgardisten besetzt war.

Ludwig war im politischen Geschehen nun eine Randfigur geworden, ein König ohne Land und Volk. Die Monarchie war verspielt, sie hatte keine Chance mehr. Der deutsche Kaiser hatte abgedankt und war im Exil, alle anderen deutschen Fürsten waren ebenfalls abgetreten. Die Zeit der gekrönten Häupter in Deutschland war vorbei.

Ulli Kastner

Mehr aus Ramsau