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Die Amerikanerin Jessica Bruinsma kehrt nach sechs Jahren ins Berchtesgadener Land zurück

»Die Schmerzen bedeuten, dass ich noch lebe«

Schönau am Königssee – Ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Genauer gesagt: an einem Sport-BH. Hätten ihn Forstarbeiter nicht gefunden und Hilfe geholt, wäre Jessica Bruinsma jetzt tot. Sechs Jahre nach ihrer Rettung am Untersberg besuchte die heute 30-Jährige wieder das Berchtesgadener Land. Um sich bei ihren Rettern zu bedanken. Und Frieden mit dem Berg zu schließen. Dem »Berchtesgadener Anzeiger« hat die junge Frau aus Colorado ihre intimen Aufzeichnungen zukommen lassen.

Rückkehr an den Unglücksort: Jessica Bruinsma mit Lorenz Rasp beim Wandern.

Polizeihauptkommissar Lorenz Rasp von der Alpinen Einsatzgruppe Traunstein aus Schönau am Königssee war bei der Rettung an jenem 19. Juni 2008 dabei. Und hält seitdem Kontakt zu der jungen Frau, die heute als Lehrerin arbeitet. Er hat sie im Spätsommer auf ihrer schwierigen Reise in die Vergangenheit begleitet. Zu der schicksalsträchtigen Stelle auf dem Untersberg, zu den Menschen, die sie gerettet haben.

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Es war so ein schöner Tag. Aber nicht lange. Als Jessica Bruinsma das Stöhrhaus, in dem die Studentin arbeitete, um ihr Deutsch zu verbessern, verließ, schien die Sonne. Die junge Frau unternahm eine kleine Feierabendwanderung. »Ich folgte einem schmalen Pfad, der Richtung Zehnkaser führte«, erinnert sich Bruinsma. Nach etwa einer Stunde kehrte sie wieder um. Doch anstatt dem Weg zu folgen, auf dem sie gekommen war, wählte sie einen Pfad, der vermutlich von Kühen stammte. »Als ich bemerkte, dass ich auf dem falschen Weg war, hingen um den Untersberggipfel bereits dichte Wolken«, so die Amerikanerin. »Ich war total desorientiert und bekam richtig Panik.«

Als sie verzweifelt nach dem richtigen Weg suchte, begann es auch noch zu regnen. Das Wetter wurde immer schlechter. Überall Nebel. Nach einiger Zeit erreichte Jessica Bruinsma einen kleinen Felsvorsprung. Doch als sie dort nach einem Weg suchte, rutschte sie aus und stürzte mehrere Meter ab. Wie sich später herausstellte, hatte die Wanderin eine ausgerenkte Schulter, eine Kopfplatzwunde, zwei gebrochene Rippen, eine zerstochene Lunge und ein gebrochenes Sprunggelenk.

Doch Jessica Bruinsma gelang es, sich zu einer kleinen Anhöhe zu quälen. Dort fand sie Schutz vor dem Regen. Und eine kleine Wasserquelle. Nach zwei langen Tagen bemerkte die junge Frau ein Drahtseil am Boden, das sich langsam auf und ab bewegte. »Schnell entschloss ich mich, meinen Sport-BH an dem Seil zu befestigen. Ich hoffte, dass ihn vielleicht jemand bemerken könnte«, erinnert sich Bruinsma.

Am 19. Juni, drei Tage nach dem Absturz, lockerten die Wolken auf und die Sonne schien. Am Nachmittag keimte Hoffnung auf. Ein Geräusch. Ein Dröhnen, ein Wummern. Tatsächlich. »Ein Hubschrauber flog in meine Richtung. Ich hoffte, entdeckt zuwerden«, erzählt die Amerikanerin. Tatsächlich seilte sich ein Retter ab. Er gab der Schwerverletzten etwas zu trinken, machte sie am Tau fest und ab ging es ins Tal. Es folgten zahlreiche Krankenhausaufenthalte mit mehreren Operationen, darunter allein fünf Knöchel-OPs, und Rehabilitationen.

Die Jahre vergingen. Doch Jessica Bruinsma musste zurückkehren. Zu dem Berg, der ihr fast das Leben genommen hätte. Und zu den Menschen, die es gerettet haben. Zusammen mit einer Freundin machte sich die Amerikanerin Mitte September auf den Weg nach Berchtesgaden. Sie wohnte bei Familie Rasp in Schönau am Königssee. Bei dem Mann, der sie am Untersberg entdeckt hatte. Bei verschiedenen Wanderungen und kleinen Bergtouren trafen die beiden mehrere Menschen, die an der Rettung beteiligt waren. Sogar den Hubschrauberpiloten. Nur den Mann, der den BH entdeckt hatte, konnte auch Lorenz Rasp nicht auftreiben. Wie es scheint, ist er in der Zwischenzeit gestorben.

Am 18. September, es war ein strahlend schöner Samstag, wanderten Jessica Bruinsma und Lorenz Rasp zum Stöhrhaus. »Ich konnte alles Revue passieren lassen«, sagt die junge Frau. »Am Berchtesgadener Hochthron nahm ich mir kurz Zeit und bedankte mich beim Berg.« Damit war die Sache abgeschlossen. Oder, wie es Jessica Bruinsma nennt: »Der Kreis hat sich geschlossen.«

An den körperlichen Folgen leidet die Amerikanerin allerdings noch immer. »Wegen meiner Verletzungen kann ich vieles nicht mehr tun. Es gibt Tage, an denen ich so starke Schmerzen habe, dass ich schreien könnte. Was ich auch manchmal mache.« Doch Jessica Bruinsma betont: »Die Schmerzen bedeuten, dass ich noch lebe.« Christian Fischer