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Ein Weg als Bachbett. Für die Alpenvereinssektion Berchtesgaden ist das die Folge von unzureichendem Wegeunterhalt vonseiten der Nationalparkverwaltung. (Fotos: DAV Berchtesgaden)

Lässt der Nationalpark Wege absichtlich verfallen? - Heftiger Vorwurf des Alpenvereins

Schönau am Königssee – Nach der Kritik von DAV-Vorstand Beppo Maltan an den Behörden wegen immer strengerer Umweltauflagen für den Betrieb der Berghütten (wir berichteten) geht die Alpenvereinssektion Berchtesgaden jetzt erneut in die Offensive. Diesmal bekommt die Nationalparkverwaltung Berchtesgaden heftige Schelte vom Bergsteigerverein. In einer Presseaussendung wirft der Verein dem Nationalpark vor, den Unterhalt des Funtenseewegs (15.000 bis 20.000 Begehungen jährlich) zu vernachlässigen und droht gar mit rechtlichen Schritten. Beim Nationalpark weist man die Vorwürfe zurück. 


»Entledigt sich der Nationalpark einer seiner ungeliebten Pflichten und lässt Kulturgut verkommen?« Diese provokante Frage stellt die Sektion bereits in der Überschrift ihrer Presseaussendung. Doch zunächst werden die Hintergründe erläutert: Demnach ging der Wegeunterhalt auf dem gesamten Gebiet des Nationalparks nach dessen Gründung im Jahre 1978 in den Aufgabenbereich der Nationalparkverwaltung über. »Gleichzeitig wurde im Nationalparkplan die Verpflichtung festgeschrieben, bestehende Wege und Steige weiter zu unterhalten und zu pflegen«, erinnert die Sektion in dem Schreiben und kommt schnell auf den Punkt: »Leider müssen wir vonseiten der DAV-Sektion Berchtesgaden feststellen, dass dies beim Funtenseeweg, welcher vom Königssee über die Saugasse zum Kärlingerhaus führt, in den vergangenen fünf Jahren versäumt wurde und dieser inzwischen an vielen Wegabschnitten komplett verfallen ist.«

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Vermurte, nicht ausgeräumte Brücke.

Bereits seit vielen Jahren weise der DAV Berchtesgaden darauf hin, dass Wasserläufe und Schwellen am Funtenseeweg nicht ausreichend geräumt würden. Aus diesem Grund will die Sektion »auch nicht die Ausrede akzeptieren, dass die Wetterereignisse der letzten beiden Jahre daran schuld wären.« Ein vom DAV vorgestelltes Sanierungskonzept sei mehrmals nur belächelt und als unverschämt bezeichnet und aus diesem Grund auch nicht umgesetzt worden. Dies habe nun dazu geführt, dass »der Weg an vielen Stellen unterspült ist und dass alte, in mühsamer Arbeit von unseren Vorgängern aufgesetzte Steinmauern, wegbrechen.«

»Grober Verstoß gegen die Nationalparkverordnung«

Trotz seiner Pflicht, die Wege zu unterhalten, lasse der Nationalpark Wege systematisch verfallen. »Die Frage, ob da Absicht dahintersteckt, drängt sich den Verantwortlichen immer mehr auf«, schreibt die Sektion. Die sieht in der Entwicklung »einen groben Verstoß gegen die Nationalparkverordnung, in der eindeutig geregelt ist, dass Kulturgut im Bereich des Nationalparks zu erhalten ist«.

Auch sicherheitstechnisch sieht der Alpenverein Handlungsbedarf. Denn kaputte Wege würden im Falle einer notwendigen bodengebundenen Rettung mit der Gebirgstrage vielleicht zur tödlichen Gefahr. Ebenso könnten sich die zahlreichen losen großen und kleinen Gesteinsbrocken im oberen Teil der Saugasse, wenn sie von einem Bergsteiger unabsichtlich losgetreten werden, »zum tödlichen Geschoss für die Bergsteiger darunter entwickeln«.

In den zuletzt am Weg ausgeführten Arbeiten sieht die Sektion »nur punktuelles Flickwerk«. Gerade die Arbeitsweise bei den punktuellen Wegsanierungen sei ökologisch und wirtschaftlich sehr bedenklich. Der DAV nennt ein Beispiel: »Zuerst werden acht Arbeiter mit dem Hubschrauber eingeflogen, welche dann nach nur rund fünf Stunden Arbeitszeit spätestens eineinhalb Stunden vor Feierabend wieder ausgeflogen werden.« Der DAV empfiehlt hier, Personal einzusetzen, das mehrere Tage am Berg bleiben kann und nicht an jedem Tag die logistische Aufgabe des Weges zur Arbeit meistern muss. Dafür würde man »selbstverständlich das Kärlingerhaus als Übernachtungsmöglichkeit anbieten«.

Auch beim Freischneiden der Wege von umgestürzten Bäumen sieht der DAV beim Nationalpark eine Nachlässigkeit. Kritisiert wird, dass diese Arbeiten nicht bereits vor der Hüttenöffnung durchgeführt werden. Denn durch die Umgehungen der Arbeitsbereiche entstünden zahlreiche Trampelpfade in der Natur.

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Abgerutschtes Tragwerk.

Der Argumentation der Nationalparkverwaltung folgend, man habe zu wenig Personal für den Unterhalt der Wege, ergibt sich für den DAV nur eine Lösung: Der Erhalt der Wege müsse extern vergeben werden. Die DAV-Sektion Berchtesgaden begrüßt deshalb auch, dass die Nationalparkverwaltung bei der Kaunersteigsanierung am Königssee nun zu diesem Ergebnis gekommen ist und dieser extern instandgesetzt wird.

Die DAV-Sektion droht in ihrer Pressaussendung abschließend sogar mit rechtlichen Schritten, wenn »weiterhin so fahrlässig wie bisher mit dem Kulturgut Funtenseeweg sowie den anderen Wegen im Berchtesgadener Talkessel umgegangen wird«.

Nationalpark: Fahrweg nicht mehr benötigt

In der Nationalparkverwaltung nahm man die DAV-Presseaussendung »mit Verwunderung« zur Kenntnis. Die Behörde verweist darauf, dass man jedes Jahr 500.000 bis 600.000 Euro in die Erhaltung und Pflege der rund 260 Kilometer Wanderwege und Steige im Schutzgebiet investiere. Die Klassifizierung und durchgängige Beschilderung der Wege (gelb – blau – rot – schwarz) sei in enger Abstimmung mit der Sektion Berchtesgaden des Deutschen Alpenvereins entstanden. Der Funtenseeweg ist laut Nationalparkverwaltung »rot« klassifiziert, dies bedeutet per Definition: »Mittelschwere Steige sind schmal und meist steil angelegt. Kurze absturzgefährdete Passagen und drahtseilgesicherte Stellen sind zu bewältigen«. Laut Nationalpark liege die Schwierigkeit dieses Weges sogar im unteren (leichteren) roten Schwierigkeitsbereich.

Die Behörde erinnert daran, dass der Funtenseeweg bis in die 1980er-Jahre ein Weg war, der zur Hüttenversorgung vom DAV mit einem Schmalspurschlepper befahren wurde. Heute setze der DAV für diese Zwecke regelmäßig Hubschrauber ein. Es bestehe ein Übereinkommen mit der Sektion des DAV, dass der Funtenseeweg nicht in schlepperbefahrbarer Form, sondern als mittelschwerer, »roter« Steig erhalten wird. Die Nationalparkverwaltung habe damals auch aus Naturschutzgründen darauf verzichtet, den Weg mittels Baggereinsatz aktiv »rückzubauen«. Aufgrund der alpinen Dynamik übernehme langsam die Natur diese Aufgabe.

Dennoch hält die Nationalparkverwaltung fest, dass »der Funtenseeweg laufend unterhalten wird und sich heute in einem Zustand befindet, der einem Weg der roten Kategorie voll entspricht«. Dass nach Starkregenereignissen zeitweise Wasser über den Wegekörper rinnt, sei »in alpinem Gelände zu tolerieren und völlig normal«. Vermehrte Rettungseinsätze am Funtenseeweg aufgrund des vermeintlich schlechten Wegezustandes seien nicht bekannt, die Nationalparkverwaltung sei zu Unfallschwerpunkten im Gelände regelmäßig im Austausch mit der Bergwacht.

Kaunersteig hat Priorität

»Besonders enttäuscht die Tatsache, dass die altbekannten Beschwerden der DAV-Sektion Berchtesgaden zum Funtenseeweg gerade jetzt wieder auflaufen. Insbesondere deshalb, da im Rahmen von Abstimmungsgesprächen im Vorfeld keinerlei Anmerkungen dazu abgegeben wurden«, schreibt die Nationalparkverwaltung. Dagegen habe man gemeinsam mit der Sektion des DAV vereinbart, die Priorität und den Einsatzschwerpunkt in diesem Jahr 2022 auf die aufwändige Verlegung und den Neubau des Kaunersteiges zu setzen, »um hier die tatsächlich vorhandenen Gefährdungen von Besuchern durch Steinschlag zu minimieren«. In diesen Bereich seien heuer große personelle und finanzielle Ressourcen der Nationalparkverwaltung gebunden.

Die Nationalparkverwaltung hat den Funtenseeweg in den vergangenen Jahren nach eigenen Angaben immer wieder bedarfsgerecht saniert und werde dies auch weiterhin tun. Auch 2022 hätten bereits Arbeiten stattgefunden, die bedarfsgerecht fortgeführt würden. Doch beim Nationalpark betont man auch: »Beim anerkannten Naturschutzverband DAV wird man akzeptieren müssen, dass auch der Zustieg zum am meisten frequentierten Unterkunftshaus der Sektion von der Nationalparkverwaltung nicht über den definierten Standard hinaus unterhalten wird. Auch wenn die langsame Rückbildung des ehemaligen Schlepperweges in den Augen einiger weniger heute noch schmerzt.«

Ulli Kastner