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Durch das Reißen von Papier schafft Christoph Merker neue Formen: »Einfach mal ausprobieren«, empfiehlt der 53-Jährige.

Vom Glück des Selbermachens – Christoph Merker trifft mit seiner Anleitung zum Selbermachen den Nerv der Zeit

Schönau am Königssee – Die eigenen Hände sind für Christoph Merker nichts weniger als ein »Wunderwerk«. Damit hat der gebürtige Kelheimer, der seit Anfang der 1990er-Jahre in Berchtesgaden wohnt, sein Haus gebaut, seine Kunst geformt, seinen Garten geschaffen – und nun ein Buch darüber geschrieben: »Ein Mann, ein Werk«, erschienen im Münchner Ludwig-Verlag. Besuch bei einem, der den Nerv der Zeit trifft.


Christoph Merker als Alleskönner zu bezeichnen, wäre vielleicht zu viel des Guten. »Zumindest versuche ich es«, sagt der 53-jährige Allrounder, der schon als Kind begonnen hatte, mit Kleber und Papier zu hantieren. Die Schere? Gehörte nicht in Kinderhände. Er absolvierte das Abitur, besuchte die Schnitzschule in Berchtesgaden. Als gelernter Schreiner hat er nicht nur die Liebe zum Holz für sich entdeckt, sondern auch die Hingabe fürs Handwerkliche.

»Hand-Werk«, sagt Christoph Merker – und legt dabei besonderen Wert auf den Bindestrich. Denn hinter allem, was man mit den Händen tut, befindet sich ein Ziel, ein Ergebnis, oft greifbar, aber nicht immer. »Vieles, was wir mit unseren Händen machen, ist Hand-Werk, jenseits der üblichen Handwerksberufe«, sagt er.

Lesen ist seine große Leidenschaft

Christoph Merker hat nach der Schreinerausbildung Philosophie und Kunstgeschichte studiert. In seinem Büro im eigenen Haus in Schönau am Königssee stapeln sich Bücher über Bücher – Architektur, Kunst, Reisen – und bedecken dabei Teile des Bodens. Lesen ist seine große Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die manchmal Leiden schafft: Denn eigentlich hat er kaum Zeit, all das zu lesen, was ihn interessieren würde. Ist Zeit Mangelware? »Wir kommen doch jetzt schon nicht mit unserer Zeit aus, oder?«, fragt er in eine Richtung lenkend. Zeit ist zum Luxusgut geworden, das ja. Aber sie lässt sich gewissenhafter einteilen.

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Künstler, Autor, Selbermacher: Christoph Merker aus Schönau am Königssee. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Wenn man die 221 Minuten einrechnet, die ein Deutscher im Durchschnitt täglich vor dem Fernseher sitzt, dann ist für Christoph Merker eines klar: Es geht auch produktiver. Fern sieht er schon seit Jahren nicht mehr. »Dabei bekomme ich keine Belohnung und auch kein gutes Gefühl vermittelt«, sagt er. Auch das Smartphone ist mehr Gegner, denn Verbündeter, mehr Ablenkung, denn Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung. »Ein Smartphone ist kein Selbstzweck.«

Christoph Merker versucht es also bevorzugt mit den Händen. Ein glückliches Händchen beweist er in vielerlei Hinsicht. Er arbeitet oft mit Holz, viel mit Stoff und Papier. Keine typisch männlich-markanten Werkstoffe, wie er sagt. Aber sie sind Teil jener »Philosophie des Selbermachens«, die ihn dazu bewog, das eigene Tun in ein Büchlein zu packen, das auf 178 Seiten motivieren soll, die Hände mit ins Spiel zu bringen. Mit den Händen zu arbeiten, egal ob in der Küche, in der Werkstatt, im Garten oder beim Basteln: »Das macht uns erst zum Menschen«, ist Christoph Merker überzeugt. Vom Daumen bis zum Gehirn sei alles dafür geschaffen, dass die Hand tätig wird. Das persönliche Glück liegt sozusagen in den Händen.

Komplizierter als Schuhebinden sei Hand-Werk in keinem Fall, ist Christoph Merker überzeugt. Und: Nicht jeder müsse sofort zum professionellen Handwerkenden werden. Es genügt, in der Lage zu sein, sich als Selbermacher zu bezeichnen.

Hand-Werk entsteht aus der Notwendigkeit heraus

Oft wird einer aus Zufall handwerklich tätig, weiß Christoph Merker: »Vielleicht weil es die kostengünstigste Lösung ist, kein Handwerker greifbar ist oder einfach keine andere Möglichkeit besteht, als selbst Hand anzulegen.« Genau das sei eine wertvolle Gelegenheit, mit dem Hand-Werk zu beginnen. Unbedarft an die Sache heranzugehen, ist häufig die Lösung. Hand-Werk entsteht meist aus der Notwendigkeit heraus: »Am Ende ist man über sich selbst erstaunt, dass man es so gut geschafft hat«, sagt Christoph Merker. Etliche Male sei er ins kalte Wasser gefallen – »und nun zu strampeln«, das ist der unfreiwillige Weg, den man normalerweise nicht wählt. »Aber es ist der Weg, den das Leben gerne mal für uns auswählt.«

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»Ein Mann, ein Werk«, erschienen im Münchner Ludwig-Verlag.

Der 53-Jährige arbeitet mittlerweile als Fachlehrer in der Berufsfachschule für Holzschnitzerei und Schreinerei des Landkreises Berchtesgadener Land. Verteilt im Wohnhaus hängt Merker'sche Kunst, vergoldete Papierschnitte, aus Obstkisten gestaltete und bemalte Berglandschaften. Dazu muss man wissen: Merker ist in seiner Freizeit Vorsitzender des Künstlerbundes Berchtesgaden. Getöpfertes ziert die Wand, Selbstgebautes, gemalte Kunst. Der Küchendienst ist kein auferlegtes Muss, sondern ein zufriedenstellendes Wollen: »Der Duft selbst gebackenen Brots: ganz nah am Paradies«, sagt Merker. Der Garten, getrübt durch den anstehenden Winter, ist in Eigenregie angelegt und gepflegt: »Ich verbringe dort einen großen Teil meiner freien Zeit«, sagt der Wahl-Schönauer.

Hand-Werk ist einSchlaraffenland

Mit der Notwendigkeit, etwas zu tun, sei eine Nützlichkeit verbunden, »die den positiven Effekt unseres erledigten Werkes unterstreicht.« Eine Notlage, die zum persönlichen Glück führt? Christoph Merker sieht das so. Hand-Werk sei ein »Schlaraffenland«. Spielerisch soll man beginnen, Materialien ausprobieren – fürs Erste genügen Papier, Schere, Kleber.

»Beim Selbermachen entdeckt man neue Seiten an sich, man bringt Geduld auf, entwickelt Gespür für Material«. Selbermachen sei Selbsterkenntnis. »Das Glück wohnt in unseren Händen«, sagt Christoph Merker. »Wir müssen nur zupacken.«

Kilian Pfeiffer