Justiz
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Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild

Illegal Kreditkarten gephisht und Bahntickets verkauft

Laufen – Wie die Täter zu den fremden Kreditkartennummern kommen, konnte selbst der ermittelnde Beamte nicht beantworten. Vermutlich läuft dabei einiges innerhalb des sogenannten Darknets. 659-mal hat der in Italien lebende Nigerianer auf diese Weise illegal Bahntickets ergaunert und deutlich günstiger als normal verkauft. Den Schaden bezifferte die Staatsanwaltschaft auf knapp 120.000 Euro. Wegen Computerbetrugs in besonders schwerem Fall schickte das Laufener Schöffengericht den 48-jährigen Familienvater für zwei Jahre und zehn Monate hinter Gitter. 


Im Januar 2020 war ein Komplize des Angeklagten, ebenfalls Nigerianer, in Laufen zu zweieinhalb Jahren verurteilt worden. Der hatte im Raum Berchtesgadener Land, Traunstein und Rosenheim die Tickets an interessierte Kunden weitergeleitet. Die Bundespolizei hatte mithilfe mehrerer sichergestellter Mobiltelefone zahlreiche Verbindungen herstellen und via PayPal-Konten und E-Mail-Adressen Kontakte nachvollziehen können. Auch die Bahn meldete den Behörden ihren Verdacht auf illegale Zugriffe. Das »Geschäft« lief mindestens von 2019 bis Anfang 2021.

Dabei gilt es, ständige neue Kreditkartennummern aufzutun, da Geschädigte ihre Konten in der Regel rasch sperren lassen. Die Tickets gingen anschließend via QR-Code oder als PDF an Kunden, die nach günstigen Bahntickets suchten. Die 24-seitige Anklageschrift listete Verbindungen im In- und ins Ausland auf. Der Angeklagte, der Frau und zwei Kinder in Nigeria unterstützt, lebt in Rom mit einer Lebensgefährtin zusammen. Die soll in 30 bis 40 Fällen involviert gewesen sein. »Wie genau, ist ungeklärt«, gestand der Beamte. Was eindeutig dem Angeklagten zugeordnet werden könne, seien die angeklagten 659 Fälle, bei rund 200 weiteren Fällen gebe es keinen konkreten Bezug.

Bei dieser Gelegenheit gab Oberstaatsanwalt Dr. Martin Freudling bekannt, dass er in Verbindung mit den italienischen Behörden stehe, es aber von dort geheißen habe, die Unterlagen seien dermaßen umfangreich, dass sie nicht mehr per Post geschickt werden könnten. Freudling rechnet für die kommende Woche mit weiteren Informationen. Der Nigerianer ist in Italien mehrfach vorbestraft wegen Betrugs, Geldwäsche, Fälschung, Behinderung der Justiz, Amtsanmaßung und fahrlässiger schwerer Körperverletzung. Insgesamt verbrachte er drei Jahre hinter Gittern. Aufgrund eines Haftbefehls aus Traunstein vom Mai 2021 war der Nigerianer am 24. Oktober 2021 in Italien festgenommen worden. Seit 17. November sitzt er in der JVA Traunstein ein.

Der 48-Jährige räumte die Anklagepunkte vollständig ein; mehr aber sagte er dazu nicht. Oberstaatsanwalt Freudling würdigte das Geständnis des Mannes als wertvoll, weil ein Nachweis elektronischer Daten sehr komplex sei. Dem gegenüber stehe die »hohe kriminelle Energie« des Angeklagten und dessen »erhebliche Vorstrafen«. Nach Abwägung aller Kriterien beantragte Freudling eine Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Anders als das Gericht glaubte Rechtsanwältin Gabriele Sachse nicht, dass ihr Mandant in der Hierarchie der Täterclique ganz oben stehe, weshalb sie eine Strafe von zweieinhalb Jahren für ausreichend erachtete.

Vorsitzender Richter Martin Forster gestand, dass man gerne mehr erfahren hätte über Hintergründe und Strukturen. Gleichwie: »Die kriminelle Energie ist beträchtlich«, stellte er fest, und das italienische Strafregister deute darauf hin, dass solches Vorgehen nicht nur in der Bundesrepublik praktiziert worden war. Die drei Richter entschieden auf zwei Jahre und zehn Monate. Weil die Bahntickets im Schnitt um 50 Prozent unter dem regulären Preis verkauft wurden, reduzierte das Gericht den Wertersatz, der einzuziehen ist, auf 55.000 Euro. Das Urteil wurde noch im Gerichtssaal rechtskräftig.

Forster stellte dem Nigerianer in Aussicht, nach Verbüßung der Halb- oder Zwei-Drittel-Strafe nach Italien abgeschoben zu werden. Allerdings wunderte sich der Vorsitzende, dass dessen Aufenthaltsrecht trotz der massiven Straftaten stets weiter verlängert werde. Zuletzt im Jahr 2020 für weitere fünf Jahre.

höf