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192 Seiten Heimatgefühl

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Auch das Hochgartlehen in Bischofswiesen hat einen sehenswerten Balkon. Viele weitere außergewöhnliche Ansichten von heimischen Lehen sind im Heimatkalender 2014 zu sehen. Fotos: privat
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Feldkasten in Maria Gern. Mehr über den Sinn dieser Alten Bauwerke erfährt man im Heimatkalender 2014.

Berchtesgaden – Auf 192 Seiten Berchtesgadener Heimatgefühl vermittelt der jetzt im Verlag Berchtesgadener Anzeiger erschienene Heimatkalender 2014. Rosemarie Will konnte wieder zahlreiche Heimathistoriker, Hobbyforscher oder einfach nur heimatverbundene Einheimische ins Boot holen, die Geschichte und Gegenwart des Berchtesgadener Landes aus ungewöhnlicher Perspektive betrachten. Ihre Beiträge handeln von kunstvollen heimischen Balkonen, vom Getreideanbau und von der Bergrettung früherer Jahre, vom beliebten, mittlerweile verstorbenen Stiftsmesner Heini Zauner und freilich vom Berchtesgadener Dialekt. All das ist liebenswerte und spannende Heimatkunde zum Verschlingen für 8,90 Euro.


Rosemarie Will selbst hat die vielen sehenswerten Balkone des südlichen Berchtesgadener Landes fotografiert. Kunstvoll ausgeschnitten und verziert, schmücken sie vor allem die alten Lehen zwischen Faselsberg und Ettenberg. Schließlich ist der Balkon, der Gang oder die Lauben ein charakteristisches Merkmal der alpenländischen Architektur. Die Autorin legt mit den Ergebnissen ihrer »Fotoroas« dafür eindrucksvoll Beweis ab.

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Darüber hinaus sind es immer wieder die Berge, die zum Berchtesgadener Heimatgefühl gehören. Sie spielen in zahlreichen Beiträgen eine Rolle. So in der Geschichte von Karl Komposch, der sich an eine Bergrettung im Steinernen Meer im Jahr 1948 erinnert. Oder in dem Rückblick von Liane Gruber über die Entstehungsgeschichte des »Bergsteigerhauses Ganz«. Ein schrecklicher Seilschaftsabsturz in der Untersberg-Südwand war verantwortlich dafür, dass die Alpenvereinssektion Berchtesgaden Jahrzehnte später eine außergewöhnliche Erbschaft machte. Und freilich führt auch Magda Rechler, der der Heimatkalender ein Portrait widmet, den Leser wieder in die Berge.

Wer mit seinen Gedanken lieber im sicheren Tal bleibt, den könnten vielleicht die Geschichten von der Volksschule Berchtesgaden oder von der Auer Schule interessieren. Letztere ist bebildert mit historischen Fotos. Auf dem Bild von 1924 wird sich zwar wohl niemand mehr wiedererkennen – vielleicht aber auf dem von 1973.

Weitere Beiträge befassen sich mit der Stromversorgung am Obersalzberg von 1933 bis heute oder mit der Bedeutung des Feldkastens, wie er auch im Bischofswieser Wappen verewigt ist. Der Feldkasten steht im engen Zusammenhang mit dem Getreideanbau im Berchtesgadener Land, dem sich ein eigener Beitrag widmet.

Wieder Rosmarie Will selbst hat sich mit Maria Plenk von Unterhochgartlehen im Hochgartdörfl unterhalten und blickt auf die Geschichte des Anwesens aus dem Jahr 1385 zurück. Außerdem ließ sich die Autorin von Hans Meisl erzählen, wie leidenschaftlich zu früherer Zeit vor allem im Bereich Dürrnberg und Gmerk geschmuggelt worden ist.

Platz ist in dem neuen Heimatkalender auch für die Erinnerungen eines »Zuagroasten«, der das Berchtesgadener Land lieben gelernt hat. Darüber hinaus kramt Anna Größwang eine mündlich überlieferte Erzählung aus ihrem Gedächtnis hervor. Demnach soll ihre Urgroßmutter an einer Messe mit den Untersbergmandln teilgenommen haben. Nicht weniger schräg sind die Geschichten, die Franz Grüsser von den »Ganghoflern« erzählt, zu denen er früher freilich auch gehörte. Es sind Lausbubengeschichten der Nachkriegsjahre, die den Leser zum Schmunzeln und zum Staunen bringen.

Aufklärung gibt es im Heimatkalender auch darüber, wer der Glasermeister Franz Krempl war, oder warum das sogenannte »Sousaphon« Mitte der 50er-Jahre die Jugend im Berchtesgadener Land begeisterte. Das erzählt Manfred Angerer ebenso fesselnd wie die Geschichte vom verstorbenen Stiftsmesner Heini Zauner und dessen Moped namens »Perle«.

Der Leser erfährt Interessantes über das historische Buch »Denkmal der Erinnerung«, über alte Kirchenstuhlschilder, über den Zeichner Hans Gröll, die Künstlerin Annemarie Kowarsch, über die Symbolik der Spanschachtel, heimische Kunstwerke aus Marmor oder über die »Dirndlgwandaschneiderin« Marlene Stocker.

Wer mehr über den Berchtesgadener Dialekt und die Tracht wissen will, der sollte den Beitrag »Vom Gwand und wos dazua ghert« lesen. Um die Sprache geht es auch beim sogenannten »Diphtong«. Das sind Zwielaute, zwei aufeinander folgende Vokale wie »ui« oder »ai«. Auf Berchtesgadnerisch hieße das beispielsweise »Gfui« oder »Kaiwi«.

Das sind bei Weitem nicht alle Geschichten, die es im Heimatkalender 2014 zu entdecken gibt. Man muss sie ja auch nicht alle lesen – aber wert wären sie's schon. Ulli Kastner