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24-Jähriger wollte sich selbst den Hals umdrehen

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Bischofswiesen/Laufen – Besitz einer verbotenen Waffe, Widerstand gegen Beamte und zweimal Besitz von Betäubungsmitteln. So lautete die Anklage gegen einen 24-jährigen Pidinger Lehrling. Am Ende der Verhandlung am Laufener Amtsgericht blieb davon fast nichts mehr übrig. Nur weil der junge Mann schon einschlägig vorbestraft ist, verurteilte ihn Richter Dr. Karl Bösenecker zu einer Geldstrafe von 300 Euro wegen Besitzes von 1,1 Gramm Rauschgift. Bizarr in den Schilderungen aller Beteiligten: Der Pidinger hatte versucht, sich selbst das Genick zu brechen.


Er habe geschlafen im Zug von Berchtesgaden nach Freilassing, erzählte der Angeklagte im Gerichtssaal. »Plötzlich steckte da ein Ausweis in meiner Brille.« Zwei Fahnder aus Urwies wollten den Pidinger auf Höhe Bischofswiesen kontrollieren. Der händigte den beiden Beamten sofort sein Springmesser aus, verneinte jedoch, noch etwas anderes bei sich zu führen.

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Und so griff der 39-jährige Polizeihauptmeister selbst in dessen Hosentasche: Und fand 0,7 Gramm Haschisch und 0,4 Gramm Marihuana. »Lächerlich, jemand wegen so einer Kleinigkeit festnehmen zu wollen«, schimpfte der Pidinger. »Ich bin explodiert und ausgerastet«, gestand er. Mehr noch: »Ich wollte mir das Genick brechen.« Seine Demonstration im Gerichtssaal machte deutlich, dass er dazu in der Lage und in diesem Moment wohl auch Willens gewesen war.

Die beiden Beamten jedenfalls beteuerten übereinstimmend, so etwas noch nie gesehen zu haben. Sie hatten versucht, den Lehrling zu fesseln, um ihn vor sich selbst zu schützen. »Die Situation war extrem«, erinnerte sich der 39-jährige Polizeihauptmeister. »Er sträubte und sperrte sich«, ergänzte sein 48-jähriger Kollege: Allerdings: »Er hat nicht nach uns geschlagen oder getreten. Es war passiver Widerstand.«

Dr. Stefan Gerl vom Klinikum Gabersee hatte den Lehrling begutachtet und seinen Werdegang eruiert. Mehr als sechs Jahre habe der als Schüler Ritalin bekommen, von dem er glaubt, abhängig geworden zu sein. Als Jugendlicher habe er zu Alkohol, Crystal und LSD gegriffen. Inzwischen rauche er »nur noch zwei Tüten« am Tag. Für ihn »die beste Medizin«. Der Sachverständige erkannte kein hirnorganisches Psycho-Syndrom, aber eine psychische Abhängigkeit. »Und er fühlt sich im Recht«, so Gerl, »mit Kifferlogik gegen die Staatsmacht.« Eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit zum Zeitpunkt des Geschehens wollte der Psychiater nicht ausschließen.

In der Wohnung des Pidingers hatte man später noch Cannabissamen gefunden. »Nur zum Kauen, nicht zum Anbau«, versicherte der Lehrling glaubhaft. »Ein Nachweis, dass der zum Anbau bestimmt war, kann nicht geführt werden«, räumte auch Richter Bösenecker ein. Und auch der angebliche Verstoß gegen das Waffengesetz sei »in sich zusammengefallen«, denn ein Springmesser unter 8,5 Zentimeter Klingenlänge, das zudem nicht doppelt geschliffen sei, falle gar nicht unter das Waffengesetz.

»Und Widerstand war es auch nicht«, fügte Rechtsanwalt Udo Krause gleich noch hinzu. »Bleibt der unerlaubte Besitz von Betäubungsmitteln«, bilanzierte Bösenecker. »Mit einer lächerlichen Menge«, ergänzte auch hier der Verteidiger und regte an, die Sache einzustellen. Das lehnte Staatsanwalt Christoph Stehberger ab, da der Lehrling bereits einschlägig vorbestraft sei. Insgesamt drei Einträge finden sich im Bundeszentralregister, zwei davon in Zusammenhang mit Rauschgift. Stehberger plädierte auf eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 15 Euro.

Anwalt Krause legte sich nicht auf ein Strafmaß fest, lobte aber die »herzerfrischende Offenheit« seines Mandanten, verwies auf die »psychische Ausnahmesituation« und die lächerliche Menge, worüber eine Staatsanwaltschaft in Frankfurt oder Berlin nur müde schmunzeln würde. »Er ist auf dem richtigen Weg und seine Ausbildung ist hart genug«, resümierte Udo Krause.

Bösenecker entschied auch im Hinblick auf eine angenommene verminderte Schuldfähigkeit auf 20 Tagessätze zu je 15 Euro. höf