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500 Seiten für den Naturschutz im Landkreis

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Die Wälder am Hochstaufen, Reichenhalls Hausberg, sind laut Landesamt für Umweltschutz »sehr wertvoll«. In ihnen gibt es eine reichhaltigen Artenvielfalt zu entdecken sowie besonders schützenswerte Lindenbaum-Bestände. (Fotos: Bittner)
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Zentrales Schutzgebiet auch des Arten- und Biotopschutzprogramms: König Watzmann.

Berchtesgadener Land – Auf dem zentralen Tisch im Großen Sitzungssaals des Landratsamtes lagen gestern zwei Ordner, gefüllt mit je 250 Seiten. Sie beinhalteten das überarbeitete Programm für den Arten- und Biotopschutz im Berchtesgadener Land, erarbeitet von den Diplom-Biologen Daniel Fuchs und Werner Ackermann, vorgestellt und an den Landkreis überreicht von Ines Langensiepen, der Leiterin des Referates »Fachgrundlagen Naturschutz« am Bayerischen Landesamt für Umweltschutz. 500 Seiten also, vollgepackt mit den neuesten Erkenntnissen, Fakten und Ergebnissen einer zweijährigen Untersuchung der Flora und Fauna zwischen Laufen mit dem Haarmoos und Berchtesgaden mit dem Königssee und seinem Nationalpark. Im Zeichen des Klimawandels ist damit ein für alle Gemeinden höchst hilfreiches Nachschlagewerk entstanden.


Das Arten- und Biotopschutzprogramm (ABSP) ist als zentrales Fachkonzept für den Naturschutz und die Landschaftspflege zu verstehen. Eine Leitlinie ohne Rechtswirksamkeit, wie Ines Langensiepen betonte. Das Schreiben bündelt jedoch alle verfügbaren Daten und dient als Analyse und Bewertung. Darauf aufbauend werden flächenbezogene Ziele und Maßnahmen formuliert. Erfasst wurden Tier- und Pflanzenarten, Lebensräume sowie naturräumliche Einheiten.

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Über 27 000 Einzelnachweise von knapp 2 500 Tier- und Pflanzenarten sowie mehr als 4 400 Biotopflächen mit einer Gesamtfläche von insgesamt rund 28 000 Hektar haben Fachleute im Auftrag des Landesamtes für Umwelt (LfU) in den letzten Jahren erfasst und bewertet. »Wertvollste Lebensräume sind im Berchtesgadener Land noch erhalten«, betonte Ines Langensiepen bei der gestrigen Übergabe des überarbeiteten Programms im Landratsamt in Bad Reichenhall.

Zentrales Nachschlagewerk für den Landkreis

Die fachlichen Leitlinien des ABSP bilden eine wesentliche Datengrundlage und Planungshilfe für die Naturschutzbehörden, Gemeinden und Verbände im Landkreis und sind wichtiger Baustein der Bayerischen Biodiversitätsstrategie. Was muss getan werden, um die Artenvielfalt zu erhalten? Für welche Tier- oder Pflanzenarten ist der Landkreis in besonderem Maße verantwortlich? Welche Gebiete sind besonders schützenswert? Zu diesen und ähnlichen Fragen liefert das Arten- und Biotopschutzprogramm konkrete Antworten. »Es ist das zentrale Nachschlagewerk für den Naturschutz im Landkreis«, so Langensiepen.

Von landesweit herausragender Bedeutung für den Naturschutz sind die Berchtesgadener Alpen mit ihren Gebirgsstöcken und alpinen Hochlagen. Die ungestörten Felsbereiche des Hochkalters, Watzmanns oder des Steinernen Meeres sowie die extensiv genutzten Almen sind Lebensraum für seltene Felsbrüter und bieten eine beeindruckende floristische Artenvielfalt. In den Chiemgauer Alpen bildet der Verbund an Trockenlebensräumen mit den wärmeliebenden Buchenwäldern und den basenreichen Kiefernwäldern einen wertvollen Lebensraum. Auch das Haarmoos bei Laufen im Flachland mit seinen enorm wertvollen Wiesenbrüter-Beständen oder der Streuwiesenkomplex im Surtal sind laut Bundesamt von hohem naturschutzfachlichem Wert. Genauso wie die Wälder am Reichenhaller Hausberg, dem Hochstaufen, mit seinen sehr selten gewordenen Lindenbaum-Beständen. Hochmoore gibt es im Berchtesgadener Land aufgrund des Torfstichs im Landkreis kaum noch, eher Niedermoore, Streu- und Nasswiesen. Das Haarmoos am Abtsdorfer See gilt als herausragendes Gebiet, nicht nur für Wiesenbrüter.

450 000 Euro vom Bayerischen Umweltministerium

Der neue Arten- und Biotopschutzband wurde unter Beteiligung der Naturschutzfachleute des Landratsamtes von einem Münchner Planungsbüro erarbeitet – Daniel Fuchs und Werner Ackermann stellten zusammenfassend seinen Inhalt vor. Auch die Erkenntnisse ehrenamtlich tätiger Gebietskenner flossen dabei mit ein. Das Bayerische Umweltministerium hat für die Kartierungsarbeiten und das neue Programm Mittel in Höhe von rund 450 000 Euro bereitgestellt. Der Faktenkasten ist in zwei Teile aufgeteilt: In eine Biotop- sowie in eine Artenschutzkartierung. Das ABSP wird seit 21 Jahren für die Landkreise erarbeitet und angewendet, das Landesamt für Umweltschutz koordiniert die Arbeiten.

Biotope sind Lebensräume für viele gefährdete Tier- und Pflanzenarten und für den Naturhaushalt sowie den Menschen von besonderer Bedeutung. In der Biotopkartierung werden die für den Naturschutz wichtigen Flächen und die dort wachsenden Pflanzen im Gelände erfasst. Die Artenschutzkartierung erfasst die Fundorte und Lebensräume seltener Tierarten und speichert diese in einer landesweiten Datenbank. Zum Erhalt und zur Förderung besonders schutzwürdiger Gebiete gibt es in ganz Bayern über 388 BayernNetz-Natur-Projekte. Zwei davon befinden sich im Berchtesgadener Land: Das Haarmoos sowie das Gebiet der Sur zwischen Siegsdorf und Teisendorf.

Auch Landkreisschüler sollen profitieren

Bei der anschließenden Diskussion lobte Ainrings Bürgermeister Hans Eschlberger »die tolle Arbeit« der beteiligten Personen und regte an, das überarbeitete Programm auch allen Schulen im Landkreis zukommen zu lassen. Dies wolle Florian Kosatschek vom Landratsamt, der die Veranstaltung moderierte, in Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen des Biosphärenreservates veranlassen. Der neue Landkreisband einschließlich der Texte, der Karten sowie einem modernen Anwenderprogramm steht auch als Download unter www.lfu.bayern.de/natur zur Verfügung. Hans Bittner