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Über die Fähigkeiten zum Glücklichsein

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Erhaben: Marktbürgermeister Franz Rasp bei seiner Kanzelrede. (Foto: Meister)

Berchtesgaden – Er liebe in seiner Tätigkeit als Marktbürgermeister, im Besonderen die schwierigen Aufgaben, sagte Franz Rasp in seiner wohl ersten Kanzelrede.


Im Rahmen des Gottesdienstes in der Christuskirche hatte ihm Pfarrer Peter Schulz die Gelegenheit eingeräumt, von diesem außergewöhnlichen Rednerpult aus über seinen Alltag als Kommunalpolitiker, über seine Sehweise auf die Dinge, die seine Mitbürger »von unten herauf« oftmals ganz anders wahrnehmen und auch über Privates zu sprechen.

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Ob Franz Rasp seine Kanzelrede als besondere Aufgabe betrachtete oder als eine routinemäßige Rede in durchaus besonderem Raum, sagte er nicht. Dafür aber vieles, das wenigstens einen kleinen Einblick gestattete auf den Menschen Rasp in vielerlei Schattierung. Die evangelische Gemeinde jedenfalls, unter die sich auch zu diesem besonderem Gottesdienst einige katholische Glaubensschwestern und -brüder gemischt hatten, spendete dem Kanzelredner, auch im evangelischen Gottesdienst ungewöhnlich, Beifall.

»Hier stehe ich und kann nicht anders.« Diesen Martin Luther zugeschriebenen Satz, der allerdings die vom Volksmund verknappte, aber inhaltlich stimmige Version des tatsächlich vom Reformator vor dem Tribunal in Worms gebrauchten Wortlautes, stellte Pfarrer Peter Schulz in den Kirchenraum, bevor er auf die ein wenig aus der Reihe fallende Form dieses Gottesdienstes im Jahr des Gedenkens an die von 500 Jahren ausgelöste Reformation zu sprechen kam.

Keine politische Grundsatzrede sei zu erwarten vom Marktbürgermeister, es gehe darum, Einblicke nehmen zu dürfen, die ansonsten abgeriegelt sind. Carlo Goldonis »Diener zweier Herren«, ein auch schon vor fast drei Jahrhunderten geschriebenes Theaterstück nahm Pfarrer Schulz zum Anstoß für die Frage, ob man tatsächlich zwei Herren dienen könne, ob man gleichzeitig Gott dienen und dem Mammon vertrauen: »Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.«

»Nicht nur Beruf, sondern Berufung«

In der Kanzelrede des Nichttheologen Franz Rasp, im Gegensatz zur Predigt des Geistlichen, gehe es um die Möglichkeit, auf die Fundamente zu blicken, die allgemein verborgen blieben. Umso mehr könne man sich glücklich schätzen, wenn der Marktbürgermeister diese seltene Gelegenheit zulasse.

Das Amt des Marktbürgermeisters sehe er nicht nur als Beruf, sondern sogar als Berufung, sagte Franz Rasp, der redegewandte und redegewohnte Redner, der zur »Gemeinde« von auch für ihn sicher ungewohnten Plattform, optisch erhöht, aber nicht von oben herab wirken wollte. »Diese Arbeit macht mir Freude, ja, sie macht mich sogar glücklich«, bekannte Rasp. Freude, obwohl ein hoher Zeitaufwand notwendig ist, der gleichzeitig das Zeitbudget für die Familie verknappt und obwohl der Bürgermeister in den Augen der Bürger immer an allem Schuld ist. Und je schwieriger die Aufgabe sei, umso mehr habe er Spaß an dieser Arbeit. »Ich liebe es, anspruchsvolle Aufgaben zu lösen.«

Den richtigen Weg zu gehen, nicht den einfachen, das habe er sich von Anfang an zum Ziel gestellt, schon vieles, was den Beruf, was die Stellung wirklich ausmacht, ahnend. Offen diskutieren, unpopuläre Maßnahmen treffen und dafür nicht immer berechtigte Kritik ernten, das alles und mehr seien Merkmale eine Ortsoberhauptes. Und doch, oder gerade deshalb bringe ihm das Wirken als Marktbürgermeister persönlich Freude. Vor allem auch, wenn ein Ziel erreicht, ein Problem gelöst ist und mehr Platz für die vielen noch wartenden frei wird.

Ehrlichkeit sei für ihn Voraussetzung, betonte Franz Rasp, für ein erfolgreiches Arbeiten. »Ich möchte mich der Angst der Gesellschaft, Angst jedes Mandatsträgers vor der Ehrlichkeit, widersetzen. Als Bürgermeister könne man etwas schaffen, etwas bewegen und bewirken. Das sei ihm schon im ersten Wahlkampf um den Sessel des Marktbürgermeisters klar gewesen. »Wir sind nicht gewohnt, uns ehrlich den Problemen zu stellen.« Der Mensch und auch der Kommunalpolitiker sollte auch keine Angst vor den heiligen Kühen haben, und sich dagegen stellen, wenn eine wichtige Diskussion allzu leicht in Phrasen hinein driftet.

»Eigenverantwortung zum Glücklichsein«

»Wir«, und damit meinte Rasp wohl »die Berchtesgadener« und vielleicht ihre Nachbarn im Talkessel, »sind stark darin, eine Abgrenzung als Qualitätsmerkmal zu sehen. Abgrenzung aus Angst vor dem Verlust der Wurzeln vielleicht. Diese Angst zu überwinden sehe er auch als eine seiner Aufgaben.

Der Mensch habe die Eigenverantwortung zum Glücklichsein, sagte Rasp. Das gelte auch für ihn in seinem Amt. Die Fähigkeit zum Glücklichsein garantiere nicht automatisch ein sorgenfreies Leben, vielmehr zeige es Wege auf, wie man mit Widrigkeiten und Herausforderungen umgehe. »Vor der ersten Wahl habe ich mir vorgestellt, wie das alles sein wird, dass es mich interessieren könnte. Nun bin ich dort angekommen, wo ich meine Talente und Fähigkeiten ausleben kann – deshalb stehe ich hier und kann nicht anders.« Dieter Meister

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