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»A G’wand muaß ma a g'scheids hom«

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Klaus Morocutti (r.) bei der Wallfahrt 2012 zusammen mit (v.l.) Vorgeher Georg Imlauer, dem damaligen Polizeichef Günther Adolph und Vroni Zechmeister. (Foto: Mergenthal)

Schönau/Maria Alm – »A G’wand muaß ma a g’scheids hom«, weiß Klaus Morocutti (89) aus Erfahrung. Über 2 000 Pilger werden bei schönem Wetter morgen Samstag wieder bei der Almer Wallfahrt von Maria Alm nach St. Bartholomä erwartet.


Kein Gesicht ist so eng mit dieser Tradition verbunden wie das von Klaus Morocutti. Der Maria Almer inspirierte 1951 seine Freunde von der Trachtenmusikkapelle Maria Alm, die vermutlich über 400 Jahre alte Wallfahrt wieder zu beleben. Zwar geht er nach 60 Wallfahrten heuer zum dritten Mal nicht mehr selber mit, hält aber daran fest, mit den alt gedienten Musikanten zur Bartholomä-Kirchweih am Sonntag zu fahren.

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Auf die Frage, was für ihn treibende Kraft war, diese religiöse Tradition der Überlebenden der Pestzeit wieder aufzugreifen und Jahr um Jahr den beschwerlichen Weg über das Gebirge zu gehen, gibt es für ihn eine klare Antwort: »Des war a großer Dank dafür, dass i vom Kriag hoamkemma bin.« 1948 war er nach vierjähriger Gefangenschaft in Jugoslawien als letzter Maria Almer heim gekehrt. Diesen Dank drückt auch die von ihm gestiftete riesengroße Kerze aus, die er extra in Salzburg machen ließ, nachdem die Musikkapelle 50 Mal über das Steinerne Meer gegangen war.

Ein Maria Almer Schmied fertigte dazu einen gewaltigen Kerzenständer an. Im Wechsel mit anderen Musikanten trug Morocutti die Kerze selbst den langen Weg. Sie zeigt Maria Alm und St. Bartholomä und entspricht mit etwa 20 Kilo ungefähr den Aufzeichnungen im »Dürrnberger Liebfrauenbüchlein« von 1888. Darin ist von einem Gelübde der Maria Almer aus dem Jahr 1649 die Rede; ursprünglich ging die Wallfahrt bis zur Madonna in Dürrnberg, und St. Bartholomä war nur eine Zwischenstation. »Alle sechs Jahre kommt ein ansehnlicher Kreuzgang aus Saalfelden und opfert eine Wachskerze von 50 Pfund«, heißt es in dem Büchlein.

Morocutti hat ausgerechnet, dass die 1,50 Meter hohe Kerze 30 Jahre reicht, wenn sie jedes Jahr fünf Zentimeter abgebrannt wird. Das klappt leider nicht mehr, weil sie bei einer Hochzeit in St. Bartholomä angezündet und danach vergessen wurde. Aus Versehen brannte sie 14 Tage lang, und danach fehlten oben 30 Zentimeter. »Der Berggipfel ist halt weggebrannt.« Deshalb hat Morocutti den Docht herausgeschnitten, und es wird immer nur ein Stumpen hineingestellt.

Zunächst ging der Bariton- und Zugposaunenspieler, der zeitweise den Kapellmeister vertrat, mit der Musi mit und von 1980 bis 2002 – vor Georg Imlauer – als Vorgeher mit geschmücktem Pilgerstab. Viele Anekdoten weiß er zu erzählen. 1951 habe der Kapellmeister, der zugleich Gemeindesekretär war, Listen für die Zöllner anlegen müssen mit den Namen aller Wallfahrer. »Im Johr drauf ham’s de gleichen Listen herg’nomma, obwohl andere Leut’ dabei war’n«, erinnert sich Morocutti. So wurde durch Zuruf spontan bestimmt, wer sich unter dem entsprechenden Namen mit »Hier« melden sollte. Der Zöllner durchschaute das Ganze und meinte: »Lass ma des.« Von da an waren die Listen Geschichte.

Nur einmal hätten die Wallfahrer vor den in der Saugasse positionierten Zöllnern ihre Rucksäcke öffnen müssen, weil im Vorjahr eine vorlaute Marketenderin herumerzählt hatte, mit einem Busserl und Schnapserl seien die Zöllner leicht zu beschwichtigen. Trotz der Zwei-Liter-Schnapsflaschen, die die jungen Musikanten für die Marketenderinnen mittrugen, habe diese Kontrolle in der Saugasse jedoch keine Konsequenzen gehabt.

Auch seine drei Töchter begeisterte er fürs Wallfahren. Sie wollten gern 2016 ein letztes Mal mit ihm gehen, doch er spürte, nachdem er so oft gut nach Barthlmä gegangen war, dass die Zeit für ihn vorbei war. Doch er möchte es nicht missen, zur Kirchweih dort alte Freunde wie die Vroni Zechmeister zu treffen. »Ohne Barthlmä geht beim Vater gor nix«, erzählt seine Tochter Maria Becker. Ihr Vater kenne im Steinernen Meer jeden Stein, habe am 21. Juni dort immer die Bergfeuer entzündet und im Herbst geholfen, die Schafe zusammenzutreiben. Als Einziger habe er nach der Wallfahrt immer im Wirtshaus neben der Kirche St. Bartholomä nächtigen dürfen.

Maria Becker wurde übrigens durch die Wallfahrt Berchtesgadenerin. Bis 1983 war sie fünf Jahre als Marketenderin mitgegangen. 1985 lernte sie ihren Mann Kurt kennen, der an den Felswänden einen Steig gesucht hatte und am Eisbach zufällig zu den Fußpilgern stieß. Ihr Vater, der lange das Maria Almer Bauerntheater leitete, kannte Kurt bereits, weil er dort in einer Rolle eingesprungen war, die er auch im Berchtesgadener Bauerntheater spielte. »Ah, da Schauspieler is do!«, rief er damals Kurt zu und machte ihn mit Maria bekannt. Die zwei Söhne des Paars, heute 26 und 30 Jahre alt, erbten die Musikliebe und spielten mehrere Jahre bei der Marktkapelle Berchtesgaden.

Bei jedem Wetter ging Morocutti. Nichts konnte ihn abhalten, auch nicht, als seine Frau mit Maria hochschwanger war. Einmal habe es knietiefen Schnee gehabt. »Aber Schnee is' besser wia Regen. Da Schnee duad da nix, wenn’st a guads Gwand und Schuhwerk host.« Veronika Mergenthal

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