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Geschäftsführerin der Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice GmbH, Dr. Anja Friedrich-Hussong, weiß, Unternehmen planen, kurz- oder mittelfristig von Gas auf Öl umzusteigen und einen sogenannten »Fuel-Switch« zu vollziehen. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen: Betriebe im Berchtesgadener Land stehen vor Herausforderung

Berchtesgadener Land – Die Unsicherheit vor dem Winter in Sachen Energieversorgung macht den Betrieben im Landkreis zu schaffen, sagt Anja Friedrich-Hussong, Geschäftsführerin der Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice GmbH. Die Energiebilanz des Berchtesgadener Landes zeige die Abhängigkeit »von fossilen Energieträgern«. Geplant ist daher ein Energie-Effizienznetzwerk, dessen Ziel es ist, Einsparpotenziale zu erkennen.


Frau Friedrich-Hussong, mit allem, was Sie bislang wissen: Droht der heimischen Wirtschaft angesichts massiv gestiegener Energiekosten eine Pleite- oder Insolvenzwelle? Erhalten Sie bereits Notrufe aus der Wirtschaft?

Dr. Anja Friedrich-Hussong: Unsere Gespräche mit Unternehmern aus dem Landkreis zeigen, dass allen die Brisanz der aktuellen Situation bewusst ist. Vor allem, weil noch nicht abzusehen ist, wie sich die Lage weiter entwickeln wird. Wir haben allerdings bisher keine Notrufe aus der Wirtschaft erhalten. Generell ist das Insolvenzniveau im Landkreis derzeit niedrig: Insgesamt gab es 2020/21 neun Unternehmensinsolvenzen und 63 Insolvenzen übriger Schuldner, dazu kamen 36 Verbraucherinsolvenzen. Mit dauerhaft steigenden Energiepreisen, Löhnen und Zinsen haben wir jetzt aber eine langfristige Veränderung der Rahmenbedingungen. Man wird abwarten müssen, wie sich diese zukünftig auswirken.

Laut einer Studie des Industrieverbands BDI fürchten 34 Prozent der Betriebe um ihre Existenz. Über 50 Prozent sehen sich vor großen Herausforderungen. Gibt es Unternehmen im Landkreis, die ihre Produktion bereits gedrosselt, unterbrochen oder gar eingestellt haben?

Friedrich-Hussong: Die Unternehmen im Berchtesgadener Land stehen vor großen Herausforderung. Vor allem die Unsicherheiten, wie sich die Lage entwickeln wird, macht den Betrieben zu schaffen. Dazu kommt der Arbeitskräftemangel, der nach wie vor zu den Hauptproblemen zählt. Aktuell wissen wir jedoch von keinem Unternehmen im Landkreis, das die Produktion gedrosselt, unterbrochen oder eingestellt hätte.

Öl, Gas, Strom: Jeder Energieträger glänzt durch explosionsartig angestiegene Preissteigerungen. Wie abhängig, wie energieintensiv ist das Berchtesgadener Land überhaupt?

Dr. Friedrich-Hussong: Die aktuelle Energiebilanz aus dem Landkreis Berchtesgadener Land zeigt, dass wir nach wie vor abhängig von fossilen Energieträgern wie Gas sind: Mit Stand aus dem Jahr 2020 hatten wir einen Stromverbrauch von rund 420 Megawattstunden pro Jahr und einen Wärmeverbrauch von knapp 1,4 Millionen Megawattstunden (Stand 2018; Anm. d. Red.). Davon stammen beim Strom rund 40 Prozent aus erneuerbaren Energien, bei der Wärme lediglich rund 24 Prozent. Damit liegt das Berchtesgadener Land beim Strom aus den erneuerbaren Energien im Bereich des bundesweiten Durchschnitts, der bei 41,1 Prozent liegt. Bei der Wärme liegen wir hingegen deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 16,5 Prozent. Einige Firmen im Berchtesgadener Land haben bereits Fotovoltaik-Anlagen installiert oder planen entsprechende Investitionen. Unserer Einschätzung nach ist derzeit aber niemand völlig unabhängig vom Energiemarkt.

Die Molkerei Berchtesgadener Land hat Ölreserven im Hamburger Hafen angeschafft, um gewappnet zu sein. Wie rüsten sich andere Unternehmen im Landkreis vor dem bevorstehenden Winter und möglichen Lieferengpässen?

Dr. Friedrich-Hussong: Auch andere Unternehmen planen, kurz- oder mittelfristig von Gas auf Öl umzusteigen und einen sogenannten »Fuel-Switch« zu vollziehen. Ermöglicht wird das durch eine Änderung im Bundes-Immissionsschutzgesetz.

Das heimische Handwerk hatte bis zuletzt volle Auftragsbücher. Wie wirkt sich die Krise auf die hiesigen Betriebe aus?

Dr. Friedrich-Hussong: Das ist von Bereich zu Bereich ganz unterschiedlich. Fotovoltaik-Firmen, Elektriker und Betriebe aus dem Bereich der Heiztechnik haben nach wie vor volle Auftragsbücher. Bei anderen Handwerksbetrieben ist derzeit ein Auftragsrückgang erkennbar. Dabei spielen die steigenden Energie- und Rohstoffkosten eine Rolle, aber auch Faktoren wie die steigenden Zinsen und der Arbeitskräftemangel. Insgesamt erkennt man, dass die schwierige gesamtwirtschaftliche Lage bei den Unternehmen und Verbrauchern zu einer gewissen Zurückhaltung bei Investitionen führt.

Wenn Sie die Pandemie mit den aktuellen Zeiten in Vergleich setzen: Welche Krise trifft die Wirtschaft härter?

Dr. Friedrich-Hussong: Die Frage lässt sich nicht ohne Weiteres beantworten. Zum einen sind wir noch mitten in der Krise: Wir wissen weder bei der Corona-Pandemie noch bei der Energiekrise, wie sich die Lage in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln, und wie sich beides auf die Wirtschaft auswirken wird. Zum anderen lassen sich die meisten Entwicklungen nicht ausschließlich auf die Pandemie oder die Energiekrise zurückführen und ihnen zuordnen. Klar ist aber, dass in der Pandemie viele Unternehmen ihre Rücklagen aufgebraucht haben. Sie werden von der Energiekrise besonders hart getroffen.

Was muss Ihrer Meinung nach nun passieren, um den Wirtschaftsstandort im Berchtesgadener Land zu unterstützen?

Dr. Friedrich-Hussong: Wichtig ist vor allem, die vielen Mittelständler nicht aus den Augen zu verlieren. Das Energiekostendämpfungsprogramm beispielsweise war bisher auf energieintensive Betriebe ausgelegt. Bundesminister Robert Habeck hat nun aber betont, dass auch kleine und mittlere Unternehmen unterstützt werden sollen. Das ist eine gute Nachricht für viele Betriebe im Landkreis.

Wie wird sich die Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice aufstellen?

Dr. Friedrich-Hussong: Im Team des Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice gibt es mit Simon Koch einen eigenen Energie- und Nachhaltigkeitslotsen, der die Unternehmen in allen Fragen rund um betriebliche Klimaneutralität, Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und verantwortungsvolles Wirtschaften unterstützt. Seine Aufgabe ist es, die Betriebe bei der Entwicklung von Maßnahmen in den Bereichen Energie, Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit zu begleiten, Tipps zu möglichen Förderungen zu geben und den Erfahrungsaustausch zwischen den Unternehmern im Landkreis und weiteren Akteuren zu initiieren und zu moderieren. Unser Innovations- und Förderlotse Lars Holstein ist ebenfalls guter Ansprechpartner für Unternehmer, die in Sachen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit, Innovation oder auch Digitalisierung investieren und mögliche Förderprogramme ausloten möchten. Außerdem entsteht momentan in enger Zusammenarbeit mit Bayern Innovativ und der Forschungsstelle für Energiewirtschaft ein Energieeffizienz-Netzwerk. Dessen Ziel ist, die Einsparpotenziale der Unternehmen im Landkreis verfügbar zu machen und somit die Energiekosten zu senken. Wir laden interessierte Unternehmen ein, sich an diesem Netzwerk zu beteiligen. Sie können sich noch bis 30. September bei Simon Koch unter 08654/775010 melden.

Kilian Pfeiffer