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Alle Doku-Führer entlassen

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Keine Rundgangsleiter mehr in der Dokumentation Obersalzberg: Mit 22 Mitarbeitern hat das Institut für Zeitgeschichte nun die Zusammenarbeit beendet. Foto: Anzeiger-Archiv

Berchtesgaden – Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) hat am Freitag die Zusammenarbeit mit allen 22 freiberuflichen Rundgangsleitern in der Dokumentation Obersalzberg zum 31. Oktober beendet, wie der »Berchtesgadener Anzeiger« von mehreren Betroffenen am Montag erfuhr. Bereits vereinbarte Führungstermine im November und darüber hinaus werden abgesagt. Gründe für die Entscheidung seien rechtlicher Natur. Die Mitarbeiter fühlen sich vor den Kopf gestoßen, »dem Institut für Zeitgeschichte ist anscheinend alles scheißegal«, so ein Mitarbeiter.


Lisa-Graf Riemann ist Rundgangsleiterin in der Dokumentation Obersalzberg. Noch bis zum Ende des Monats. Dann endet ihre Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte. »Wir wurden Ende letzter Woche gefragt, ob wir in die Dokumentation kommen können.« Ohne Nennung eines Anlasses, sagt Graf-Riemann. Nur so viel: Das Thema sei wichtig. Dr. Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, erwartete die Rundgangsleiter. Nach Aussage einiger Mitarbeiter kam er recht schnell zur Sache, nüchtern war die Ansprache. Alle Rundgangsleiter werden ab November nicht mehr in der Dokumentation Obersalzberg beschäftigt, weitere Führungstermine über den 31. Oktober hinaus würden storniert.

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Die Beendigung der Zusammenarbeit erfolge auf Weisung des Finanzministeriums, wie die Heimatzeitung aus Mitarbeiterkreisen erfuhr – »juristische« Gründe. Der Vertreter des Instituts für Zeitgeschichte wollte sich auf Nachfrage der Mitarbeiter im Detail nicht äußern, er wisse selbst nichts Genaueres. Eine Anfrage des »Berchtesgadener Anzeigers« blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

In Mitarbeiterkreisen heißt es, das Thema Scheinselbstständigkeit hätte den Ausschlag für das Aus gegeben. Andere Erklärungsversuche blieben bislang ohne Erfolg. Denn Fakt ist, dass die Dokumentation im Sommer die erfolgreichsten Monate überhaupt verbuchte und auf die Rundgangsleiter angewiesen ist. »Es kamen so viele Besucher wie noch nie«, berichtet eine Rundgangsleiterin im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«. 30-Minuten-Takt, bis zu elf Führungen pro Tag wurden gegeben, auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Ungarisch – die vom Institut für Zeitgeschichte zertifizierten Mitarbeiter seien »unersetzlich«.

Alle 22 Rundgangsleiter wurden von der Entscheidung überrumpelt. »Viele waren enttäuscht, andere wütend, wieder andere weinten«, berichtet Graf-Riemann. Die Wut gilt derzeit dem Institut für Zeitgeschichte, von dem aus das Tagesgeschäft in der Dokumentation am Obersalzberg gesteuert wird.

»Das Institut zeigt sich als bloßer Befehlsempfänger des Finanzministeriums, ohne die Weisung zu hinterfragen oder sich für die Mitarbeiter einzusetzen«, sagt Graf-Riemann. Und das, obwohl das IfZ die Mitarbeiter alle angeworben, ausgebildet, geprüft und zertifiziert hat.

»Die einzige sehr vage Perspektive, die genannt, aber als völlig unverbindlich hingestellt wurde, war, dass wir einen Verein gründen sollen, selbst Führungen akquirieren und die finanzielle und versicherungstechnische Abwicklung eigenständig organisieren«, sagt Graf-Riemann. Auf den Einwand, das könnte kommerziellen Anbietern und Reiseunternehmen, die ein rein finanzielles Interesse haben und keinem Bildungsauftrag folgen, Tür und Tor öffnen, gab es nur ein Schulterzucken des IfZ-Vertreters als Antwort.

Auch Rundgangsleiterin Birgit Mündl ist über das Vorgehen enttäuscht. Sie sieht die Bildungsarbeit am Obersalzberg in Gefahr. Markus Rosenberg, Betriebsleiter der Dokumentation, erfuhr erst am Montagmorgen von der »Kündigung« der Rundgangsleiter. Eine Stellungnahme wollte er nicht geben und verweist auf den Leiter der Dokumentation, Dr. Axel Drecoll. Dieser ist zwar erreichbar, verspricht einen Rückruf »in fünf Minuten«. Es bleibt bei dem Versprechen. Denn das Thema ist brisant.

Und dies alles, nachdem nun entschieden wurde, dass die Dokumentation Obersalzberg wegen der Besucherzahlen für 17 Millionen Euro erweitert werden soll. »Wie ist das ohne Rundgangsleiter möglich«, fragt eine Mitarbeiterin. Ob bereits ein neues Konzept, das den Wegfall der Rundgangsleiter auffängt, in der Schublade liegt, ist nicht bekannt, zumindest machte aber der stellvertretende Direktor, Dr. Magnus Brechtken, am Freitag darauf aufmerksam, dass an einem solchen wohl gefeilt werde. Im Winter sollen die beiden fest angestellten Museumspädagoginnen der Dokumentation die Führungen übernehmen. Und im Sommer, wenn Zehntausende Besucher kommen?

Für die Rundgangsleiter ist das Thema »Doku Obersalzberg« erst einmal durch. »Weil es keine Art und Weise ist, wie das IfZ arbeitet«, sagt eine. Und Rundgangsleiter Tibor Legrady meint auf Facebook: »Jeder polnische Spargelstecher wird besser behandelt.« Kilian Pfeiffer